MB-Monitor 2015

Klinikärzte klagen über hohen Zeitdruck und gesundheitliche Beeinträchtigungen

Henke: „Große Diskrepanz zwischen beruflicher Anforderung und personeller Ausstattung“

05.11.2015 – Die berufliche Realität der Krankenhausärzte ist von hohem Zeitdruck und Arbeitsüberlastung geprägt. Deutlich mehr als die Hälfte der Klinikärzte (59%) fühlt sich durch ihre Tätigkeit „häufig psychisch belastet“. Mehr als zwei Drittel (69%) beklagen, nicht ausreichend Zeit für die Patientenbehandlung zu haben. Nahezu drei Viertel der Klinikärzte (72 Prozent) haben das Gefühl, dass die Gestaltung der Arbeitszeiten im Krankenhaus die eigene Gesundheit beeinträchtigt, z.B. in Form von Schlafstörungen und häufiger Müdigkeit. Diese Ergebnisse hat die diesjährige Mitgliederbefragung des Marburger Bundes zu Tage gefördert. An der vom Institut für Qualitätsmessung und Evaluation (IQME) in Landau durchgeführten Online-Befragung MB-Monitor 2015 beteiligten sich in der Zeit vom 4. September 2015 bis 4. Oktober 2015 bundesweit rund 4.000 angestellte Ärztinnen und Ärzten aus allen Krankenhausträgergruppen.

Über alle Altersgruppen und beruflichen Positionen hinweg wird die hohe, vor allem durch den ökonomischen Druck verursachte Arbeitsverdichtung beklagt. Die tatsächliche Wochenarbeitszeit inklusive aller Dienste und Überstunden liegt bei mehr als zwei Drittel der Befragten im Durchschnitt deutlich über 48 Stunden (Höchstgrenze nach dem Arbeitszeitgesetz). Fast die Hälfte der Klinikärzte (46%) arbeitet 49 bis 59 Stunden und jeder Fünfte (21%) 60 bis 79 Stunden pro Woche im Durchschnitt. „Die Zahlen des MB-Monitor 2015 machen die große Diskrepanz zwischen beruflicher Anforderung und personeller Ausstattung in den Kliniken deutlich. Für dieses Missverhältnis sind vor allem die Bundesländer verantwortlich, die seit Jahren ihren Investitionsverpflichtungen nur sehr unzureichend nachkommen. Dies führt dazu, dass vielfach Betriebsmittel, die eigentlich für die Patientenversorgung und das Krankenhauspersonal vorgesehen sind, für dringende bauliche Maßnahmen verwendet werden. Leider ist es nicht gelungen, die Länder im Zuge der Beratungen über die Krankenhausreform zu einer stärkeren Investitionstätigkeit zu verpflichten. Damit werden wir uns aber nicht zufrieden geben. Das Thema bleibt auf der Agenda“, sagte Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes.

Eine Reihe von Fragen aus der aktuellen Mitgliederbefragung wurde auch bei früheren Befragungen des Marburger Bundes gestellt. Der Zeitreihenvergleich ergibt u.a., dass die tarifpolitischen Bemühungen des Marburger Bundes, die Arbeitgeber zu einer systematischen Erfassung sämtlicher Arbeitszeiten zu bewegen, zunehmend Wirkung entfalten. 44 Prozent der Ärzte teilen im MB-Monitor 2015 mit, dass ihre Arbeitszeit elektronisch erfasst wird. Bei der ersten großen Mitgliederbefragung des Marburger Bundes im Jahr 2007 lag dieser Anteil noch bei 26 Prozent und im Jahr 2010 bei 36 Prozent. Inwieweit die dokumentierte Arbeitszeit vollständig vergütet wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Denn 28 Prozent der befragten Ärztinnen und Ärzte sagen, dass ihre Überstunden weder überwiegend vergütet noch mit Freizeit ausgeglichen werden. Ausgehend von 7,3 Überstunden pro Woche (Mittelwert aus den aktuellen Angaben der Ärzte) fallen jährlich schätzungsweise 15,4 Millionen Überstunden an, die nicht bezahlt oder mit Freizeit ausgeglichen werden. Faktisch geht jeder dritte Klinikarzt regelmäßig leer aus, wenn er Mehrarbeit leistet.