MB-FORUM Wissen und Gesundheit

Quo vadis Berliner Gesundheitswesen – zwischen Health Capital und Capitalized Health?

„.....wir sitzen alle in einem Boot, es sollten bitteschön aber auch alle rudern...und wenn dann am besten auch noch in die gleiche Richtung!"

25.02.2014 – ...hieß das das Thema im MB-FORUM Wissen und Gesundheit am 24. Februar in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Wieder war der Einsteinsaal sehr gut gefüllt und ca. 50 Gäste folgten der spannenden Diskussion, welche von unserem Vorstandsmitglied und Präsidenten der Ärztekammer Berlin Günther Jonitz moderiert wurde ...

Am Expertentisch hatten Platz genommen Prof. Walter Rosenthal, Chef der MDC und neuer Sprecher des Clusters Gesundheitswirtschaft, von der AOK-Nordost Herr Heese und unser MB-Vorstandsmitglied Thoms Werner.

Prof. Meinlschmidt, Lehrstuhlinhaber bei Public Health und Referatsleiter in der Gesundheitsverwaltung musste krankheitsbedingt leider kurzfristig absagen. So saßen dieses Mal auf dem Podium:

- Prof. Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

- Heiko Thomas, gesundheitspol. Sprecher der AH-Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen

und Rolf Dieter Müller, ehemaliger Vorsitzender der AOK-Berlin der auch das Intro hielt.

Müller begann mit einer Problembeschreibung hinsichtlich der Organisationsstrukturen und der Partikularinteresse einzelner Player im Gesundheitswesen und betonte die monetäre Verengung des Themas.

Er benannte aber auch die sich bietenden Chancen des gesellschaftlichen Wandels, incl. Demografie, Chancen bezogen auf den medizinisch-technischen Fortschritt und Chancen durch neue technologische Unterstützung mittels IT, E-Health und Telemedizin.

In seiner Analyse der Berliner Versorgungssituation ging Müller auf die verschiedenen Versorgungsbereiche ein.

Für den Bereich der Prävention beschrieb er die besondere Herausforderung mit Blick auf Demografie und Fachkräftemangel sowie die wachsende Rolle betrieblichen Gesundheitsförderung im Wandel in der Arbeitswelt. Ein Hauptproblem liegt nach Müller in der begrenzten Transparenz der Angebotsvielfalt.

Im Bereich des ambulanten Sektors bewertete Rolf Dieter Müller die Situation in der allgemein- und fachärztlicher Versorgung wie folgt:

  1. ungleiche Verteilung im Verdichtungsraum z. B. Berlin mit Über- und Unterversorgung . Problem sozialschwache Stadtteile
  2. differenzierte Situation in der Fläche Brandenburgs mit Unter- bzw. fehlender Versorgung

Zur stationären Versorgung sagte Müller:

„Wir haben eine überwiegend bedarfsgerechte Versorgung in der Zahl der stationären Einrichtungen mit teilweise Verwerfungen hinsichtlich der spezifischen Bedarfe für die unterschiedlichen Indikationen. Die Universitätsmedizin ist qualitativ und quantitativ auf hohem Niveau vorhanden! Probleme zeichnen sich in der Fläche hinsichtlich der Gewinnung von Ärzten und Pflegekräften ab." Dies wurde in der Expertenrunde von dem anwesenden AOK-Vertreter, Herrn Heese, ausdrücklich bestätigt.

Und im Bereich der Rehabilitation lobte er das gut ausgebaute Netz an qualitativ hochwertigen Einrichtungen. Er sieht eine klare Priorität der stationären Einrichtungen in Brandenburg, aber der Ausbau von ambulanten Einrichtungen sei sinnvoller, denn je, auch zur Stabilisierung der Ergebnisse der stationären Versorgung.

Er betonte, dass eine bessere und frühere Vernetzung zwischen stationärer Versorgung und Rehabilitation zwingend erforderlich sei!

In der Diskussion wurden Lösungsansätze auf der Grundlage der Bestandsaufnahme herausgearbeitet.

Professor Stock stellte gerade den Standortvorteil Berlins mit Wissenschafts- und Gesundheitszentren in den Vordergrund, beste Voraussetzungen für einen enormen Gesundheitsmarkt und eine dynamische Gesundheitswirtschaft mit einem Gesamtumfang von 15 Mrd.

Dass Gesundheitswirtschaft nicht zum Selbstzweck verkommen darf, sondern immer in der Versorgung auch landen muss, war ein Schwerpunkt der Diskussion. Auf der einen Seiter haben wir erfolgreiche Player auf dem Gesundheitsmarkt auf der anderen Seite sind die Investition für Berliner Krankenhäuser nahezu gen Null gefahren. Da stellt sich die Frage, wer wirtschaftet hier wie mit Gesundheit und wo bleiben die Patienten?

Günther Jonitz stellte in seiner Moderation gerade diesen Widerspruch der hochgepriesenen Gesundheitsstadt in den Fokus oder geht es doch immer mehr um Ökonomie, um capitalized health?

Entscheidend ist, was kommt bei den Patienten an und was bei den Mitarbeitern in den Gesundheitseinrichtungen, deren Bedingungen sich von Jahr zu Jahr verschlechtern. Ein wichtiger Teil der ganzheitlichen Versorgung, die Zuwendung an die Patienten bleibt mehr und mehr auf der Strecke.

Fazit des Abends

„.....wir sitzen alle in einem Boot, es sollten bitteschön aber auch alle rudern...und wenn dann am besten auch noch in die gleiche Richtung!"

  1. Gesundheits- und Wissenschaftspolitik Berlins müssen zusammengeführt werden. Es kann nicht sein, dass für die Unimedizin Charité zum einen und die „restlichen" Krankenhäuser zum anderen unabgestimmt geplant wird.
  2. Politik und Krankenkassen müssen gemeinsam Lösungen für die zukünftig immer mehr wachsenden Pflegeaufgaben finden
  3. Natürlich muss auch mehr Geld ins System
  4. Die Beteiligten im Gesundheitswesen müssen miteinander und nicht nebeneinander agieren: So ist für den 14.6. im Berliner Abgeordnetenhaus ein Tag der Gesundheitsberufe geplant!
  5. Wir brauchen mehr Transparenz und Ehrlichkeit bei den Entscheidungen und mehr Zusammenarbeit der Akteure
  6. Nötiger denn je ist eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung
  7. Wir brauchen eine wieder verstärkt menschliche, humane Medizin.

Reiner Felsberg


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