#digitalgipfelgesundheit

Zu Risiken und Nebenwirkungen … ?

von Stephanie Walter

Hannover, 22.12.2017 – Von Datensicherheit war an diesem Tag viel die Rede, von Gefahren und Chancen, von Smart Health und Reformbedarf. Ärztekammer und Hochschule Hannover hatten Akteure aus Gesundheitswesen, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zum ersten Digitalgipfel Gesundheit Niedersachsen geladen.

Ein digitalisiertes Gesundheitswesen sei kein Selbstzweck, sondern diene primär der Verbesserung der Patientenversorgung, betonte Niedersachsens Kammerpräsidentin Dr. Martina Wenker gleich zu Beginn. „Die Digitalisierung darf auch keineswegs dazu führen, dass patientennahe ärztliche Kompetenzen nur über eine Datenleitung aus der Ferne angeboten werden“, warnte sie. Die Patienten hätten weiterhin das uneingeschränkte Recht, durch einen Arzt des Vertrauens vor Ort behandelt zu werden.

Patienten wollen Digitalisierung

Digitalminister Dr. Bernd Althusmann plädierte dafür, die Chancen zu erkennen, anstatt die Risiken übermäßig zu betonen. In den nächsten Jahren gelte es, die Telemedizin zu stärken und das Land in Sachen Breitbandausbau zukunftsfähig aufzustellen. „Wir benötigen einen Dialog zwischen Medizin und Wirtschaft“, hob er hervor.

„Wie wollen wir leben?“ Das sei die eigentliche Frage der Digitalisierung, machte Prof. Dr. Dr. Heiner Fangerau deutlich. Der Medizinethiker warf in seinem Hauptvortrag aber auch selbst Fragen auf: Bewirkt die Digitalisierung wirklich einen Nutzen, der sich positiv auf Gesundheit auswirkt? Geht mit der Optimierung der Daten eine Gesundheitsoptimierung einher? Natürlich bringe die Digitalisierung viel Neues mit sich – tatsächlich neu sei aber gegebenenfalls die neue Diagnostik. Allerdings: „Die Patienten werden die Digitalisierung haben wollen, da kommen alle anderen Beteiligten wie beispielsweise die Ärzte gar nicht dran vorbei“, machte Fangerau den Handlungsbedarf klar.

Vorreiter Estland

Was in Deutschland noch Zukunftsmusik ist, ist in Estland längst Alltag: seit 2010 werden Arzt-Rezepte elektronisch ausgestellt, inzwischen zu 99 Prozent. Gesundheitsdaten sollten sicher verwendet, nicht vor der Verwendung geschützt werden, gab Kriistina Omri von der estnischen Botschaft zu bedenken. Sie gewährte einen Blick ins digitale Patientenportal. Hier kann sie mit ihrer Mobil ID neben ihren eigenen Daten die ihrer Kinder oder anvertrauter Dritter aufrufen. Über die sogenannte X-Road ist inzwischen ein Datenaustausch mit Finnland möglich. Welcher Arzt auf welche Daten zugreifen darf, kann die Patientin beeinflussen und nachvollziehen, ob dies geschehen ist.  

In Deutschland rufen die neuen Entwicklungen auch Bedenken hervor: Geht mit der Digitalisierung eine Dehumanisierung der Medizin einher? Welche Daten möchte man preisgeben, welche nicht? Das Private werde öffentlich und es werde medizinisch – aber das müsse nicht unbedingt schlecht sein. Bewusstes Monitoring sei schließlich bei Gruppen der Anonymen Alkoholiker, Weight Watchers und anderen ein erprobtes Vorgehen. Auch in der Digitalisierung unterwerfe sich der Menschen nicht der Technik, sondern vielmehr dem System bzw. den Personen dahinter. „Verbesserte Gesundheit führt dazu, dass Menschen länger am Leben teilhaben können. Gleichzeitig führt Transparenz dazu, dass Privatheit aufgegeben wird“, verdeutlichte Prof. Dr. Dr. Heiner Fangerau das Spanungsfeld.

Entwickeln und mitgestalten

Die Telemedizin werde den Zeitbedarf der Fachdisziplinen verändern, gab Ärztekammer-Justiziar Prof. Dr. Karsten Scholz zu bedenken. Er veranschaulichte an Beispielen wie „Was sagt eigentlich Ihre Haftpflichtversicherung dazu?“, dass rechtliche Standards im Vorfeld geregelt werden müssen.

Thematische Foren widmeten sich unter anderem den Komplexen Medizinapps und Gesundheitsapps. Fachgesellschaften und möglicherweise auch Berufsverbände sollten mit ihrer Expertise Apps mitgestalten oder sogar selbst entwickeln, befanden die Teilnehmenden.

Digitalisierung soll entlasten

Auf die Fürsorgepflicht des Staates für Menschen, die Risiken der Digitalisierung nicht selbst durchdringen, können, verwies der Medien- und IT-Rechtler Professor Dr. Fabian Schmieder in der Abschlussdiskussion. Zu den Diskutanten zählte Tobias Steiniger MHBA, Zweiter Vorsitzender des Marburger Bund Niedersachsen, der in seiner Arbeit in der Notaufnahme täglich digitalisierte Patientenakten und ein Workflow-Management-Programm nutzt. “Digitale Prozesse können und dürfen niemals Ärzte oder ärztliche Leistungen ersetzen. Sie sollen entlasten und dürfen nicht zu einer Triebfeder einer weiteren Arbeitsverdichtung werden“, resümierte er. Zugleich müsse die Ärzteschaft die digitalen Möglichkeiten als Werkzeug verstehen, die zunehmende Arbeitsverdichtung zu bewältigen.

Der Digitalgipfel Gesundheit soll zum festen Format werden, hieß es bei der Ärztekammer Niedersachsen. Ein Termin für Herbst 2018 sei bereits in Planung.