Bezirksärztekammer Koblenz

„Wenn wir unsere Zukunft in den Ärztekammern nicht selber gestalten, werden es andere für uns tun.“

Dr. med. Jürgen Dannhäuser im Interview

Koblenz, 14.09.2017 – Dr. Jürgen Dannhäuser ist Arzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Betriebs-, Notfall- und Sozialmedizin. Er ist aktives Mitglied im Marburger Bund. Nach einer 13-jährigen Kliniktätigkeit in Mayen ist Dannhäuser seit 1996 als Gutachterarzt und seit 2002 zusätzlich als Betriebsarzt für die Deutsche Rentenversicherung Rheinland-Pfalz tätig. Seit 2006 engagiert er sich in der Fraktion des Marburger Bundes in der Vertreterversammlung der Bezirksärztekammer Koblenz. Seit dieser Legislaturperiode hat Dannhäuser auch den Vorsitz des Fortbildungsausschusses inne. Einen Schwerpunkt seiner berufspolitischen Arbeit sieht er in der Fortbildung, aber auch in Themen wie demografischer Wandel und der Arzt-Patienten-Kommunikation. Dannhäuser äußerte sich zu berufspolitischen Themen im jüngsten Newsletter der Bezirksärztekammer Koblenz in einem Interview.

 

BZÄK Koblenz: Was war Ihre Intention sich berufspolitisch in der Bezirksärztekammer zu engagieren?

Dr. Dannhäuser: Wenn ich zurückdenke, war die Kammer für mich etwas Institutionelles und ich hatte weniger das Gefühl, dass da eine Selbstverwaltung dahintersteckt. Je mehr man sich damit auseinandersetzt, umso eher wird auch klar, wie sehr die Ärzteschaft selber da etwas mit beeinflussen kann. Ich halte es deswegen für wichtig, dass wir uns engagieren, damit wir unser Schicksal selber in die Hand nehmen können, statt dass uns Entscheidungen der Politik vorgesetzt werden.

BZÄK Koblenz: Ihr Schwerpunkt innerhalb der Ärztekammer ist die Fortbildung. Wo genau liegen da Ihre Aufgaben?

Dr. Dannhäuser: Fortbildung war immer schon ein Thema, das mich interessiert hat. Es war mir auch selbst wichtig, mich fortzubilden. Wenn ich mich nicht auf dem neuesten Stand halte, kann ich nicht entsprechend mitreden bzw. den Patienten gegenüber die neuesten Erkenntnisse vertreten. Seitens der Kammer hat der Fortbildungsausschuss die Aufgabe, die Fortbildung, die zertifiziert werden soll, zu beurteilen, ob sie zertifiziert werden kann oder nicht. Dazu gibt es eine Fortbildungssatzung. Die Kammer initiiert aber auch eigene Fortbildungen. In der letzten Periode gab es zum Beispiel eine Fortbildungsreihe zusammen mit den Kreisärzteschaften zum Thema Burn-out, bei der auch der Fortbildungsausschuss mit im Boot war.

BZÄK Koblenz: Sie haben die Fortbildungsreihe für Ärzte zum Thema „Burn-out“ angesprochen. Sollte die Kammer einen größeren Fokus auf Themen lenken, die den Ärzten selbst zu Gute kommen?

Dr. Dannhäuser: Es ist sicherlich häufig so, dass dann, wenn ich jemand Anderen im Fokus habe, ich mich um Andere kümmere, der Blick auf mich selbst eher verstellt ist. Das bedeutet aber nicht, dass eine Fortbildung zu einem bestimmten Thema, welches für den Patienten wichtig ist, nicht auch für mich selber oder die Familie wichtig ist.

Die Frage ist, inwieweit hier auch Transferschritte gemacht werden. Wenn aus dem Kreis der Kolleginnen und Kollegen Wünsche zu einem bestimmten Themenbereich bestehen, bin ich gerne bereit, diese aufzugreifen und zu schauen, welche Möglichkeiten es gibt, entsprechende Fortbildungsveranstaltungen zu realisieren.

BZÄK Koblenz: Was könnten das zum Beispiel für Fortbildungsthemen sein?

Dr. Dannhäuser: Zukunftsvorsorge ist zum Beispiel ein Thema, welches langsam in der Gesellschaft mehr Bewusstsein findet. Angefangen von der Patientenverfügung über entsprechende Vollmachten bis hin zu Regelungen, dass ich testamentarisch möglicherweise etwas festlege oder Regelungen für den Fall treffe, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Auf die Ärzteschaft bezogen könnten das Angebote für Praxisinhaber oder für Klinikärzte sein, um hier Vorsorgeregelungen gezielt in den Blick zu nehmen.

BZÄK Koblenz: Sie sind seit 1983 als Arzt tätig. Gibt es aus dieser Erfahrung heraus weitere Themen, die Ihnen berufspolitisch sozusagen am Herzen liegen?

Dr. Dannhäuser: Da gibt es zwei wesentliche Punkte: Das eine ist, dass die Kommunikation mit dem Patienten wieder mehr gesucht werden müsste. In der Medizin finden sehr viele medizinisch-technische Verfahren Anwendung, umso wichtiger ist aus meiner Sicht das Gespräch mit dem Patienten. Ein zweiter, ganz wesentlicher Punkt, ist die Demographie, sowohl in der Patientenschaft als auch in der Ärzteschaft.

BZÄK Koblenz: Bleiben wir beim Arzt-Patientengespräch. Warum ist dieses aus Ihrer Sicht so wichtig?

Dr. Dannhäuser: Weil sich der Patient in der Schilderung seiner Leiden anders ernst genommen fühlt, wenn er Alles schildern kann, was ihn bedrückt. Er soll nicht nach einer kurzen Zeit das Gefühl haben, jetzt muss etwas Anderes geschehen, jetzt ist keine Zeit mehr zum Reden. In meiner Ausbildung habe ich es noch gelernt und das bestätigt sich immer wieder: Wenn ich eine vernünftige Anamnese erhebe, kann ich mir einen großen Teil der sonstigen Diagnostik sparen, weil ich so schon sehr geleitet werde, wo es langgeht.

Damit kann ich Ressourcen sparen, den Patienten eventuell Belastungen ersparen und es gibt ein ganz anderes Gefühl der Bindung zwischen Arzt und Patient. Und wenn wir sehen, dass in den letzten Jahren die Psychosomatik mehr in den Fokus gekommen ist, kann ich das nur über das Gespräch abdecken und nicht über apparative Maßnahmen. Gespräch bedeutet auch emotionale Zuwendung, das darf man nicht außer Acht lassen. Dies kommt bei apparativen Untersuchungsmethoden zu kurz, auch wenn diese natürlich ihre Berechtigung zur Abklärung von Krankheiten bzw. zur Einleitung von therapeutischen Maßnahmen haben und für den medizinischen Fortschritt wichtig sind.

BZÄK Koblenz: Viele Ihrer Kollegen würden sich sicherlich gerne intensiver ihren Patienten widmen. Nur werden Sie Ihnen auch entgegenhalten, dass das Gespräch mit dem Patienten nicht entsprechend honoriert wird.

Dr. Dannhäuser: Das ist ein großes Manko, weil da aus meiner Sicht seitens der Politik Signale gesetzt werden, die nicht der Bevölkerung zu Gute kommen.

BZÄK Koblenz: Jeder Politiker wird Ihnen aber sicherlich gerne bestätigen, dass er das Arzt-Patienten-Gespräch als wichtig erachtet.

Dr. Dannhäuser: Es ist ja die Frage, wie ich etwas Ausdruck verleihe, dass es wichtig ist. Wenn ich etwas schlecht honoriere, ist es schwer nachvollziehbar, dass es das Wichtigste sein soll. Ich habe den Eindruck, dass die Politik es schafft, nur bestimmte Facetten des Gesamtbildes zu beleuchten und die anderen auszublenden. In den letzten Wochen waren zum Beispiel Meldungen in den Medien, dass auch die Politik sagt, demographischer Wandel spielt eine Rolle und es wäre wünschenswert, dass wir mehr Ärzte hätten. Aber wenn man dann nachfragt, heißt es, dass dafür kein Cent mehr ausgegeben werde. So wird kein Studienplatz mehr eingerichtet und der ärztliche Nachwuchs fehlt.

BZÄK Koblenz: Da kommen wir zum zweiten, von Ihnen angesprochenen Punkt, der Demographie. Welche Aspekte bzw. Probleme sehen Sie da?

Dr. Dannhäuser: Dadurch, dass wir alle älter werden, wird die Zahl der aktiven Ärzte sicherlich nicht mehr. Die Zahl derer, die entsprechende Leistungen in Anspruch nehmen, jedoch schon. Wir wissen alle, dass im Laufe der letzten Jahre die Arbeitszeitmodelle derer, die ins Berufsleben eintreten, andere sind, als dies vor 30, 40 Jahren der Fall war. Insofern ist es auch blauäugig von der Politik, wider besseren Willens zu behaupten, dass ein 1:1-Ersatz die Probleme lösen würde.

Der Wandel zur familienfreundlichen Gesellschaft, der sonst gewünscht wird, wird da doch ausgeblendet. Für Ärztinnen und Ärzte, die Erziehungsurlaub nehmen, braucht man einfach mehr Köpfe, um dies auszugleichen. Und zusätzlich auch deshalb, weil das Arbeitspensum durch den demographischen Wandel in der Patientenschaft größer wird.

BZÄK Koblenz: Hat das gesteigerte Arbeitspensum der Ärzte auch etwas mit einer gesteigerten Erwartungshaltung der Patienten zu tun?

Dr. Dannhäuser: Wenn ich vergleiche, wie die Anforderungen der Patienten in den ersten Jahren waren, als ich angefangen habe zu arbeiten, und wie es heute ist, dann sehe ich da in der Tat eine deutlich gesteigerte Erwartungshaltung an die Schnelligkeit und Qualität der Diagnostik und Therapie, die durchgeführt werden.

Dadurch ist die Belastung in den Kliniken und in den Notdienstzentralen ganz erheblich gewachsen. Dazu kommt, dass dann, wenn ein Patient eine bestimmte Erwartungshaltung hat, die möglicherweise nicht bedient wird, auch der Jurist viel schneller mit ins Boot genommen wird. Kollegen sehen sich zwangsläufig genötigt, eine Diagnostik durchzuführen, die sie sonst ein bisschen später gemacht hätten oder hätten vermeiden können. Insbesondere trifft das zu, wenn vorher andere Maßnahmen, wie zum Beispiel eine Diagnosestellung durch Beschwerdeschilderung und eine gezielte klinische Untersuchung hätte stattfinden können. Das aber wird vom derzeitigen System häufig unterbunden durch die Strukturen, die derzeit vorhanden sind. Und da sind wir auch wieder bei der entsprechenden Vergütung.

Da sehe ich die Politik in der Pflicht, die Voraussetzungen zu schaffen, damit dieser Wandel überhaupt möglich ist. Ich sehe selbst, wenn ich mir mehr Zeit nehme, dann lege ich drauf. Dann muss ich irgendwo „schneller“ arbeiten oder „Überstunden“ machen, weil es sonst nicht geht.

BZÄK Koblenz: Sehen Sie eine Aufgabe der Kammer darin, dass Themen wie die Zuwendung zum Patienten nicht ganz der Ökonomie geopfert werden?

Dr. Dannhäuser: Ich denke, die Kammern sind über die Bundesärztekammer da in Berlin aktiv. Es ist schon so, dass hier das Bewusstsein präsenter wird, dass dies weiter in die Hauptstadt getragen wird. Im weitesten Sinne gehört das, was wir hier in der Kammer machen, auch zur „Lobbyarbeit für die Patienten“. Ihnen soll letztendlich Gehör geschenkt werden. Das finde ich, ist das Wesentliche dabei. Sonst heißt es nämlich nur, die Ärzte wollen immer mehr haben. Darum geht es mir viel weniger, sondern mir geht es darum, dass die Wertigkeit der Zuwendung, die man dem Patienten entgegenbringen sollte, ihren Niederschlag auch in der Vergütung finden sollte. Damit können auch die Patienten sehen: Das ist wirklich wichtig! Und nicht nur apparative Methoden, die mit so und so vielen Punkten mehr bewertet werden.

BZÄK Koblenz: Wo sehen Sie den Stellenwert der Kammer für die Ärzte?

Dr. Dannhäuser: Die Kammer ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das heißt, wir nehmen hier Aufgaben wahr, die uns von staatlicher Seite aufgetragen werden, die wahrgenommen werden müssen. Wenn wir es nicht täten, würde es jemand anderes machen. Die Anforderungen und Aufgaben wären die gleichen. Dadurch, dass wir zusätzlich berufspolitische Arbeit leisten, können wir diese Aufgaben mit strukturieren und aus Sicht der Ärzteschaft optimieren.

Das erfordert manchmal, sehr dicke Bretter zu bohren, und ist daher nicht immer von kurzfristigem Erfolg gekrönt. Aber ich denke, das macht es trotzdem wichtig, dass wir uns engagieren. Auch die jungen Kollegen sollten erkennen, dass die Kammer etwas für sie tut und diese Arbeit wichtig ist. Zum Beispiel bei der Weiterbildungsordnung, wenn es um die Neuformulierung von Anforderungen an ein Facharztprofil geht. Dies ist sowohl für den Berufsstand der Ärzte als auch für die Versorgung des Patienten von Bedeutung.

BZÄK Koblenz: Was würde Sie jungen Kolleginnen und Kollegen sagen, um sie für ein Engagement für die Kammer zu gewinnen?

Dr. Dannhäuser: Über die Kammerarbeit haben wir die Möglichkeit, unsere Zukunft und die der zukünftig arbeitenden Kolleginnen und Kollegen mitzugestalten, mit zu verändern. Und wenn wir das in der Kammer nicht tun, werden es Andere für uns tun. Und das „für“ wird nicht immer ein „für“ sein, sondern vielleicht ein „gegen“. Da wir nicht nur im Hinblick auf uns selber, sondern gerade im Blick auf den Patienten uns gut engagieren können, sollten wir das wahrnehmen, statt uns von Anderen nachher gängeln zu lassen.

BZÄK Koblenz: Ist berufspolitische Arbeit nicht auch eine Frage der zeitlichen Ressourcen?

Dr. Dannhäuser: Junge Kollegen sind am Anfang mit anderen Dingen beschäftigt, zum Beispiel ihre Facharztausbildung zu machen. Da liegt der Fokus einfach woanders. Und wenn ich meine Arbeitsbelastung in der Klinik und in der Praxis immer nur weiter steigen sehe, habe ich natürlich das Gefühl, keine Ressourcen für Kammerarbeit übrig zu haben. Aber man muss ja nicht direkt mit beiden Beinen hier reinspringen.

Ich habe auch erst einen schrittweisen Einstieg gefunden, nachdem meine Kinder größer und zum Teil aus dem Haus waren. Jeder kann mit kleinen Schritten anfangen und sehen, wo und wie er sich einbringen kann. Wichtig ist aus meiner Sicht aber auch, dass man sich für das, was die Kammer macht, überhaupt interessiert und mit verfolgt, ohne sich unbedingt direkt selbst engagieren zu müssen.

BZÄK Koblenz: Wir haben viel über ihr berufspolitisches Engagement in diesem Interview erfahren. Gibt es Hobbies, für die Sie sich in Ihrer Freizeit begeistern?

Dr. Dannhäuser: Ich mache Einiges gerne. Seit über 30 Jahren singe ich in Chören mit. Das macht mir sehr viel Freude. Das hat für mich etwas von Resilienz, weil ich in dieser Zeit abschalten und die Musik genießen kann. Auch wenn es schwierige Stücke oder Passagen sind, die einstudiert werden müssen, ist es etwas völlig anderes als die Arbeit und verschafft mir damit wieder Freiraum.