Aktueller Kommentar von Dr. med. Hans-Albert Gehle und Dr. med. Karlheinz Kurfeß

Notfallversorgung nicht ohne uns Klinikärzte gestalten

Bei der KV-Wahl in RLP können angestellte und ermächtigte Ärztinnen und Ärzte mitentscheiden

20.10.2016 – So viel Eigenlob stimmt uns nachdenklich: „Wir sind die Experten für die flächendeckende, wohnortnahe, qualitätsgesicherte Versorgung und wir haben die neuen Konzepte für ein modernes Gesundheitssystem.“ So selbstbewusst präsentiert sich Dr. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. In der Oktoberausgabe der „KBV-Klartext“ pfeffert er gleich noch ordentlich nach. Doch die Kernfrage für uns bei der Notfallversorgung ist und bleibt: Wer versorgt die Notfälle, wenn Praxen oder Bereitschaftsdienstzentralen geschlossen sind?

 Gassens Worte dienen der Abgrenzung. Er denkt in Sektorgrenzen und zielt auf die Notfallversorgung der Krankenhäuer: Es könne nicht sein, dass unter dem Deckmäntelchen des Notdienstes eine getarnte Regelversorgung angeboten werde, mit der die Krankenhäuser massenhaft ambulante Fälle abgreifen, um ihre Finanzsituation zu verbessern. Es gebe vermeidbare Krankenhausfälle mit einem Finanzvolumen von jährlich fünf Milliarden Euro, die im falschen Sektor landen, zitiert er eine Studie. Die Organisation der Notfallbehandlung müsse weiterhin bei den KVen in den Bundesländern liegen, betont Gassen.

Nun, blicken wir auf die Realität: Dr. Andreas Gassen müsste bei der Reform der Notfallversorgung in Nordrhein die seit Jahren verfahrene Situation bestens kennen – war er doch viele Jahre Mitglied der KVNO-Vertreterversammlung. Die ebendort in Nordrhein seit Anfang 2015 betriebene Notdienst-Reform liegt nach zähem Streit seit Monaten auf Eis. Erste Pläne wurden von der Politik, den Städten und der Ärztekammer Nordrhein massiv kritisiert und abgelehnt, da das bestehende, bewährte ambulante Versorgungsangebot sich deutlich ausdünnen sollte. Zuletzt fehlte der Konsens zur Zahl und zu den Standorten in einer (!) Modellregion.

Die Kernfrage ist und bleibt: Wer versorgt die Notfälle, wenn Praxen oder Bereitschaftsdienstzentralen geschlossen sind? Unabhängig von der Frage, ob jeweils ein tatsächlicher Notfall vorliegt, bleibt Notfallpatienten lediglich die Fahrt ins Krankenhaus. Die Notfall-Reform in Westfalen-Lippe hat uns gezeigt, dass in den Kliniken – vor allem in den familienunfreundlichen Arbeitszeiten – spürbare Zunahmen der Notfallpatienten registriert werden.

Wenn niedergelassene Kollegen ihre Türen geschlossen haben, sichern wir Krankenhausärzte die Notfallversorgung – in der Nacht, am Wochenende oder an Feiertagen. Zum Dank erhalten Klinikärzte die nicht sonderlich kollegiale Kritik von Dr. Andreas Gassen. Er verschweigt allzu gerne, dass die Kliniken mit jedem Notfall erhebliche Verluste machen, da nur ein Bruchteil der anfallenden Kosten erstattet werden. So kann es nicht weitergehen! Selbstverständlich sollte die Notfallversorgung ausreichend finanziert werden. Dafür brauchen wir mehr Geld. Das sollte aber nicht nur in die KV fließen, wie Gassen fordert, vielmehr sollte es einen eigenen Bereich Notfallversorgung geben, aus dem die Notfälle in Praxen und Kliniken fair und vollständig vergütet werden.

Auch, wenn es Interessengegensätze gibt, wissen wir nur zu gut, dass Ärztinnen und Ärzte im ambulanten und stationären Bereich täglich aufei­nan­der angewiesen sind. Wir brauchen gemeinsame Lösungen und sektorübergreifende Konzepte, dafür setzen wir uns in allen drei KVen in NRW und RLP ein. Mit dem gewohnten Denken in Sektorgrenzen können wir die Herausforderung des demografischen Wandels nicht bestehen. Wie können wir eine vernünftige Änderung erzielen?

In der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz steht die Neuwahl der Delegierten der Vertreterversammlung an. Lieber Herr Gassen, wir möchten in RLP keine Feindbilder aufbauen, sondern einen gemeinsamen Dialog, der es uns ermöglicht, unsere Probleme sektorübergreifend zu lösen. Ganz bewusst gehen wir mit einer gemeinsamen Liste an Kandidatinnen und Kandidaten aus Krankenhäusern und aus Praxen in die Wahl. Mit Ihrer Stimme für unsere gemeinsame Liste können Sie dafür sorgen, dass die KV RLP künftig einen kooperativen Kurs einschlägt, der zum Wohl aller niedergelassenen und angestellten KV-Mitglieder ausfällt. Ihre Stimme muss den Wahlleiter spätestens bis zum 9. November um 15 Uhr erreicht haben.