Kommentar des ersten Vorsitzenden des Marburger Bundes NRW-RLP - Dr. med. Hans-Albert Gehle

Lebensgefährliche Zwei-Minuten-Medizin!

Schieres Entsetzen über Verschlechterung der Vergütung der Notfallambulanzen

22.12.2016 – Zum bevorstehenden Jahresende werden wieder viele Ehepartner und Kinder auf ihre berufstätigen Partner, Väter und Mütter verzichten müssen, denn an den Festtagen und zum Jahreswechsel sichern in unseren Krankenhäusern tausende Ärztinnen und Ärzte nicht nur die medizinische Versorgung der stationären Patienten, sondern ebenfalls die zahllosen Notfälle. Ihnen gebührt dafür mein aufrichtiger Dank! Im Laufe des Jahres haben wir wiederholt da­rauf verwiesen, dass bei der Versorgung von Notfällen in Kliniken nur gut ein Viertel der entstehenden Kosten bezahlt werden. Wir haben gehofft, dass die vollkommen unzureichende Vergütung der Notfallambulanzen zum Jahresende endlich verbessert wird. Denn diese Defizite gefährden viele ohnehin unterfinanzierte Kliniken in ihrer Existenz.

Die Politik hatte Krankenkassen und Kassenärzten aufgefordert die Vergütung der ärztlichen Versorgung in Notfallambulanzen „sachgerechter“ zu gestalten. Doch das kleine Päckchen, das nun Kassen und Kassenärzte im erweiterten Bewertungsausschuss ohne jegliche Beteiligung der Kliniken unter den Weihnachtsbaum geschoben haben, löst schieres Entsetzen aus, denn die Vergütung der Notfallambulanzen wird verschlechtert. Eine zukünftige Vergütung von 4,74 Euro statt der bisher 13,37 Euro ist eine unglaubliche Diskreditierung.

Notfall-Patienten, die tagsüber Krankenhäuser aufsuchen, sollen von den dortigen Ärzten in nur zwei Minuten abgefertigt werden. Statt mehr Zeit für Zuwendung und Versorgung zu erhalten, wären wir bei einer lebensgefährlichen Zwei-Minuten-Medizin angekommen. 120 Sekunden sollen nach Ansicht der Kassen und Kassenärzte genügen, um zu entscheiden, ob ein Notfall-Patient im Krankenhaus ärztlich behandelt werden soll oder an niedergelassene Ärzte weitergeleitet werden muss.

Das ist beispiellos patientenfeindlich und zudem völlig unrealistisch. Derweil soll obendrein die Vergütung der Registrierung der Notfälle und unsere Tätigkeit um mehr als zwei Drittel abgesenkt werden – abschätziger kann ärztliche Arbeit nicht bewertet werden. Erschreckend für mich, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Vertretung unserer niedergelassenen Kollegen, hier eine unselige Allianz mit dem Spitzenverband der Krankenversicherung (GKV) bildet.

Das Ergebnis des Auftrags der Politik ist, dass die Vergütung für die ärztliche Versorgung von Millionen Menschen verschlechtert wird. Damit hätte KBV-Chef Gassen sein Klientel-Ziel der finanziellen Umverteilung zu Lasten der Krankenhäuser fast erreicht. Dass derweil die KVen ihre gesetzliche Verpflichtung, Notfälle auch zu familienunfreundlichen Zeiten zu versorgen, längst aufgegeben haben und nicht mehr sicherstellen können, scheint völlig außer Acht gelassen worden zu sein. Wie schon so oft, werden wir in den Krankenhäusern an den Festtagen und zum Jahreswechsel die Konsequenzen tragen müssen.

Eine gemeinsame Lösung sieht anders aus: Wir haben auf unserer Hauptversammlung im Kurfürstlichen Schloss in Mainz da­rauf verwiesen, dass wir ein neues Konzept, eine sektorübergreifende Lösung benötigen, dass die Vergütung von Notfällen in Praxen und Kliniken verbessert werden muss. Wir brauchen für die Versorgung von Patienten, die in ihrer Not in Krankenhäuser und Praxen kommen, eine adäquate Vergütung aus einem zusätzlichen Finanzierungstopf.

Angesichts der Absenkungen ist es nun an der Zeit, dass der Gesetzgeber eingreift. Wir fordern die Politik auf, den Kliniken zu helfen. Wir brauchen diese Hilfe, um auch im kommenden Jahr unsere Patienten gut versorgen zu können.

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen vor allem Gesundheit!