Interview mit Florian Cassel

Florian Cassel
Assistenzarzt, Pädiatrie, Klinikum Saarbrücken

 

„Familienfreundliche Arbeitszeiten sind die Ausnahme.“

 

 

 

MB Saarland: Wie erleben Sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Ihrem Klinikalltag?

Florian Cassel: Familie und Beruf zu vereinbaren wird sowohl für Vollzeitkräfte als auch Teilzeitkräfte durch die steigende Arbeitsverdichtung und den Ärztemangel immer schwieriger. Viele Ärztinnen und Ärzte arbeiten nach wie vor meist in Vollzeit. Die einen wollen es so, die anderen müssen zusätzlich arbeiten. Zugleich wünschen sich viele aber auch mehr Zeit für ihre Familien. Schwierig ist allerdings die Umsetzung.

Warum ist es so schwierig mehr Zeit mit der Familie zu verbringen?

Ein „familienfreundlicher“ Feierabend ist leider die Ausnahme. Viele Kliniken schmücken sich zwar damit, besonders familienfreundlich zu sein, die Realität sieht allerdings anders aus. Eine betriebliche Kinderbetreuung würde zum Beispiel viele Kollegen entlasten, weil sie so die Zeit und den Weg zur Kita sparen könnten.

Was muss sich ändern?

Es müssen sinnvolle Dienstplanmodelle geschaffen werden, die von einer realistischen Arbeitsbelastung ausgehen. Immer mehr Ärzte arbeiten in Teilzeit, dies wird aber in der Praxis nicht entsprechend organisatorisch aufgefangen. Teilzeitkräfte sind heute zwar oft die ersten die mehr arbeiten als die vertragliche Arbeitszeit von 50 oder 75 Prozent vorsieht, gleichzeitig ist dies wegen der Kinderbetreuung aber oft schwierig oder schlichtweg nicht möglich. Dies führt dann zu einer zusätzlichen Mehrarbeit bei Vollzeitkräften. Die Kliniken müssen endlich für Arbeitsbedingungen sorgen, die Teilzeitarbeit möglich machen, ohne dass dies zu Mehrarbeit bei Vollzeitkräften führt.

Welchen Einfluss hat die Kammer auf familienfreundliche Arbeitszeiten?

Die Kammer hat zwar keinen direkten Einfluss, aber es werden Diskussionen über das Berufsbild geführt und auch die Kammer muss sich der Herausforderung der steigenden Anzahl an Teilzeitkräften stellen und auf die Verantwortlichen einwirken. Zudem sollte die Mehrarbeit entsprechend in der Weiterbildungsordnung berücksichtigt und auch als Weiterbildungszeit anerkannt werden.