Interview mit Roland Anderheiden

Roland Anderheiden
Oberarzt, Neurologie, Klinikum Merzig

 

„Das DRG-System produziert in seiner gegenwärtigen Form nur Verlierer.“

 

 

 

MB Saarland: Hat das DRG-System aus Ihrer Sicht das gesteckte Ziel erreicht?

Roland Anderheiden: Das DRG – System wurde 2004 mit dem erklärten Ziel eingeführt, die Kostensteigerung in der stationären Patientenversorgung zu dämpfen. Dieses Ziel wurde verfehlt: Nach 10 Jahren Anwendung sind die Kosten so stetig weiter gestiegen, dass an einer Kurve der Kostenentwicklung 1991 bis 2012 nicht erkennbar ist, wann das System überhaupt eingeführt wurde. Entwickelt hat es sich jedoch zu einem bürokratischen Monster, zu dessen Bändigung in den Kliniken neue Berufsfelder expandieren mussten: 2011 beschäftigten deutsche Kliniken ca. 13.700 Vollzeitkräfte an Medizincontrollern, Kodierfachkräften und Case Managern, gegenüber 750 Personen im Jahre 2002 – Kosten, die der unmittelbaren Patientenversorgung fehlen.

Welche Auswirkungen hat das System konkret?

Indem sich das System nicht an einem Bedarf orientiert, sondern nur an den jährlich neu ermittelten Durchschnittskosten pro Fall, ist einerseits vorgesehen, dass ständig ein Teil der deutschen Krankenhäuser Defizite einfährt – als wären überdurchschnittliche Kosten stets schuldhaft durch mangelnde Effizienz verursacht. Über die erzwungenen gegensteuernden Maßnahmen dieser Kliniken setzt sich andererseits der Kostendruck immer weiter fort, und die Kliniken können dem mittelfristig fast nur mit Hilfe von Mengenausweitungen begegnen: Dementsprechend nahm die Anzahl stationärer Behandlungsfälle 1991 bis 2012 um knapp 30 % zu, damit praktisch genauso stark wie die von Politikern gern zitierte Anzahl der Klinikärzte im gleichen Zeitraum. Die Verweildauern nahmen dagegen um ca. 45 % ab. Als Folge degenerieren Stationen deutscher Akut-Kliniken an Wochentagen zeitweise zu Verschiebebahnhöfen. Patienten sind aber keine Passagiere auf der Durchreise, sondern leidende Menschen.

Wie wirkt sich dies auf Ihre tägliche Arbeit als Klinikarzt aus?

Berücksichtigt man den erhöhten Anteil an Teilzeitkräften im genannten Zeitraum, sowie die teilweise Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes, so ist die Falldichte pro Klinikarzt deutlich gestiegen. Die subjektive Wahrnehmung einer Verdichtung der täglichen Arbeit hat damit auch für saarländische Klinikärzte einen realen Hintergrund, das Saarland macht in dieser Entwicklung keine  Ausnahme. Unter dem Strich bleibt ein System, dass in seiner gegenwärtigen Form nur Verlierer produziert: Patienten erleben in den Kliniken einen Verlust ärztlicher Zuwendung und Ärzte eine allmähliche Sinnentleerung ihrer täglichen Arbeit.

Welchen Einfluss kann die Arbeit in der Kammer auf mögliche Reformen in der Krankenhausfinanzierung haben?

Der Marburger Bund hat bei  seiner Jahreshauptversammlung im Oktober 2013 den Reformbedarf des Krankenhausfinanzierungssystems deutlich artikuliert. In der saarländischen Ärztekammer sähe ich eine meiner Hauptaufgaben darin, entlang der tatsächlichen Entwicklungen in den Kliniken im Dialog mit politischen Entscheidungsträgern verkürzenden und tendenziösen Behauptungen durch Fakten zu begegnen und die allmählich aufkeimende Veränderungsbereitschaft konstruktiv zu verstärken.