Berlin, 9. November 2007 - Nr. 47/07 Ausbeutung und Lohndiebstahl Was die
Qualität der Arbeitsbedingungen für Ärztinnen und Ärzte angeht, stehen
kirchliche Krankenhäuser an letzter Stelle. Trotz christlichem
Selbstverständnis sei die Ausbeutung ärztlicher Arbeitskraft in diesen Kliniken
nach Informationen des Marburger Bundes (MB) mit am schlimmsten. Die
Ärztegewerkschaft stützt ihre Aussagen auf aktuelle Ergebnisse einer von ihr in
Auftrag gegebenen Umfrage unter rund 80 000 stationär tätigen Medizinern.
Demnach würden im Vergleich zu öffentlichen Kliniken in kirchlichen Häusern
mehr illegale Dienste abverlangt, geleistete Überstunden noch schlechter
vergütet und Arbeitszeiten kaum erfasst. „Das ist Ausbeutung im Namen des
Herren“, zeigte sich der Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. Frank Ulrich Montgomery,
erbost. In
einem Schreiben an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl
Kardinal Lehmann, und dem Vorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland,
Bischof Wolfgang Huber, forderte Montgomery die sofortige Aufnahme von Tarifgesprächen,
um mit arztspezifischen Regelungen die Arbeitssituation der Mediziner in
konfessionellen Krankenhäusern zu verbessern. Ziel müsse die Anpassung der
ärztlichen Arbeitsbedingungen an das Niveau der Arzt-Tarifverträge sein, die
der MB im Sommer 2006 für die kommunalen Krankenhäuser und Universitätskliniken
abgeschlossen habe. Nach Angaben des Marburger Bundes lehnten beide Kirchen
bisherige Gesprächsaufforderungen der Ärztegewerkschaft kategorisch ab. Im
Vorfeld seiner 112. Hauptversammlung, die am 9. und 10. November in Berlin
stattfinden wird, veröffentlichte der Marburger Bund nun die Umfrage zur ärztlichen
Arbeitssituation in konfessionellen Kliniken. Demnach beklagen 66 Prozent der
Ärzte, dass ihre Höchstarbeitszeitgrenzen nicht eingehalten werden. In öffentlichen
Krankenhäusern bemängeln dies 57 Prozent. Über 80 Prozent der Mediziner in
kirchlichen Häusern arbeiten wöchentlich zwischen 50 und 80 Stunden. In kirchlichen
Kliniken werden zudem mehr Bereitschaftsdienste angeordnet, als das Arbeitszeitgesetz
erlaubt. Während 48 Prozent der Ärzte in öffentlichen Häusern monatlich fünf
bis neun Bereitschaftsdienste leisten, sind es in kirchlichen Kliniken knapp 60
Prozent. Massiv
ist auch die Belastung durch Überstunden. Gerade mal vier Prozent der Ärzte geben
an, gar keine Mehrarbeit zu leisten. Bei den übrigen 96 Prozent kann die
Überstundenbelastung auf über 30 Stunden pro Woche ansteigen. Harte Arbeit werde
aber in den Kircheneinrichtungen weitaus schlechter honoriert als in den
öffentlichen Häusern. Während 57 Prozent der Mediziner in Kliniken mit
Arzt-Tarifvertrag angeben, dass geleistete Überstunden gar nicht vergütet werden,
sind es in konfessionellen Häusern ganze 72 Prozent. Die
Ausbeutung ärztlicher Arbeitskraft in kirchlichen Kliniken gehe zudem mit einer
miserablen Dokumentation der Arbeitszeiten einher. 60 Prozent der Ärzte geben
an, dass ihre Arbeitszeiten nicht systematisch erfasst werden. In Häusern mit
MB-Tarifvertrag beklagen dies 44 Prozent. Stärker ist in konfessionellen Häusern
auch die Belastung durch bürokratische Tätigkeiten. 93 Prozent der Mediziner
müssen täglich bis zu vier Stunden für patientenferne Verwaltungsarbeit aufbringen.
Im Bundesdurchschnitt beklagen dies 91 Prozent aller Klinikärzte. Besonders
erschreckend sei die Erfahrung der Ärzte im Hinblick auf familienfreundliche
Arbeitsstrukturen. Während die Kirche beim Thema Familie öffentlich gerne von
einem „Zukunftsmodell für die
Lebensgestaltung der Menschen“ (Georg Kardinal Sterzinsky) spreche, würden
die dabei formulierten Grundsätze in eigenen Einrichtungen sündhaft
vernachlässigt. Ganze 74 Prozent der Ärzte sagen nämlich, dass ihr Arbeitgeber
keine ausreichenden Möglichkeiten anbietet, Familie und Beruf zu vereinbaren.
Damit stehen die konfessionellen Kirchen noch schlechter da als die übrigen
Krankenhäuser. Im Bundesdurchschnitt bemängeln dies nämlich 71 Prozent
der Mediziner.
Kirchliche Krankenhäuser sind die schlechtesten
Arbeitgeber
Alle Infos zur Umfrage
Arbeitssituation in kirchlichen Kliniken auch Thema der 112. MB-Hauptversammlung