Wie schlecht sind die Arbeitsbedingungen für Ärzte an kirchlichen Krankenhäusern? (MB/07.01.2008)
"Die Vorwürfe sind maßlos"
Fragen an Norbert Groß
? Herr Groß, in einer Umfrage der Ärztegewerkschaft Marburger Bund werfen Ärzte ihren Arbeitgebern nicht erfasste Arbeitszeiten, unbezahlte Überstunden, zu viele Bereitschaftsdienste und hohen moralischen Druck vor. Kirchliche Häuser kommen dabei besonders schlecht weg. Gilt das christliche Menschenbild der Nächstenliebe und Barmherzigkeit für Ihre eigenen Mitarbeiter nicht?
! Die Umfrage zeigt, dass die Arbeitsbedingungen für Ärzte unabhängig vom Träger des Krankenhauses überall gleich schlecht oder gut sind. Die negative Bewertung kirchlicher Häuser hat damit zu tun, dass die befragten Ärzte vor allem in kleineren Krankenhäusern tätig sind: Für eine chirurgische Station in einer kleineren Klinik mit 40 Betten benötige ich für den Nacht- und Wochenenddienst in der Regel aber genauso viele Ärzte wie für eine Station mit 60 Betten in einer größeren Klinik mit insgesamt mehr Personal.
? Das heißt, in kleineren kirchlichen Häusern kann es sein, dass die einzelnen Ärzte und Ärztinnen doppelt so oft Bereitschaftsdienst leisten müssen wie an Unikliniken?
! Ja. Um das neue Arbeitsschutzgesetz umzusetzen, mit dem die Anzahl dieser Bereitschaftsdienste begrenzt werden soll, ist mehr Personal nötig. Das kostet Geld. Das haben viele kleinere Häuser aber nicht.
? Nicht die kirchlichen Träger sind schuld an der Arbeitsunzufriedenheit ihrer Ärzte, sondern die Rahmenbedingungen?
! Genau. Konfessionelle Häuser haben in der Vergangenheit sparsam gewirtschaftet, sodass ihr Tagessatz pro Patient in der Regel deutlich unter dem öffentlicher Kliniken lag. Dadurch sind unsere Effizienzreserven bereits seit Jahren ausgeschöpft. Die Kostendämpfungsgesetze gelten für uns jedoch genauso wie für große Häuser: Die
niedrigen Vergütungen für unsere Leistungen sind weiter gesunken, obwohl uns Kostensteigerungen im selben Ausmaß getroffen haben wie alle anderen.
? Sparen kirchliche Häuser deshalb an den Gehältern ihrer Mitarbeiter und wenden den Tarifvertrag der Ärztegewerkschaft Marburger Bund nicht an?
! Kirchliche Mitarbeiter und Dienstgeber haben sich im evangelischen Bereich auf ein abweichendes Vergütungssystem geeinigt, das von beiden Seiten einvernehmlich verhandelt worden ist. Im katholischen Bereich wird noch verhandelt. Die Ärztegehälter sind bei uns nicht schlechter als an anderen Häusern, viele unserer Einrichtungen bieten zudem außertarifliche Zulagen. Wir investieren in unser Personal, solange wir uns das leisten können.
? »Sie predigen Demut, aber behandeln uns wie den letzten Dreck«, beschreiben Ärzte ihre Arbeitsbedingungen an kirchlichen Krankenhäusern. Wird bei Ihnen mit der Wertschätzung für Mitarbeiter gegeizt?
! Der Vorwurf ist in dieser Form maßlos und muss zurückgewiesen werden. Aber was die Wertschätzung der Mitarbeiter angeht, sehe ich durchaus Verbesserungspotenzial. Daran arbeiten wir.
Norbert Groß vertritt als Verbandsdirektor des Deutschen Evangelischen Krankenhausverbandes mit rund 250 Krankenhäusern, Fachkliniken und Rehabilitationskliniken in evangelischer Trägerschaft jedes neunte deutsche Krankenhaus.
Quelle: Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel, Ausgabe 23/2007
Alle Infos zum Tarifbereich der kirchlichen Kliniken