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Wintersemester
2011/12
Vereinbarkeit Beruf und Privatleben
„Zu meinem ‚Plan vom guten Leben’ gehörten immer Kinder“
Oberärztin Dr. Monika Rosenthal aus Hessen verrät ihr Work-Life-Balance-Konzept
Die Medizin ist im Wandel. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben – mit und ohne Familie – spielt für immer mehr Ärzte eine große Rolle. Wie man Beruf und Familie unter einen Hut bekommt, ohne Abstriche bei der eigenen Karriere hinnehmen zu müssen, hat Oberärztin Dr. Monika Rosenthal im MBZ-Interview verraten.
Frau Dr. Rosenthal, Sie sind verheiratete Mutter dreier Kinder und Oberärztin in der Inneren Medizin: In welchem Alter sind Ihre Kinder?
Dr. Monika Rosenthal: Meine Kinder sind jetzt elf, zehn und sechs Jahre alt.
In welcher beruflichen Situation haben Sie sich für die Familiengründung entschieden?
Dr. Rosenthal: Unabhängig von beruflichen Rahmenbedingungen gehörten zu meinem „Plan von einem guten Leben“ immer mehrere Kinder. Ich habe von 1984 bis 1991 studiert und bin seit 1998 Fachärztin für Innere Medizin, war damit Fachärztin und seit 1999 Oberärztin einer Internistischen Klinik, als meine erste Tochter Anne im Jahr 2000 zur Welt kam. Nichtsdestotrotz hatte die Entscheidung zur Familiengründung nicht nur mit meiner beruflichen Position zu dieser Zeit, sondern natürlich auch mit dem Älterwerden und vor allen Dingen mit meinem Mann zu tun.
Wie schaffen Sie es, Kinder aufzuziehen und gleichzeitig im Beruf voranzukommen?
Dr. Rosenthal: Die Entscheidung, beides für sich zu wollen – Familie und Beruf – und möglichst beidem gerecht zu werden, stand für mich und meinen Mann nie infrage. Ich glaube, das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, den gelegentlich auftauchenden Bergen an Pflichten, die daraus erwachsen, ins Auge zu sehen. Grundsätzlich arbeite ich sehr gern und habe daher keine Schwierigkeiten damit, mich in Zeitfenstern abends oder am Wochenende mit meinem Beruf zu befassen.
Wie organisieren Sie den Alltag?
Dr. Rosenthal: Die Organisation unseres Alltags wird begünstigt durch zum Teil erarbeitete zum Teil zufällig gute Rahmenbedingungen. Wir leben in einer nordhessischen Kleinstadt mit kurzen Wegen. Kindergarten, Grundschule und die weiterführende Schule sind – mit Mittagessen – betreut bis zum Teil 16 Uhr.
Um den Alltag zu erleichtern beschäftige ich eine Haushaltshilfe auf 400-Euro-Basis. Für alles, was notwendig einzukaufen und vor Ort nicht zu erwerben ist, gibt es das Internet.
Da mein Mann mit einem Kollegen zusammen niedergelassen ist, kann er erst gegen 8:30 Uhr in der Praxis sein und übernimmt den morgendlichen Kindertransport zurzeit noch an drei Orte. Das ermöglicht mir, pünktlich um 8 Uhr oder wenn nötig auch früher in der Klinik zu sein. Das Abholen und die Organisation der nachmittäglichen Aktivitäten übernehme dann überwiegend ich. Trotzdem hätte der Beginn der Grundschulzeit unseres ersten Kindes aufgrund der vielen Freitage und Ferien unsere Organisationsstruktur fast ausgehebelt – aber das wäre ein abendfüllendes Thema.
Wie ist die Betreuung organisiert?
Dr. Rosenthal: Seit meine große Tochter ein Jahr alt ist, haben wir eine Tagesmutter, die die Kinder, als sie klein waren, bei sich zu Hause bis mittags betreut hat und uns bis heute, wenn der Kindergarten früher schließt oder ein Kind zum Beispiel Fieber hat, zur Seite steht. In Bedarfsfällen kann mein Mann die Kinder morgens mitnehmen oder meine Eltern kommen, die jedoch 170 Kilometer Anreiseweg haben. Außerdem befinden sich in erreichbarer Entfernung für den Notfall Tante, Patentante und Opa. Kein „Dorf“, aber doch schon eine Reihe Menschen. Zudem werden unsere Kinder glücklicherweise selten krank.
Da wir beide berufstätig sind, leben wir in der sehr begünstigten Situation, dass auch – wenn Widrigkeiten auftreten, durch die einer von uns zum Beispiel aus familiären oder gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben müsste oder wollte – unser Auskommen gesichert bleibt. Damit wächst die innere Freiheit: „Ich arbeite, weil ich will, nicht weil ich muss.“
Gibt oder gab es Betreuungsmöglichkeiten an der Arbeitsstelle?
Dr. Rosenthal: Die kleine Klinik, in der ich Oberärztin bin, bietet keine Betreuungsmöglichkeiten an. Grundsätzlich stehen mein Arbeitgeber und mein Chef jedoch mir als arbeitender Frau positiv gegenüber, was natürlich schon auch damit zusammenhängt, dass ich meine Arbeit gut mache und nur sehr selten familienbedingt ausfalle.
Hat Ihnen der Arbeitgeber familienfreundliche Arbeitszeiten, etwa Teilarbeitszeit oder andere besondere Bedingungen angeboten?
Dr. Rosenthal: Begonnen habe ich meine Tätigkeit in meiner jetzigen Klinik mit einer halben Stelle als Oberärztin. Diese ist mit der Zeit aufgestockt worden. Ich habe eine Art Kernarbeitszeit, in der erfahrungsgemäß die meiste Arbeit – Endoskopie, Ambulanzbetrieb etc. – anfällt.
Mein Zuständigkeitsbereich umfasst aber auch einen großen Teil administrativer Tätigkeiten: Ich bearbeite unter anderem hauptzuständig die DRG mit allem wie MDK, Krankenkassenkontakten, was dazugehört, eine zeitaufwändige aber nicht tageszeitgebundene Arbeit, die ich gut an Wochenenden oder seit Neuestem zum Teil von zu Hause aus an dem extra dafür eingerichteten Heimarbeitsplatz erledigen kann. Die Möglichkeit des „externen Zugriffs“ auf das Krankenhausinformationssystem erweist sich auch für die Dienste als äußerst günstig, da ich Labor, Röntgenbilder etc. von zu Hause aus in Augenschein nehmen kann.
Haben Sie Ihren beruflichen Werdegang zielgerichtet verfolgt oder ergab sich der Weg zufällig?
Dr. Rosenthal: Eine Mischung von beidem. Während meiner Assistenzarztzeit habe ich unter anderem Allgemeinarztpraxen vertreten und in ein, zwei Reha-Kliniken kurz hospitiert, um mir ein Bild von der Arbeit dort zu machen. Daraus ergab sich für mich, dass ich gerne mittelfristig in einer Akutklinik mit einem breiten Spektrum arbeiten wollte. Gastroenterologie zusätzlich zur Diabetologie als Weiterbildung hätte mir zugesagt – da kam dann die Familienplanung dazwischen. Zusätzlich war für mich klar, dass ich nicht über lange Jahre vordergründig Nachtdienste machen will, also: Oberärztin oder Chef!
Hatten Sie geplant, Oberärztin zu werden, oder hat es sich ergeben?
Dr. Rosenthal: Vieles hat sich trotz insgesamt schlechter Bedingungen für mich glücklich gefügt. Ich habe mich beeilt, Fachärztin zu werden und war das mit 34.
1992 überhaupt eine Assistenzarztstelle zu bekommen, war trotz eines sehr guten Staatsexamens und einer Reihe zusätzlicher Kurse schwierig. Ich habe damals wie viele meiner Kollegen mehr als 80 Bewerbungen geschrieben und genau zwei Stellen angeboten bekommen: Bei der einen wurde der männliche Bewerber bevorzugt, das hat der Chef auch klar so formuliert, die zweite – und einzig verfügbare – Stelle habe ich bekommen.
Nachdem ich Fachärztin war, hätte ich mich gleich weiter bewerben müssen, bin aber aus Gründen der Liebe noch in der Klinik geblieben: karrieretechnisch ein Desaster, von heute aus betrachtet, die richtige Entscheidung.
Und dann habe ich auch einfach Glück gehabt: An einem Montagmorgen im Jahr 1999 hat mein damaliger Chef mir mitgeteilt, dass ich ihm zu „aufmüpfig“ geworden sei. Es gab eine Bedenkzeit von drei Wochen. Am Abend desselben Tages habe ich festgestellt, dass ich schwanger bin. Am Morgen des nächsten Tages hat die Klinik in Thüringen, in der ich oberärztlich schon als Vertretung tätig gewesen war, angerufen und mir eine feste Stelle als Oberärztin angeboten. Die Thüringer Klinik hat mich in Kenntnis meiner Schwangerschaft dann eingestellt und ich habe noch am selben Tag meinen damaligen Chef durchaus mit Genugtuung um einen Auflösungsvertrag gebeten.
Meine jetzige Stelle habe ich nach Empfehlung angeboten bekommen, da meine Fähigkeiten, einschließlich meines Zusatzes Diabetologie, dem Anforderungsprofil der Stelle entsprachen.
Wie kam es, dass Sie sich für Innere Medizin entschieden?
Dr. Rosenthal: Ich fand es schon nach dem Abitur schwierig, mich für einen Beruf zu entscheiden, weil es sehr viele Dinge gibt, die mich interessieren. Sich zu entscheiden, heißt immer auch, sich einzugrenzen. Hätte ich den Studienplatz in Humanmedizin nicht bekommen, hätte ich Germanistik, Musikwissenschaften und Philosophie studiert, wofür ich auch schon in Mainz eingeschrieben war, als der Nachrückbescheid der Uni Gießen kam.
Gegen Ende des Studiums war nach Einblick in die verschiedenen Fachbereiche für mich klar, dass die Innere für mich das richtige, weil es das aus meiner Sicht spannendste Fach war. Die Innere umfasst viele Krankheitsbilder, ist aber nicht rein theoretisch, sondern hat, wenn ich will, handwerkliche Anteile, wie zum Beispiel Endoskopieren und Sonographieren. Außerdem bedarf die Arbeit mit überwiegend chronisch kranken Menschen zusätzlicher spannender Skills.
Wie schaffen Sie es, nachts und am Wochenende Dienste mit den Familienaufgaben zu vereinbaren?
Dr. Rosenthal: Wie gesagt, wir sind gut organisiert. Ich arbeite häufiger an Samstagen, wenn mein Mann zu Hause ist. Wir sind mit unserem Chef mittlerweile fünf hintergründig tätige Ärzte, sodass sich die Zahl meiner Hintergrunddienste reduziert hat. Diese sind momentan noch durch eine Reihe erfahrener Assistenzärzte eher ruhig. Auch die Praxisdienste meines Mannes sind seit dem letzten Jahr durch eine Notdienstzentrale weniger geworden.
Aber: In den Jahren davor hatte zeitweise in jeder 2. Nacht einer von uns beiden Dienst. Einer hat Weihnachten und der andere Silvester, einer Ostern, der andere Pfingsten gearbeitet und nach wie vor teilen wir uns in den Ferien zum Teil mit unserem Urlaub auf, um die elternfreie Ferienzeit der Kinder möglichst gering zu halten.
Sind Sie mit anderen Ärztinnen in Ihrer Position vernetzt?
Dr. Rosenthal: Nein.
Können Sie sich vorstellen, weiter Karriere zu machen?
Dr. Rosenthal: Momentan funktioniert für mich die berühmt-berüchtigte Work-Life-Balance. Ich bin mit meinem Arbeitsplatz zufrieden und genüge in beiden Bereichen weitgehend meinen Ansprüchen. Sollte sich in diesem Konstrukt etwas auf einer Seite verschieben, muss ich oder müssen vielmehr wir neu überlegen.
In eine Chefarztposition weiter aufzusteigen, reizt mich aus verschiedenen Gründen gegenwärtig nicht.
Haben Sie eigentlich noch Zeit für Hobbys, Ehrenamt oder auch ganz einfach für sich selbst?
Dr. Rosenthal: Ja. Es gibt Nebentätigkeiten, die mir viel Spaß machen: Ich unterrichte in der Krankenpflegeschule und habe eine kleine Dozentenstelle an der BKK-Akademie wo ich angehenden Krankenkassenbetriebswirten „Medizin“ beibringe, Schnittstellenarbeit – sehr spannend.
Berufsunabhängig engagiere ich mich sowie auch mein Mann in den Schulen unserer Kinder, weil das wichtig ist und tiefere Einblicke und Mitgestaltungsmöglichkeiten in diesen Bereichen ermöglicht. Ich bin momentan Schulelternbeiratsvorsitzende unserer Grundschule und des Kindergartens.
Seit einigen Jahren nehme ich Gesangsunterricht und habe als weiteres Instrument zu Klavier und Gitarre vor anderthalb Jahren mit dem Cellospielen begonnen – ein langgehegter Wunsch. Unterricht ist Freitagabend als Belohnung für die Woche.
Außerdem mache ich mit Freunden Musik „voice and more“ heißt unsere Combo. Gelegentlich treten wir mit einer farbenfrohen Mischung aus Renaissancemusik, Beatles, Selbstgeschriebenem, Costello und vielem mehr auf. Ansonsten koche ich gern und lese mit Leidenschaft und sooft wie möglich, allerdings mehr Prosa und Lyrik.
Welche Bedingungen sollten Arbeitgeber schaffen, um für Mütter attraktive Stellen zu bieten?
Dr. Rosenthal: Teilzeitmodelle, flexible Arbeitszeiten, bei ausreichend großen Betrieben Kinderbetreuung und ansonsten kostengünstige, am besten kostenlose Kinderbetreuungsmöglichkeiten außerhalb des Arbeitsplatzes mit einem besonderen Fokus auf der Betreuung in den Ferien und außerdem Heimarbeitsplätze. Es braucht emanzipierte Chefärztinnen und Chefärzte, eben Vorgesetzte, die wissen, dass gute Arbeit nicht vollzeitige Arbeit sein muss. Und natürlich vernünftige und gleiche Bedingungen und Gehälter für Frauen und Männer.
Welchen Rat geben Sie Berufsanfängerinnen und Medizistudierenden zum Thema Vereinbarkeit?
Dr. Rosenthal: Ich antworte mit den Missfits (deutsches Frauenkabarettduo, das sich 2005 aufgelöst hat; Anm. d. Red.): „Wenn du weißt, was du willst, musst du seh’n, wie du hinkommst…“
Sicherlich sind nicht alle Arbeitsplätze in der Landschaft der Medizin familienkompatibel und werden es zum Teil auch nie sein. Erfreulicherweise hat sich unser Arbeitsmarkt dennoch, wenn auch gezwungenermaßen, frauenfreundlicher entwickelt. Anders als zu den Zeiten meiner ersten Bewerbungen geht es den angehenden Ärztinnen heute wesentlich besser, was die Stellenauswahl angeht, sehr frei nach Emily Dickinson: „You live in possibilities.“
Karriereplanung sollte unter den heutigen Bedingungen für Frauen einfacher sein, als sie es noch vor zehn Jahren war. Unabhängig von der sich verändernden Berufslandschaft und den damit verbundenen Möglichkeiten braucht es nach meiner Erfahrung definitiv einen Lebenspartner/eine Lebenspartnerin, der oder die den Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide teilt und die damit verbundenen Anstrengungen mit trägt.
Würden Sie in der Rückschau heute etwas anders machen?
Dr. Rosenthal: Da ich heute da bin, wo ich hinwollte: nein! Im Hier und Jetzt ist es aber gerade in einem so durchgeplanten Leben wichtig, gelegentlich gemeinsam und alleine innezuhalten und sich zu fragen, ob ich das, was ich tue, so weiter tun will und wie es mir und meiner Familie damit geht.
Frau Dr. Rosenthal, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anne Kandler, Mitglied im MB-Arbeitskreis „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, E-Mail der Redaktion: redation@marburger-bund.de
Frau Dr. Rosenthal, Sie sind verheiratete Mutter dreier Kinder und Oberärztin in der Inneren Medizin: In welchem Alter sind Ihre Kinder?
Dr. Monika Rosenthal: Meine Kinder sind jetzt elf, zehn und sechs Jahre alt.
In welcher beruflichen Situation haben Sie sich für die Familiengründung entschieden?
Dr. Rosenthal: Unabhängig von beruflichen Rahmenbedingungen gehörten zu meinem „Plan von einem guten Leben“ immer mehrere Kinder. Ich habe von 1984 bis 1991 studiert und bin seit 1998 Fachärztin für Innere Medizin, war damit Fachärztin und seit 1999 Oberärztin einer Internistischen Klinik, als meine erste Tochter Anne im Jahr 2000 zur Welt kam. Nichtsdestotrotz hatte die Entscheidung zur Familiengründung nicht nur mit meiner beruflichen Position zu dieser Zeit, sondern natürlich auch mit dem Älterwerden und vor allen Dingen mit meinem Mann zu tun.
Wie schaffen Sie es, Kinder aufzuziehen und gleichzeitig im Beruf voranzukommen?
Dr. Rosenthal: Die Entscheidung, beides für sich zu wollen – Familie und Beruf – und möglichst beidem gerecht zu werden, stand für mich und meinen Mann nie infrage. Ich glaube, das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, den gelegentlich auftauchenden Bergen an Pflichten, die daraus erwachsen, ins Auge zu sehen. Grundsätzlich arbeite ich sehr gern und habe daher keine Schwierigkeiten damit, mich in Zeitfenstern abends oder am Wochenende mit meinem Beruf zu befassen.
Wie organisieren Sie den Alltag?
Dr. Rosenthal: Die Organisation unseres Alltags wird begünstigt durch zum Teil erarbeitete zum Teil zufällig gute Rahmenbedingungen. Wir leben in einer nordhessischen Kleinstadt mit kurzen Wegen. Kindergarten, Grundschule und die weiterführende Schule sind – mit Mittagessen – betreut bis zum Teil 16 Uhr.
Um den Alltag zu erleichtern beschäftige ich eine Haushaltshilfe auf 400-Euro-Basis. Für alles, was notwendig einzukaufen und vor Ort nicht zu erwerben ist, gibt es das Internet.
Da mein Mann mit einem Kollegen zusammen niedergelassen ist, kann er erst gegen 8:30 Uhr in der Praxis sein und übernimmt den morgendlichen Kindertransport zurzeit noch an drei Orte. Das ermöglicht mir, pünktlich um 8 Uhr oder wenn nötig auch früher in der Klinik zu sein. Das Abholen und die Organisation der nachmittäglichen Aktivitäten übernehme dann überwiegend ich. Trotzdem hätte der Beginn der Grundschulzeit unseres ersten Kindes aufgrund der vielen Freitage und Ferien unsere Organisationsstruktur fast ausgehebelt – aber das wäre ein abendfüllendes Thema.
Wie ist die Betreuung organisiert?
Dr. Rosenthal: Seit meine große Tochter ein Jahr alt ist, haben wir eine Tagesmutter, die die Kinder, als sie klein waren, bei sich zu Hause bis mittags betreut hat und uns bis heute, wenn der Kindergarten früher schließt oder ein Kind zum Beispiel Fieber hat, zur Seite steht. In Bedarfsfällen kann mein Mann die Kinder morgens mitnehmen oder meine Eltern kommen, die jedoch 170 Kilometer Anreiseweg haben. Außerdem befinden sich in erreichbarer Entfernung für den Notfall Tante, Patentante und Opa. Kein „Dorf“, aber doch schon eine Reihe Menschen. Zudem werden unsere Kinder glücklicherweise selten krank.
Da wir beide berufstätig sind, leben wir in der sehr begünstigten Situation, dass auch – wenn Widrigkeiten auftreten, durch die einer von uns zum Beispiel aus familiären oder gesundheitlichen Gründen zu Hause bleiben müsste oder wollte – unser Auskommen gesichert bleibt. Damit wächst die innere Freiheit: „Ich arbeite, weil ich will, nicht weil ich muss.“
Gibt oder gab es Betreuungsmöglichkeiten an der Arbeitsstelle?
Dr. Rosenthal: Die kleine Klinik, in der ich Oberärztin bin, bietet keine Betreuungsmöglichkeiten an. Grundsätzlich stehen mein Arbeitgeber und mein Chef jedoch mir als arbeitender Frau positiv gegenüber, was natürlich schon auch damit zusammenhängt, dass ich meine Arbeit gut mache und nur sehr selten familienbedingt ausfalle.
Hat Ihnen der Arbeitgeber familienfreundliche Arbeitszeiten, etwa Teilarbeitszeit oder andere besondere Bedingungen angeboten?
Dr. Rosenthal: Begonnen habe ich meine Tätigkeit in meiner jetzigen Klinik mit einer halben Stelle als Oberärztin. Diese ist mit der Zeit aufgestockt worden. Ich habe eine Art Kernarbeitszeit, in der erfahrungsgemäß die meiste Arbeit – Endoskopie, Ambulanzbetrieb etc. – anfällt.
Mein Zuständigkeitsbereich umfasst aber auch einen großen Teil administrativer Tätigkeiten: Ich bearbeite unter anderem hauptzuständig die DRG mit allem wie MDK, Krankenkassenkontakten, was dazugehört, eine zeitaufwändige aber nicht tageszeitgebundene Arbeit, die ich gut an Wochenenden oder seit Neuestem zum Teil von zu Hause aus an dem extra dafür eingerichteten Heimarbeitsplatz erledigen kann. Die Möglichkeit des „externen Zugriffs“ auf das Krankenhausinformationssystem erweist sich auch für die Dienste als äußerst günstig, da ich Labor, Röntgenbilder etc. von zu Hause aus in Augenschein nehmen kann.
Haben Sie Ihren beruflichen Werdegang zielgerichtet verfolgt oder ergab sich der Weg zufällig?
Dr. Rosenthal: Eine Mischung von beidem. Während meiner Assistenzarztzeit habe ich unter anderem Allgemeinarztpraxen vertreten und in ein, zwei Reha-Kliniken kurz hospitiert, um mir ein Bild von der Arbeit dort zu machen. Daraus ergab sich für mich, dass ich gerne mittelfristig in einer Akutklinik mit einem breiten Spektrum arbeiten wollte. Gastroenterologie zusätzlich zur Diabetologie als Weiterbildung hätte mir zugesagt – da kam dann die Familienplanung dazwischen. Zusätzlich war für mich klar, dass ich nicht über lange Jahre vordergründig Nachtdienste machen will, also: Oberärztin oder Chef!
Hatten Sie geplant, Oberärztin zu werden, oder hat es sich ergeben?
Dr. Rosenthal: Vieles hat sich trotz insgesamt schlechter Bedingungen für mich glücklich gefügt. Ich habe mich beeilt, Fachärztin zu werden und war das mit 34.
1992 überhaupt eine Assistenzarztstelle zu bekommen, war trotz eines sehr guten Staatsexamens und einer Reihe zusätzlicher Kurse schwierig. Ich habe damals wie viele meiner Kollegen mehr als 80 Bewerbungen geschrieben und genau zwei Stellen angeboten bekommen: Bei der einen wurde der männliche Bewerber bevorzugt, das hat der Chef auch klar so formuliert, die zweite – und einzig verfügbare – Stelle habe ich bekommen.
Nachdem ich Fachärztin war, hätte ich mich gleich weiter bewerben müssen, bin aber aus Gründen der Liebe noch in der Klinik geblieben: karrieretechnisch ein Desaster, von heute aus betrachtet, die richtige Entscheidung.
Und dann habe ich auch einfach Glück gehabt: An einem Montagmorgen im Jahr 1999 hat mein damaliger Chef mir mitgeteilt, dass ich ihm zu „aufmüpfig“ geworden sei. Es gab eine Bedenkzeit von drei Wochen. Am Abend desselben Tages habe ich festgestellt, dass ich schwanger bin. Am Morgen des nächsten Tages hat die Klinik in Thüringen, in der ich oberärztlich schon als Vertretung tätig gewesen war, angerufen und mir eine feste Stelle als Oberärztin angeboten. Die Thüringer Klinik hat mich in Kenntnis meiner Schwangerschaft dann eingestellt und ich habe noch am selben Tag meinen damaligen Chef durchaus mit Genugtuung um einen Auflösungsvertrag gebeten.
Meine jetzige Stelle habe ich nach Empfehlung angeboten bekommen, da meine Fähigkeiten, einschließlich meines Zusatzes Diabetologie, dem Anforderungsprofil der Stelle entsprachen.
Wie kam es, dass Sie sich für Innere Medizin entschieden?
Dr. Rosenthal: Ich fand es schon nach dem Abitur schwierig, mich für einen Beruf zu entscheiden, weil es sehr viele Dinge gibt, die mich interessieren. Sich zu entscheiden, heißt immer auch, sich einzugrenzen. Hätte ich den Studienplatz in Humanmedizin nicht bekommen, hätte ich Germanistik, Musikwissenschaften und Philosophie studiert, wofür ich auch schon in Mainz eingeschrieben war, als der Nachrückbescheid der Uni Gießen kam.
Gegen Ende des Studiums war nach Einblick in die verschiedenen Fachbereiche für mich klar, dass die Innere für mich das richtige, weil es das aus meiner Sicht spannendste Fach war. Die Innere umfasst viele Krankheitsbilder, ist aber nicht rein theoretisch, sondern hat, wenn ich will, handwerkliche Anteile, wie zum Beispiel Endoskopieren und Sonographieren. Außerdem bedarf die Arbeit mit überwiegend chronisch kranken Menschen zusätzlicher spannender Skills.
Wie schaffen Sie es, nachts und am Wochenende Dienste mit den Familienaufgaben zu vereinbaren?
Dr. Rosenthal: Wie gesagt, wir sind gut organisiert. Ich arbeite häufiger an Samstagen, wenn mein Mann zu Hause ist. Wir sind mit unserem Chef mittlerweile fünf hintergründig tätige Ärzte, sodass sich die Zahl meiner Hintergrunddienste reduziert hat. Diese sind momentan noch durch eine Reihe erfahrener Assistenzärzte eher ruhig. Auch die Praxisdienste meines Mannes sind seit dem letzten Jahr durch eine Notdienstzentrale weniger geworden.
Aber: In den Jahren davor hatte zeitweise in jeder 2. Nacht einer von uns beiden Dienst. Einer hat Weihnachten und der andere Silvester, einer Ostern, der andere Pfingsten gearbeitet und nach wie vor teilen wir uns in den Ferien zum Teil mit unserem Urlaub auf, um die elternfreie Ferienzeit der Kinder möglichst gering zu halten.
Sind Sie mit anderen Ärztinnen in Ihrer Position vernetzt?
Dr. Rosenthal: Nein.
Können Sie sich vorstellen, weiter Karriere zu machen?
Dr. Rosenthal: Momentan funktioniert für mich die berühmt-berüchtigte Work-Life-Balance. Ich bin mit meinem Arbeitsplatz zufrieden und genüge in beiden Bereichen weitgehend meinen Ansprüchen. Sollte sich in diesem Konstrukt etwas auf einer Seite verschieben, muss ich oder müssen vielmehr wir neu überlegen.
In eine Chefarztposition weiter aufzusteigen, reizt mich aus verschiedenen Gründen gegenwärtig nicht.
Haben Sie eigentlich noch Zeit für Hobbys, Ehrenamt oder auch ganz einfach für sich selbst?
Dr. Rosenthal: Ja. Es gibt Nebentätigkeiten, die mir viel Spaß machen: Ich unterrichte in der Krankenpflegeschule und habe eine kleine Dozentenstelle an der BKK-Akademie wo ich angehenden Krankenkassenbetriebswirten „Medizin“ beibringe, Schnittstellenarbeit – sehr spannend.
Berufsunabhängig engagiere ich mich sowie auch mein Mann in den Schulen unserer Kinder, weil das wichtig ist und tiefere Einblicke und Mitgestaltungsmöglichkeiten in diesen Bereichen ermöglicht. Ich bin momentan Schulelternbeiratsvorsitzende unserer Grundschule und des Kindergartens.
Seit einigen Jahren nehme ich Gesangsunterricht und habe als weiteres Instrument zu Klavier und Gitarre vor anderthalb Jahren mit dem Cellospielen begonnen – ein langgehegter Wunsch. Unterricht ist Freitagabend als Belohnung für die Woche.
Außerdem mache ich mit Freunden Musik „voice and more“ heißt unsere Combo. Gelegentlich treten wir mit einer farbenfrohen Mischung aus Renaissancemusik, Beatles, Selbstgeschriebenem, Costello und vielem mehr auf. Ansonsten koche ich gern und lese mit Leidenschaft und sooft wie möglich, allerdings mehr Prosa und Lyrik.
Welche Bedingungen sollten Arbeitgeber schaffen, um für Mütter attraktive Stellen zu bieten?
Dr. Rosenthal: Teilzeitmodelle, flexible Arbeitszeiten, bei ausreichend großen Betrieben Kinderbetreuung und ansonsten kostengünstige, am besten kostenlose Kinderbetreuungsmöglichkeiten außerhalb des Arbeitsplatzes mit einem besonderen Fokus auf der Betreuung in den Ferien und außerdem Heimarbeitsplätze. Es braucht emanzipierte Chefärztinnen und Chefärzte, eben Vorgesetzte, die wissen, dass gute Arbeit nicht vollzeitige Arbeit sein muss. Und natürlich vernünftige und gleiche Bedingungen und Gehälter für Frauen und Männer.
Welchen Rat geben Sie Berufsanfängerinnen und Medizistudierenden zum Thema Vereinbarkeit?
Dr. Rosenthal: Ich antworte mit den Missfits (deutsches Frauenkabarettduo, das sich 2005 aufgelöst hat; Anm. d. Red.): „Wenn du weißt, was du willst, musst du seh’n, wie du hinkommst…“
Sicherlich sind nicht alle Arbeitsplätze in der Landschaft der Medizin familienkompatibel und werden es zum Teil auch nie sein. Erfreulicherweise hat sich unser Arbeitsmarkt dennoch, wenn auch gezwungenermaßen, frauenfreundlicher entwickelt. Anders als zu den Zeiten meiner ersten Bewerbungen geht es den angehenden Ärztinnen heute wesentlich besser, was die Stellenauswahl angeht, sehr frei nach Emily Dickinson: „You live in possibilities.“
Karriereplanung sollte unter den heutigen Bedingungen für Frauen einfacher sein, als sie es noch vor zehn Jahren war. Unabhängig von der sich verändernden Berufslandschaft und den damit verbundenen Möglichkeiten braucht es nach meiner Erfahrung definitiv einen Lebenspartner/eine Lebenspartnerin, der oder die den Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide teilt und die damit verbundenen Anstrengungen mit trägt.
Würden Sie in der Rückschau heute etwas anders machen?
Dr. Rosenthal: Da ich heute da bin, wo ich hinwollte: nein! Im Hier und Jetzt ist es aber gerade in einem so durchgeplanten Leben wichtig, gelegentlich gemeinsam und alleine innezuhalten und sich zu fragen, ob ich das, was ich tue, so weiter tun will und wie es mir und meiner Familie damit geht.
Frau Dr. Rosenthal, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anne Kandler, Mitglied im MB-Arbeitskreis „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, E-Mail der Redaktion: redation@marburger-bund.de

