Ruanda

Immenser Arbeitsaufwand bei beschränkten Mitteln

Bericht über Erfahrungen aus einem Tertial im Praktischen Jahr der Chirurgie in Kigali: Sauberer als Berlin und sicher

Von Anne von Bülow

Anfang 2017 habe ich die zweite Hälfte meines chirurgischen PJ-Tertials am University Hospital (CHUK) und am Muhima Hospital in Kigali absolviert.

Nachdem im Jahr 2016 bekannt wurde, dass eine Vielzahl zusätzlicher Krankenhäuser vom LAGESO in Berlin anerkannt werden würden, stand meinem langen Traum von einem Pj-Tertial in einem ostafrikanischen Land nichts mehr im Wege. Nach meinem Pflegepraktikum und Weltwärts-Jahr in Lomé (Togo), sowie Reisen in den Senegal, Namibia, Südafrika, Ghana und Benin, wollte ich nun ein ostafrikanisches Land erkunden. Viel Positives hatte ich über Ruanda gelesen und von FreundInnen erfahren, die schon einmal in Ostafrika für Praktika oder zum Reisen waren.

Ruanda, ein kleines Land im Herzen Afrikas, kaum größer als die Fläche Brandenburgs, jedoch so dicht besiedelt, dass es hinter Mauritius als das dicht besiedelste Land Afrikas gilt. Uns allen ist vor allem die jüngste Geschichte, nicht zuletzt durch den Film „Hotel Ruanda“ bekannt: Der Genozid von 1994 kostete durch umfangreiche Gewalttaten der Hutu circa einer Millionen Tutsi das Leben. Mich interessierte, wie in so kurzer Zeit eine traumatisierte Gesellschaft wieder friedlich Seite an Seite leben konnte und nun, 23 Jahre nach dem Genozid, zu einem der afrikanischen Länder mit dem höchsten Entwicklungspotenzial gehört. In der Fluter Ausgabe 59 las ich zusätzlich einen Artikel über Ruanda, in dem unter anderem vom hohen Frauenanteil im Parlament und dem durchgesetzten Verbot von Plastiktüten berichtet wurde.

Im Internet fanden sich zusätzliche Erfahrungsberichte mitsamt Kontaktdaten möglicher Ansprechpartnern, sodass ich mich circa neun Monate vor Beginn um einen Platz bewarb. Schon nach einer Woche bekam ich die schriftliche Zusage per E-Mail, nun musste nur noch ein code of conduct unterschrieben, ein offizielles Bewerbungsformular ausgefüllt und eine Bearbeitungsgebühr von 150 US Dollar bezahlt werden (auch vor Ort möglich).

Ganz bewusst hatte ich mich dafür entschieden, erst für die zweite Hälfte des chirurgischen Tertials nach Ruanda zu gehen, da ich zuerst in Berlin die nötigen OP Skills wie Naht-techniken lernen wollte. Auch die Entscheidung erst nach Weihnachten, also im Janu-ar/Februar in Ruanda zu sein und so dem Winter in Berlin zu entfliehen, habe ich nicht be-reut. So hatte ich genug Zeit, mich um die vom Auswärtigen Amt empfohlenen Impfungen zu kümmern (inklusive Gelbfieber). Auf eine Malariaprophylaxe verzichtete ich. Diese Entscheidung sollte aber von jedem individuell abgewogen werden.

Auf der Seite des Auswärtigen Amtes erfuhr ich zudem, dass ein Visum (90 Tage East African Visum 100 US Dollar, 30 Tage Touristen Visum Ruanda 30 US Dollar) direkt am Flughafen bei Ankunft als auch bei den entsprechenden Botschaften im Vorfeld ausgestellt werden kann. Auch ein Studenten/Traineeship Visum kann in der Botschaft für den gesamten Aufenthalt beantragt werden und ist daher sehr zu empfehlen.

Arbeit am CHUK

Das University Teaching Hospital of Kigali ist das zweitgrößte Krankenhaus Ruandas und versorgt rund eine Millionen Menschen, die vorrangig aus dem ländlichen Umland in die Hauptstadt kommen.

Ein typischer Arbeitstag auf der Chirurgischen Station am CHUK begann mit der morning conference um 7.20 Uhr, bei der die Ärzte von ihrer Nachtschicht berichteten. Danach begannen die rounds auf den verschiedensten Stationen. Während meines Aufenthaltes war ich vor allem auf der pädiatrisch chirurgischen Station tätig. Zufällig waren über den gesamten Zeitraum auch ein wechselnder Pool an amerikanische Gastärzten vor Ort, welche die ruandischen Ärzten durch Teaching unterstützen sollten. So wurden sowohl die morning conference, als auch die rounds stets auf englisch gehalten und mehrfach un-terbrochen, um etwa Therapieoptionen zu hinterfragen und zu diskutieren.

Die ruandischen Studierenden waren vor allem für die Stationsarbeit zuständig. Jeder Stu-dierende betreute eine Zahl von Patienten, die bei den rounds vorgestellt wurden. Sie waren auch dafür verantwortlich, dass die bei der Visite angeordneten Untersuchungen organisiert und die Briefe geschrieben wurden.

Da viele Patienten auf Grund eines schweren Krankheitsbildes oft von weit her gereist ins University Hospital kamen, war die Verständigung erschwert. Es war also hilfreich, einen kleinen Spickzettel mit den wichtigsten Wörtern Kinyarwanda dabei zu haben, wodurch man sich nebenbei auch schnell ein Lächeln der Patientinnen verdienen konnte. Außerdem halfen sowohl die Studierenden als auch das Pflegepersonal gerne bei der Verständigung.

Nach der Visite ging es dann in den OP, wo am Tag durchschnittlich ein bis drei Operationen durchgeführt wurden. Leider kam es zwischen den Operationen oft zu langen Wartezeiten, da entweder Patienten nicht anwesend waren, es kein steriles Material gab, oder aber die Anästhesie gerade nicht zur Verfügung stand. Diese Wartezeit verbrachten wir gerne gemeinsam in der Kantine des OP-Traktes, wo man neben Tee auch immer kleine Küchlein finden konnte. Fand dann endlich eine OP statt, so war es uns oft möglich zu assistieren. In Kigali gab es keine klassische „OP-Schwester“, die die Instrumente anreichte, sodass dies auch Aufgabe der Assistenten war.

Zudem fand an zwei Tagen in der Woche ein teaching statt, bei dem sowohl die Studierenden als auch die jungen ÄrztIÄrzte teilnehmen konnten.

Jeden Mittwoch trafen sich zudem die Studierenden zum Skills Teaching, welches durch einen amerikanischen Arzt geleitet wurde. So konnten wir uns in verschiedenen Nacht- und Knotentechniken üben.

Des Weiteren wurde jeden Montagnachmittag ein teaching durch eine andere chirurgische Fachdisziplin angeboten, sodass wir auch über Krankheitsbilder über die Kinderchirurgie hinaus erfahren konnten. Ein typischer Arbeitstag endete je nach Operationsplan zwischen 13 und 16 Uhr.

Positiv hervorheben möchte ich die Stimmung auf der Station. Manchmal mangelte es allerdings an Ressourcen, sodass etwa ein bestimmtes Antibiotikum nicht zur Verfügung stand. Auf der anderen Seite konnte es vorkommen, dass das Krankenhaus durch zum Beispiel ein Ultraschallgerät gut ausgestattet war, aber nur wenige Leute wussten, wie es zu bedienen war. Es mangelte also manchmal sowohl an Mitteln, als auch an Kenntnissen. Unterstreichen möchte ich jedoch den immensen Arbeitsaufwand, den sowohl die Studierenden, das Pflegepersonal, die Angehörigen, als auch die Ärzte jeden Tag leisteten, ohne sich zu beschweren. Viele arbeiteten mehr als zehn Stunden am Tag und zahlten nicht selten Therapien für Patienten aus eigener Tasche.

Als ich nach etwa der Hälfte der Zeit den Wunsch äußerte, auch einmal in der gynäkologischen Chirurgie einen Einblick zu gewinnen, wurde mir dabei geholfen, den Kontakt zum Muhima Krankenhaus, ein weiteres, kleineres Lehrkrankenhaus der University of Kigali, herzustellen.

Arbeit am Muhima Hospial

Das Muhima Krankenhaus ist ein kleineres District Hospital in Kigali, wo jeden Tag zwi-schen 15 und 20 Kinder zur Welt gebracht werden. Nach der morning conference, die in einem Mix aus Englisch, Französisch und Kinyarwanda abgehalten wurde, wurde zunächst der Op Plan mit den akut anstehenden Sektios verglichen. Meist begann dann sofort die erste OP, bei der ich mich stets einwaschen und assistieren durfte.

Da im Muhima Hospital so viele Geburten stattfanden, wurde man von Anfang an ermutigt, möglichst viel praktische Erfahrung zu sammeln. Selbst die ruandischen Studierenden machen am Ende ihres Gynäkologieblocks die Kaiserschnitte oft alleine.

Eine besondere Erfahrung waren die Nachtdienste, die ich am Muhima Hospital erleben durfte: der Arzt ist neben den Hebammen allein für die medizinische Versorgung der Schwangeren zuständig. Nachdem alle Frauen, welche sich bereits in der Eröffnungsphase der Geburt befanden, untersucht wurden, ging es in den OP. Je nachdem, wie viele Kaiserschnitte akut anstanden und wie viele im Laufe der Nacht noch hinzukamen, war es möglich, dass der Arzt oder die Ärztin bis in die frühen Morgenstunden im OP beschäftigt war.

An anderen Tagen konnte ich auch, zusammen mit den Hebammen, die Frauen während der Geburt begleiten. Auch hier war Hand anlegen angesagt, denn manchmal fanden zwischen vier und fünf Geburten gleichzeitig statt, für die aber nicht genug Stühle oder auch Wärmeliegen für die Neugeborenen zur Verfügung standen. Kam ein Baby in einem kritischen Zustand auf die Welt, so konnte es auf die Neugeborenen-Station verlegt werden.

Leben und Freizeit

Besonders an den Wochenenden bot es sich an, das Land der tausend Hügel zu erkunden: ob nun Safari im Akagera Nationalpark, eine Dschungelwanderung inklusive Bird Wat-ching im Nyungwe National Park oder aber ein Ausflug an den Lake Kivu, Ruanda hatte für jeden etwas zu bieten. Besonders beliebt und bekannt waren die vom aussterben be-drohten Mountain Gorillas, die (für leider sehr viel Geld) sowohl in Ruanda, als auch in Uganda und im Kongo besichtigt werden konnten. In Kigali gab es viele Tour-Anbieter, ein Preis- und Ländervergleich lohnte sich allemal!

Natürlich war es schwer, sich aus Deutschland ein Zimmer in Kigali zu organisieren. Viele blieben daher erst einmal ein paar Tage im Hostel, um dann vor Ort ein Zimmer zu suchen. Es empfahl sich daher regelmäßig auf www.livinginkigali.com nachzuschauen. Ein Zimmer konnte zwischen 150 und 300€ pro Monat kosten. Des Weiteren unterstützten Jean Pierre Ndereyimana oder Jean Baptiste Nyandwi einen gerne bei der Wohnungssuche. Ich selbst kam die ersten Tage über Couchsurfing in einer WG unter, in der ich dann auch für den Rest der Zeit bleiben durfte.

Generell war das Leben in Kigali verhältnismäßig günstig. So konnte man in der ganzen Stadt (und auch auf dem CHUK Gelände) beim sogenannten Buffett durch ausgetüftelte Stapelkunst einen Vulkan aus Bohnen, Reis, Pommes Frittes, Kürbis, Süßkartoffeln, Nudeln und Kochbananen bauen, sodass man für ca einen US Dollar (fast) den ganzen Tag keinen Hunger mehr verspüren sollte. Es lohnte sich also, auf die Teller der anderen Gäste zu schielen und sich entsprechende Techniken abzugucken.

Des Weiteren war Kigali eine sehr saubere Stadt, die durch asphaltierte Straßen mit Fahr-radwegen und Blumenbeeten imponierte und auch für den europäischen Gaumen genug Ausweichmöglichkeiten jenseits des Kohlenhydratvulkanismus bot.

Wer Lust auf aktive als auch passive Sporterlebnisse hatte, wurde in Kigali fündig: ob beim Fußball, Schwimmen, Aerobic oder Basketball, Schwimmen oder Yoga, in Kigali wurde sich viel bewegt!

Auch das Klima in Ruanda war super! Zwar lag das kleine Land fast direkt am Äquator, jedoch ließen sich die Temperaturen zwischen tagsüber 22-26 °C durch die Höhenlage sehr gut aushalten. Am Abend konnte es auch mal kühler werden, ein Pullover oder eine lange Hose war also von Nöten!

Der öffentliche Transport basierte auf Bussen und Mototaxis, welche für jeden Passagier einen zweiten Helm bereithielten. Wem das immer noch zu unsicher war, konnte auf die App SafeMotos zurückgreifen, welche wie Uber funktionierte und zusätzlich viele innovative Zusatzfunktionen sowohl für Motofahrer als auch den Gast anbot.

Jederzeit, selbst in der Nacht, hatte ich als junge Frau das Gefühl, sicher auf den Straßen Kigalis unterwegs zu sein, was unter anderem der allgegenwärtigen Polizeipräsenz zu verdanken war. Nichtsdestotrotz lohnte es sich, besonders auf Märkten und Busbahnhöfen auf Wertsachen zu achten.

Auch das Reisen von A nach B war in Ruanda gut organisiert. Eine Busfahrkarte konnte mit dem eigenen Namen versehen am Schalter erworben werden. Busse fuhren pünkt-lich(!), auch wenn sie nicht voll waren.

Das Fazit

Mit viel Sonnenschein im Herzen, neuen Freundschaften und vielen praktischen Erfahrung im Op-Saal kehrte ich nach zwei Monaten wieder nach Berlin zurück. Kigali war eine der saubersten und sichersten Städte, die ich je besuchen durfte. Sauberer als Berlin, stellte ich bei meiner Rückkehr fest! Ich war tief beeindruckt bin von der Schönheit des Landes, der freundlich zurückhaltenden Art der Ruander, der Arbeitsleistung und dem Umgang der Ärzte und Hebammen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln. Jederzeit würde ich sowohl im CHUK als auch im Muhima Krankenhaus ein PJ-Tertial absolvieren und kann von ganzem Herzen einem jeden Studierenden einen Auslandsaufenthalt während des PJ´s empfehlen. Bei Fragen den Aufenthalt betreffend stehe ich gerne zur Verfügung.

Zur Autorin

Anne von Bülow studiert Humanmedizin an der Charité Berlin.

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