#MehrZeit

„Zeit für Karriere und Familie – das muss doch einfach möglich sein!“

Interview mit den neuen MB-Botschaftern Johanna und Michael Grimme

Berlin (spo).

Johanna Grimme ist Ärztin in der Weiterbildung, Innere Medizin. Michael Grimme ist Arzt in der Weiterbildung, Innere Medizin. Gemeinsam haben sie eine Tochter. Johanna Grimme kehrte vor kurzem nach ihrer Elternzeit wieder in Teilzeit an ihren Arbeitsplatz zurück, Michael Grimme hatte zwei Monate Elternzeit für seine Tochter genommen. Im folgenden Interview erläutern sie, warum sie als Botschafter an der MB-Kampagne #MehrZeit mitwirken und wie sie versuchen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

 

Warum bleibt Ihnen zu wenig Zeit für die Familie?

Johanna Grimme: An meiner Klinik ist Halbtagsarbeit nicht möglich. Teilzeitkräfte arbeiten zwei Wochen lang voll am Stück und haben dafür zwei Wochen lang Pause. Wegen der Vollzeitphasen brauche ich deshalb einen Krippenplatz für den ganzen Tag. Meine anderthalbjährige Tochter ist damit untertags sehr lange weg. Auch Schichtdienste sind schwierig, wir können als Ärztepaar keine Nacht- und Wochenenddienste gleichzeitig machen. Die Dienstpläne müssen aufei­nan­der abgestimmt sein. Wir haben dadurch auch wenig Zeit gemeinsam mit der Familie.

Michael Grimme: Wir beide arbeiten mehr, als wir eigentlich wollen. Das hat mit der engen Personaldecke in der Klinik zu tun. Bei mir fallen regelmäßig viele Überstunden an, von denen ich weiß, dass ich sie niemals werde abbauen können.

Johanna Grimme: Bei mir kommt noch hinzu, dass ich in meinen eigentlich freien Wochen häufig gefragt werde, ob ich nicht kurzfristig einspringen könnte. Das bringt mich dann in die Bredouille. Es gibt einfach nicht genug ärztliches Personal, um die Arbeit unter den Kolleginnen und Kollegen vernünftig aufzuteilen.

 

War es schwierig, eine dem Dienst entsprechende Kinderbetreuung zu finden?

Johanna Grimme: Ja, das hat uns einige Nerven gekostet, bis wir einen Krippenplatz hatten, der unseren Anforderungen entspricht. Vor allem die Randzeiten werden zum Problem. Es sollte in den Krankenhäusern mehr Betriebskitas geben, damit wäre ich auch schneller bei meinem Kind. Denn bei Notfällen ist es schwierig, pünktlich um 17 Uhr Schluss zu machen. Ich brauche eine Kita, wo ich die Betreuungszeiten bei Bedarf ausweiten kann.

 

Sie sind beide in der Weiterbildung. Welche Probleme tun sich hier auf?

Michael Grimme: Bei der aktuellen Personalsituation spielt Weiterbildung im normalen Dienstbetrieb häufig eine absolut nachrangige Rolle. In der täglichen Routine kommt die strukturierte Wissensvermittlung einfach zu kurz. Das gilt vor allem für Nacht- und Wochenenddienste. Vor meiner zweimonatigen Elternzeit habe ich viele Nachtschichten gehabt. Das war für uns als Familie besser, da wir mehr vonei­nan­der hatten. Für die Weiterbildung war das allerdings schlecht. Nachts ist keiner da, der einen weiterbilden kann. Bessere Chancen hat man, wenn man besonders viel tagsüber arbeitet. Dann sind Oberärzte und Chefärzte im Haus, die einem Weiterbildung zukommen lassen können.

Johanna Grimme: Teilzeitarbeit bedeutet für mich, dass sich die Weiterbildung um drei bis vier Jahre verlängert. Ohne Überstunden und viel Eigeninitiative kommt man in seinem Fach nicht weiter. Man ist immer in dieser Zwickmühle: Wofür bleibt mehr Zeit? Für meine Patienten oder meine Familie? Das ist schwierig, denn man möchte eigentlich mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.

 

Gibt es auf der Leitungsebene ein Problembewusstsein?

Michael Grimme: Ich habe schon den Eindruck, dass viele Klinikleitungen immer noch in alten Denkmustern verharren, wo allein der Mann zur Arbeit geht und die Frau zu Hause die Kinder betreut. Es muss möglich sein, als Arzt und Ärztin gleichzeitig tätig zu sein, ohne dass die Familie zu kurz kommt.

 

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Johanna Grimme: Bei uns in der Inneren Medizin gibt es viele Ärztinnen, die auch Mütter sind. Eine große Zahl der Kolleginnen denkt darüber nach, in die ambulante Versorgung zu wechseln, einige haben das auch schon gemacht. Für viele ist es eine Option, im Fach Innere Medizin die Weiterbildung in einer Hausarztpraxis fortzuführen. Ich kann mir das auch gut vorstellen. Für mich persönlich ist die Praxis im ambulanten Bereich eine interessante Option, da alles andere mit Familie nur schwer zu vereinbaren ist. Die Dienste, Nachtarbeit und Wochenendschichten sind auf Dauer nicht machbar, die Arbeit ist so schon anstrengend genug.

 

Warum ist Ihnen der Marburger Bund wichtig?

Michael Grimme: Man sollte als Arzt nicht nur kritisch sein Umfeld betrachten, sondern seine Kritik oder Anregungen auch in Worte fassen und gemeinsam mit anderen die Dinge voranbringen. Dafür brauchen wir eine starke, durchsetzungsfähige Gewerkschaft, in der möglichst alle vertreten sind und sich für ihre Belange einsetzen.

Johanna Grimme: Es kommt da­rauf an, die Dinge aktiv mitzugestalten, statt sich nur zu beschweren, was alles so im Argen liegt. Wir wollen, dass sich etwas ändert. Deshalb engagieren wir uns im Marburger Bund.

 

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