Große Aufgabe, große Chance!

Von Rudolf Henke

In Deutschland sind jährlich rund 10.000 Todesfälle auf einen vollendeten Suizid zurückzuführen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Suizidversuche etwa zehnmal so hoch liegt. Bei der Prävention hat es in den vergangenen Jahrzehnten beträchtliche Erfolge gegeben. Zu Beginn der 1980er Jahre lagen die vollendeten Suizide noch bei fast 19.000 und Anfang der 1990er Jahre bei rund 14.000 jährlich.

Trotz dieser guten Entwicklung seit den 1980er Jahren gilt: Jeder Suizidversuch und erst recht jeder Suizid ist einer zu viel. Weitere Anstrengungen zur Vermeidung von Suiziden und Suizidversuchen müssen unternommen werden, um betroffenen Menschen und deren Angehörigen frühzeitig Auswege in Form von Behandlung, Unterstützung – etwa durch die Vermittlung in eine Therapie- oder Selbsthilfegruppe – und Prävention anbieten zu können. Und: seit 2005 sind die Zahlen nicht mehr zurückgegangen.

Nur vergleichsweise wenige Suizide sind wirklich Ergebnis eines souveränen Entscheidungsprozesses. Ein großer Teil der Suizide und Suizidversuche basiert auf einer psychischen Belastung bzw. ist Ausdruck einer psychischen Krise oder einer psychischen Erkrankung. Nach aktuellem Forschungsstand litten mehr als 90 Prozent aller durch Suizid Verstorbenen an einer psychischen Erkrankung, aber über 80 Prozent der Suizidenten sind bis zum Zeitpunkt ihres Todes bezüglich ihrer psychischen Krankheit nicht behandelt worden. Es gibt aber mindestens 100.000 Suizidversuche im Jahr, die mit dem Versorgungssystem in Kontakt kommen. Das ist eine große Aufgabe aber auch eine Chance, die Weichen richtig zu stellen. Bei Sicherstellung einer angemessenen Diagnose und Behandlung könnten die Zahlen weiter reduziert werden. Um Suizidalität entgegenzuwirken, benötigen Menschen in psychischen Krisen eine niedrigschwellige und schnelle Hilfe.

Eine fachgerechte Diagnose und Therapie von psychischen Erkrankungen und Suizidalität stellen aufgrund der Individualität einer jeden Erkrankung und ihrer nicht linear verlaufenden Phasen eine große Herausforderung für die Behandlung dar. Die Erforschung, die Konzipierung und die Umsetzung neuer Therapiemöglichkeiten haben in den vergangenen Jahren eine durchaus positive Entwicklung genommen.

Um die Diagnostik und Therapie weiter zu verbessern, initiierte die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde im Jahr 2013 ein Projekt zur Erarbeitung einer S3-Leitlinie und verknüpfte dies mit dem Vorhaben der Bundesärztekammer (BÄK), der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) im Rahmen des Programms für Nationale VersorgungsLeitlinien (NVL) eine Leitlinie zu erarbeiten, die als systematisch entwickelte Entscheidungshilfe bei der Behandlung unipolarer Depression behilflich sein soll.

Unter Mitwirkung von zahlreichen Fachgesellschaften und Verbänden wurde Ende 2015 die sogenannte S3-Leitlinie/

Nationale VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“ konsentiert. Sie richtet sich an alle Berufsgruppen, die sich mit der Erkennung, Diagnostik und Behandlung von Patienten mit unipolaren Depressionen befassen sowie Betroffene und deren Angehörige, die Politik und die Öffentlichkeit.

Auf Basis einer bestmöglichen Evidenz umfasst die Leitlinie 120 Schlüsselempfehlungen, die sich in einem eigenen Kapitel mit dem Management bei Suizidgefahr befassen, was neben der Diagnose und der Risikobewertung auch die Notfallintervention, das Krisenmanagement, die Therapieplanung inklusive der Pharmakotherapie und die Nachsorge umfasst.

Die Empfehlungen der Leitlinie sind ein Beispiel dafür, dass Politikberatung durch die Ärzteschaft Gehör finden kann. Denn etliche Empfehlungen sind quasi auf der Zielgeraden der Legislaturperiode des Deutschen Bundestages in einen Antrag eingeflossen, den das Parlament kurz vor dem Beginn seiner sogenannten sitzungsfreien Zeit zwar nicht ohne Enthaltungen aber ohne Gegenvoten beschlossen hat. Ich bin für das Vertrauen dankbar, aufgrund dessen ich an der Erarbeitung dieses Antrags unmittelbar mitwirken konnte. Darin wird auch die Hilfe der neben der Versorgung oft durch Ehrenamt getragenen Initiativen und Programmen gewürdigt, wie zum Beispiel die der Telefonseelsorge. Durch die Erarbeitung und die Umsetzung inhaltlicher Konzepte und Beratungsangebote, die meist rund um die Uhr erreichbar sind, wird ein niedrigschwelliger Zugang erleichtert.

Auf Initiative der Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen werden seit 2017 Mittel des Bundes für die Forschung sowie die Weiterentwicklung von Maßnahmen zur Aufklärung und Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen zur Verfügung gestellt. Diese Mittel müssen in Zukunft erhöht werden. Und noch eines: Es gibt in Deutschland sechs Zentren der Gesundheitsforschung. Insgesamt mehr als 80 Standorte mit mehr als hundert beteiligten Hochschulen, Universitätsklinika und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen bilden die vier Zentren der Gesundheitsforschung für Infektionskrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenkrankheiten und Krebs. Hinzu kommen die beiden Zentren für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und für Diabetesforschung (DZD) mit insgesamt 14 Standorten und 20 Mitgliedseinrichtungen. Ich denke, es wird Zeit, in diese kleine Liste auch die psychischen Erkrankungen und die Erkrankungen der Kindheit und Jugendzeit aufzunehmen.