Vorsicht Verwirrung!

Von Rudolf Henke

Vor einiger Zeit erhielt ich einen Brief besorgter Eltern, die mir über die Krankengeschichte ihres an einem Non-Hodgkin-Lymphom erkrankten Sohnes berichteten. Der Sohn hatte zunächst auf ärztliche Hilfe verzichtet und sich statt dessen in die Behandlung eines Heilpraktikers begeben. Erst nach Monaten fortschreitender Erkrankung gelang es den Eltern, ihren Sohn von der Notwendigkeit einer ärztlichen Behandlung zu überzeugen, die dann als multimodale Therapie und bis dato gutem Ergebnis in einer Klinik für Hämatologie und Onkologie eingeleitet wurde.

Natürlich ist es das gute Recht selbstbestimmt lebender Menschen und Ausdruck ihrer allgemeinen Handlungsfreiheit, sich auch bei schwerer, lebensbedrohender und dennoch heilbarer Krankheit gegen medizinische Hilfe, gegen ärztliche Behandlung zu entscheiden. Wo die Entscheidung des Kranken als oberstes Gebot gilt („voluntas aegroti suprema lex“), kann eine ärztliche Behandlung nur bei juristisch einwandfrei festgestellter Entscheidungsunfähigkeit eines Kranken gegen dessen Willen durchgesetzt werden. Die gegen den Willen des entscheidungsfähigen Patienten durchgesetzte in sich noch so sinnvolle Behandlung gilt in unserem Rechtssystem als Körperverletzung, und für solche Körperverletzung drohen empfindliche Strafen.

Um so wichtiger ist aber dann das Wissen des Kranken, der seine Entscheidung trifft. Zu diesem Wissen zählt im vorhin geschilderten Fall auch, dass Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker keinen Gesundheitsfachberuf ausüben.

Die von Heilpraktikern zu absolvierende „Gefahrenabwehr­überprüfung“ beinhaltet keine positive Feststellung einer theoretisch und oder praktisch erworbenen Qualifikation, sondern lediglich die negative Feststellung, dass von der betreffenden Person keine Gefahr für die Volksgesundheit ausgehen soll.

Das Heilpraktikerwesen steht somit außerhalb der sonst im Gesundheitswesen geltenden Anforderungen an klar definierte fachliche Qualifikationen auf der Basis fundierter Standards und an eine hohe Qualität und Sicherheit in der Patientenversorgung. Es lässt sich in diese Anforderungen auch nicht integrieren, denn es ist gerade das zentrale Merkmal des Heilpraktikerwesens, außerhalb geltender Standards und allgemein anerkannter Wirksamkeitsmechnismen tätig werden zu dürfen.

Der 120. Deutsche Ärztetag 2017 hat den Gesetzgeber deshalb aufgefordert, den Schutz von Patientinnen und Patienten bei der Ausübung von Heilkunde zu verbessern und die Rechte von Heilpraktikern so zu gestalten, dass deren Tätigkeit keine Gefährdung für Patienten darstellt.

Vom derzeit zulässigen und bereits durch den ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehaltenen Aufgabenbereich eingeschränkten Tätigkeitsumfang von Heilpraktikern sind – so der Ärztetag – alle invasiven Maßnahmen (wie chirurgische Eingriffe, Injektionen und Infusionen) sowie die Behandlung von Krebserkrankungen auszuschließen.

Vorschläge, das Heilpraktikerwesen durch eine staatlich anerkannte Ausbildung oder gar durch akademische Qualifikationen zu reformieren, weisen in die falsche Richtung. Die Erklärung des Präsidenten des Medizinischen Fakultätentages, Heyo K. Kroemer, ist insoweit zu akzeptieren, als komplementärmedizinische Ansätze eine wertvolle Ergänzung zu schulmedizinischen Verfahren sein können. Ich widerspreche ihm aber in der Aussage, die hohen, seit langem etablierten Standards der medizinischen Ausbildung müssten in ähnlicher Weise auch für die Ausbildung der Heilpraktiker greifen. Die in diesem Fall überhaupt geeignete akademische Qualifikation wäre ja gerade die des Arztes, der Ärztin. Oder wollen die Medizinischen Fakultäten in Zukunft unterscheidliche Ausbildungsgänge für Ärzte und für Heilpraktiker anbieten. Das kann ja wohl kaum sein.

Im Interesse der Patientensicherheit muss eine Reform des Heilpraktikergesetzes (HeilprG) deswegen vor allem den Umfang der Tätigkeitserlaubnis in den Blick nehmen. Besondere Gefahren gehen von allen invasiven Maßnahmen aus.

Außerdem sind bestimmte Erkrankungskonstellationen von der Erlaubnis auszunehmen. Dies ist schon in der Vergangenheit z.B. für die Geburtshilfe und Geschlechtskrankheiten geschehen. Aus heutiger Sicht muss auch die Behandlung von Krebserkrankungen von der Erlaubnis ausgenommen werden.

Die moderne, evidenzbasierte Medizin stellt – anders als dies vor Jahrzehnten bei Erlass des Heilpraktikergesetzes der Fall war – für viele Krebserkrankungen wirksame Behandlungsmöglichkeiten bereit. Der Erfolg dieser Behandlungen hängt oft entscheidend von einem rechtzeitigen Behandlungsbeginn ab. Es kann deswegen nicht länger zugelassen werden, dass es auf Basis einer Heilpraktikererlaubnis zu Verzögerungen der Einleitung einer erfolgversprechenden Krebsbehandlung kommt.