Gefühlte Lügen

Von Dr. M B

Wir leben im Zeitalter der Post. Nach der Post-Moderne kommt das Post-Faktische. Zugegeben: Das Moderne ist schon länger unmodern. Doch nun kommt zumindest aus Sicht von Sprachwissenschaftlern das Faktische aus der Mode (Internet: http://gfds.de/wort-des-jahres-2016). Fakten stören tatsächlich häufig. Wozu benötigt jener Fakten, der schon immer alles besser wusste? Jedoch könnte es sein, dass Fakten ein Eigenleben entwickeln. So schätzen es viele Patienten weiterhin, wenn ein gebrochener Arm tatsächlich geschient wird. Hier vertraut man meist ungern allein auf das Gefühl des Wunderheilers. Schmerzen können Fakten Glaubwürdigkeit zurückgeben. Postfaktisch meint laut Wissenschaftlern vielmehr, dass immer größere Bevölkerungsschichten in ihrem Widerwillen gegen „die da oben“ bereit sind, Tatsachen zu ignorieren und offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der „gefühlten Wahrheit“ führe zum Erfolg. Die gefühlte Wahrheit wäre demnach eigentlich ein anderes Wort für Lüge. Man könnte meinen, die Macht des Faktischen würde die meisten irgendwann eines Besseren belehren. So glauben nur noch wenige an den Weihnachtsmann. Doch in der Politik kann man auf einen vergleichbaren Effekt lange warten. Schlechte Dinge können wahlweise der EU, Russland, Obama, Trump oder irgendeinem Gott o.ä. in die Schuhe geschoben werden. Schuld sind jedenfalls immer die anderen. Diese Entwicklung ist nicht neu. Die individuell erfahrene Realität war vermutlich schon seit Menschwerdung wichtiger als angeblich objektive Tatsachen, die leider im Einzelfall doch anders aussehen. Neuer ist vielleicht, dass glatte Lügen und komplette Menschenverachtung bei einigen Menschen kein Unwohlsein erzeugen und sie dies konsequent zur Schau stellen. Auf schönere Worte des Jahres hofft weiterhin

Ihr Dr. MB