Landarzt

Führen Quoten zu Landlust oder Landfrust?

Die „Landarztquote“ ist vielleicht gut gemeint, aber ist sie auch gut durchdacht?

Kirchheim .

Die Bundesregierung möchte die bestehende Unterversorgung ländlicher Regionen korrigieren. Ein Ansatz dazu ist die „Landarztquote“. Danach soll derjenige bevorzugt einen Medizin-Studienplatz erhalten, der sich verpflichtet, nach dem Studium mehrere Jahre in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Bewerber um einen Studienplatz müssten sich dann auch schon vor dem Studienbeginn auf eine bestimmte Fachrichtung festlegen. Der LV Baden-Württemberg lehnt diese Regelung ab. Doch was sagen die Betroffenen? Christine Fechner, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im MB-Landesverband Baden-Württemberg hat mit Julia Lenz und Nicole Holzer über Vor- und Nachteile gesprochen.

Können Sie sich vorstellen oder hätten Sie sich vorstellen können, sich  schon vor Studienbeginn auf eine acht- bis zehnjährige Tätigkeit in einem  bestimmten Krankenhaus in einer bestimmten ländlichen Region festzulegen?

Julia Lenz: Ich persönlich hätte mir nicht vorstellen können, mich schon vor Studienbeginn auf eine acht- bis zehnjährige Tätigkeit in einem bestimmten Krankenhaus in einer bestimmten ländlichen Region festzulegen und würde dies auch heute – in meinem dritten Studienjahr – niemals tun.

Nicole Holzer: Am Beginn meines Studiums wollte ich unbedingt Chirurgin werden. Ich habe mein Studium danach ausgerichtet und  neben dem Krankenpflegepraktikum und einer Famulatur auch mein Wahlfach in verschiedenen chirurgischen Disziplinen absolviert. Nichtsdestotrotz habe ich mich auch anderen Fachdisziplinen zugewandt und mich dort umgeschaut, um das richtige Fach für mich zu finden. Letztendlich habe ich mich für die Innere Medizin entschieden.

 

Welche Gründe sprechen aus Ihrer Sicht dagegen?

Lenz: Ich bin der Meinung, dass es vor allem im medizinischen Beruf sehr wichtig ist, flexibel zu sein. Da ich denke, dass sich zunächst gefasste Pläne, Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf unseren Beruf im Laufe des Studiums noch stark verändern können, würde eine frühe Festlegung in jedem Fall die Flexibilität einbüßen. Ein Umdenken während des Studiums kann durch Veränderung der eigenen Prioritäten durch persönliche Weiterentwicklung erfolgen, zum anderen durch Wandel der familiären Umstände und äußerer Einflüsse.

Ein wichtiger Faktor bei der späteren Stellensuche ist darüber hinaus die Einpassung in ein Team. Eine frühe Festlegung auf ein Klinikum birgt hier die Gefahr, die ersten Jahre seiner beruflichen Laufbahn in einem nicht zufriedenstellenden Arbeitsumfeld arbeiten zu müssen. Darüber hinaus glaube ich, dass auch die frühe Wahl auf eine bestimmte Region nicht sinnvoll ist.

Darüber hinaus glaube ich, dass auch die frühe Wahl auf eine bestimmte Region nicht sinnvoll ist. Dies liegt zum einen daran, dass sich eventuell am Ende des Studiums das besondere Interesse für eine spezielle Fachrichtung herauskristallisiert, welches man an dem Krankenhaus der Wahl nicht ausleben kann. Dies würde zu einer Beeinträchtigung der fachlichen Weiterentwicklung führen. Zum anderen spielen Familienplanung oder soziale Verpflichtungen bei der Wahl der Arbeitsstelle eine Rolle. Hier kann eine gute Infrastruktur ausschlaggebend sein.

Holzer: Hätte ich mich vor Studienbeginn zu einer bestimmten Fachrichtung mit Ortsbindung verpflichtet, dann hätte ich nie all die Erfahrungen machen können, die ich gemacht habe, um das Fach zu finden, welches am besten zu mir passt. Der erste Arbeitsplatz ist der Wichtigste im Leben, die ersten zwei Jahre prägen uns und machen uns in gewisser Weise zu der Art Ärztin/Arzt die/der ich sein möchte. Dies liegt zum einen an der Weiterbildung und zum anderen an den Kollegen und Vorgesetzten. Woher soll ich außerdem wissen, ob das Krankenhaus und die Fachrichtung der ich mich verpflichtet habe nach sechs Jahren Studium immer noch die richtige Entscheidung war? Man verändert sich im Laufe seines Lebens und Ansichten und die Entscheidungen die wir zum Beispiel mit achtzehn Jahren vertreten bzw. getroffen haben, sehen wir mit Mitte 20 anders.

 

Unter Umständen hätten auch Studierende mit einem schwächeren Abitur-Durchschnitt eine Möglichkeit, Medizin zu studieren. Sorgt das für mehr oder weniger Gerechtigkeit bei der Studienplatzvergabe? Wo sehen Sie hier Vor- bzw. Nachteile z.B. in der Qualifikation?

Lenz: Ich persönlich finde keinesfalls, dass eine solche Landarztquote Gerechtigkeit verschaffen würde. Studierende mit einem schwächeren Abitur würden verleitet werden, im „Landarzt-Programm“ einzusteigen, statt sich z.B. über Uni-interne Tests, Ausbildungsboni, Wartezeitquoten usw. zu bewerben und müssten dadurch im Beruf viele der oben erwähnten Nachteile in Kauf nehmen. Ich bin nicht der Meinung, dass ein schwächeres Abitur zur Folge haben sollte, dass das zukünftige Berufsleben von solch erheblichen Nachteilen bestimmt wird.

Holzer: In Zeiten des Ärztemangels sollte man die Zulassung überdenken. Die Abiturnote ist aber immer noch das einzig objektive Mittel den Studienerfolg vorherzusagen. Ich finde es aber gut, dass zumindest auch andere Kriterien zur Zulassung herangezogen werden. Zum Beispiel eine Ausbildung im sozialen Umfeld, ehrenamtliches Engagement und anderes. Eine gute Abiturnote macht noch keinen guten Arzt.

 

Was sind für Sie Kriterien oder Bedingungen, die Sie überzeugen würden, nach dem Studium in einer ländlichen Region zu arbeiten?

Lenz: Wichtige Kriterien wären, dass für mich keine Einschränkung der späteren Facharztwahl aufträte und die Möglichkeit der Weiterbildung an anderen Häusern offen bliebe. Bei interkollegialen Differenzen müsste zudem ein Wechsel in ein anderes Haus möglich sein. Wichtig ist mir persönlich außerdem ein familienfreundliches Umfeld.

Holzer: Da ich selbst aus einer ländlichen Region komme, stehen für mich neben der Region auch die Menschen, die Infrastruktur wie z.B. Einkaufsmöglichkeiten im Vordergrund. Ein Krankenhaus das innerhalb von 15 bis dreißig Minuten auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist, ist mir ebenfalls wichtig.

 

Welche Rahmenbedingungen sollte die Politik vorgeben, um mehr Mediziner in die Provinz zu holen?

Lenz: Neben den oben genannten Bedingungen sollte die Verpflichtungszeit deutlich verkürzt werden. Durch eine kürzere Verpflichtungszeit würden vermutlich tendenziell mehr junge Mediziner den Weg in die Provinz einschlagen. Dort angekommen würde ein gewisser Prozentsatz dieser jungen Ärzte die Qualitäten der ländlichen Region für sich und ihre Zukunft entdecken und sich niederlassen. Wer sich jedoch weder für die ländliche Region noch für den Facharzt Allgemeinmedizin ehrlich begeistern kann, wird sich vermutlich auch nach acht oder zehn Jahren nicht entscheiden, Allgemeinmediziner auf dem Land zu werden. Aus meiner Sicht ist es sogar eher wahrscheinlich, dass ein solcher Betroffener in dieser doch sehr langen Zeit aus Frust den Beruf Arzt ganz aufgeben könnte.

Holzer: Befragungen haben gezeigt, dass viele der Studenten/innen nach Abschluss des Studiums wieder in ihre Heimatstadt/-dorf zurückgehen und sich in der näheren Umgebung eine Stelle suchen. Dies zeigt, dass man sich mit der Region identifizieren sollte. In verschiedenen Regionen bekommt man Unterstützung sowohl finanziell als auch z.B. beim Umzug und bei der Wohnungssuche. Ein freundlicher Empfang lässt einem die Entscheidung vielleicht leichter fallen.

Zudem sind Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten, andere Ärzte und auch die Altersstruktur der Region wichtig. Jemand mit Familie wird nicht in eine Region ziehen, in der Kindergärten/-tagesstätten und Schulen nicht gut und schnell zu Fuß, mit dem Rad, Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Im Bezug zur Niederlassung sind die MVZ ein wichtiger Anreiz, denn es arbeitet sich Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen besser als nur allein. Sowohl für die/den angestellten Ärztin/Arzt als auch die/den niedergelassenen Ärztin/Arzt sind planbare Zeit und die Work-Life Balance heute sehr wichtig. Dies muss aber nicht nur von der Politik gesehen werden, sondern auch von den Chefärzten und Klinikdirektoren.

Abschließend muss ich sagen, dass man niemanden zur Allgemeinmedizin zwingen sollte. Nicht für jeden ist der Beruf des Hausarztes geeignet. Wenn man jemand zu etwas zwingen muss, dass er selbst nicht will, dann ist der Misserfolg vorprogrammiert. Ein/e Ärztin/Arzt muss von seinem Fach begeistert sein, denn wenn der Beruf Spaß macht, geht vieles leichter von der Hand und Fehler passieren vielleicht weniger.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

Die Interviewpartner

  • Nicole Holzer ist Ärztin in der Weiterbildung der Inneren Medizin im Hegau-Bodenseeklinikum Radolfzell.
  • Julia Lenz studiert im 6. Fachsemester Medizin in Tübingen und engagiert sich im MB-Sprecherrat und ist MB-Kontaktstudentin.

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