Buchbesprechung

„Thinking about Medicine“ im Alltag

Von Kommunikations-Skills über psychologische Denkweisen bis zur Chirurgie

Von Silvano Cassio Barbieri

Dem Marburger Bund ist es gelungen, eine neue Kooperation mit der Oxford University Press zu schließen. Mitglieder des Marburger Bundes profitieren dadurch zukünftig von einem 20 Prozent-Rabatt auf alle medizinischen Titel! Zum Beispiel auf das "Oxford Handbook of Clinical Medicine", das ein gefragter Begleiter von jungen Ärztinnen und Ärzten ist. Unter dem Motto "Become the doctor you want to be" bietet das Nachschlagewerk in kitteltaschenfreundlicher Größe verständliche Erläuterungen, praktische Tipps und klare Beispiele. Abgedeckt werden alle Bereiche der Inneren Medizin, aber auch Neurologie, Onkologie, Epidemiologie, Chirurgie, Radiologie sowie Notfälle.

Um als MB-Mitglied den Rabatt in Anspruch zu nehmen, ist ein Code notwendig, der auf Anfrage (E-Mail: rassek@marburger-bund.de) mitgeteilt wird. Die Bücherauswahl gibt's auf der Website der Oxford University Press.

Es folgt eine Buchbesprechung in der MBZ: Oxford Handbook of Clinical Medicine.

 

Welcher Student oder junger Mediziner sucht nicht das eine Buch, welches ihm bei täglichen Fragen und Wissenslücken mit Rat und Tat zur Seite steht? Die Zahl der diversen Druckerzeugnisse ist groß und die Auswahl keineswegs leicht.

Als Medizinstudent in einem Modellstudiengang mit hohem Praxisanteil in unterschiedlichen Fachgebieten suchte ich nach einem umfassenden Werk. Die üblichen stichpunktartigen Zusammenfassungen sind mir teilweise selbst beim schnellen Blick zu knapp und beim Nachschlagen sind Hintergrundinformationen wichtig. Daher empfand ich die meisten Klinikleitfäden für meine Bedürfnisse ungeeignet.

Als ich das „Oxford Handbook of Clinical Medicine“ in den Händen hielt, war ich zunächst skeptisch. Das Handbuch gibt es in zwei unterschiedlichen Abmessungen (246x189 mm und 180x100 mm) mit ähnlichem Inhalt – die kleine Variante hat laut Verlagshomepage 210 Grafiken weniger. Die „Mini Edition“ verkleinert das (ohnehin kleine) Schriftbild, passt aber selbst in die kleinste Kitteltasche. Auch die größere Ausgabe ist kompakt genug, um im Alltag zu begleiten. Leider gibt es keine deutsche Übersetzung und man muss mit Englisch einigermaßen gut vertraut sein, um die Inhalte zu verstehen. Gerade die häufig verwendeten englischen medizinischen Abkürzungen erfordern ein wenig Einarbeitung und zu Beginn häufiges Nachschlagen im umfangreichen Abkürzungsverzeichnis.

Das erste Kapitel trägt den Titel „Thinking about medicine“. Hier wird auf unterschiedliche Facetten des ärztlichen Alltages eingegangen. So findet man den hippokratischen Eid in der alten, sowie einer 2013er Fassung. Kommunikations-Skills und psychologische Denkweisen werden besprochen. Unter anderem wird auf die Kunst des Fragenstellens eingegangen, auf Gedanken zur Medikamentenverschreibung, aber auch philosophische Aspekte der Medizin, von Leben bis Tod, werden aufgegriffen. An einigen Stellen vielleicht eine Spur zu idealisiert, gleichwohl lehrreich, wenn man selbst gerade einen Motivationsschub und etwas gesunden Idealismus im Arztberuf gebrauchen kann.

Als Zweites geht es um „History and examination“. Nach einer kurzen medizinhistorischen Einführung findet sich eine detaillierte Auflistung einer vollständigen Anamnese. Nicht nur Überbegriffe wie kardiopulmonale Symptome werden aufgelistet, sondern konkrete Beispiele gegeben, welche man keineswegs zu fragen vergessen sollte. Im Rest des Kapitels wird ausführlich auf die körperliche Untersuchung eingegangen - von Hand über den Gastrointestinaltrakt bis hin zum neurologischen Status. Weiterhin finden sich Bilder, die anschaulich zeigen worauf genau man seinen Blick bei einzelnen Körperteilen richten sollte. Als Anfänger ist der Abschnitt über die kardiologische Untersuchung zu empfehlen, da die Herztöne und -geräusche gut erklärt werden.

Die Kapitel 3 bis zwölf sind ähnlich aufgebaut. Hier findet man von kardiovaskulärer Medizin bis zu Rheumatologie fast alles, was die innere Medizin zu bieten hat. Ich finde den EKG-Teil besonders gelungen. In einer anschaulichen Gesamtschau wird einerseits eine Grundanleitung zum Lesen und Interpretieren gegeben, andererseits werden aber auch spezifische Auffälligkeiten verständlich thematisiert und mit klaren Beispielen illustriert.

Chirurgische Themen sind der Schwerpunkt des Kapitels 13. Zu Beginn findet sich eine kurze Übersicht über die wichtigsten Druckpunkte, gefolgt von einer Einführung in präoperativer Versorgung und Anästhesie. Weiterhin werden die wesentlichsten allgemeinchirurgischen, gefäßchirurgischen und urologischen Methoden vorgestellt. Passend zur jeweiligen Maßnahme wird an einigen Stellen das postoperative Management thematisiert und beispielsweise auf die Stomaversorgung eingegangen.

Kapitel 14 „Epidemiology“ und 15 „Clinical chemistry“ beschäftigen sich mit den wesentlichen Informationen zur Epidemiologie und laboratoriumsmedizinischen Hintergründen.

Kapitel 16 „Eponymous syndroms“ führt verschiedene Krankheitsbilder unter ihrem Eigennamen alphabetisch sortiert auf. Gerade wenn man auf die Schnelle keinen Psychrembel zur Hand hat erhält man so einen kurzen Überblick über das entsprechende Syndrom.

Eine Besonderheit zu anderen Kittelbegleitern ist Kapitel 17 „Radiology“. Mit vielen Bildern veranschaulicht bekommt man eine gute Hilfestellung um gleichermaßen als Nicht-Radiologe einen Einblick in die bildgebende Diagnostik zu haben und so ein tiefgreifenderes Verständnis aufzubauen.

Sollte man einmal keine passenden Referenzwerte greifbar haben, so lohnt sich ein Blick in Kapitel 18. Wichtige Medikamentenwechselwirkungen sind hier ebenfalls aufgelistet.

Für den praktischen Alltag ist Kapitel 19 relevant. Häufige invasive Fertigkeiten  werden genau erläutert.

Zu guter Letzt widmet sich Kapitel 20 den Notfällen. Unerwartet positiv finde ich, dass nicht nur die üblichen Notfälle wie Reanimation oder Herzinfarkt erwähnt werden, sondern u.a. ebenso endokrinologische oder neurologische Notfälle.

Kurz vor Ende des Buches finden sich noch zwei Seiten mit Dosierungsempfehlungen der häufigsten Medikamenten für den „new doctor“.

Mein Fazit

Das Oxford Handbook of Clinical Medicine deckt weitestgehend alle Bereiche der inneren Medizin ab. Zudem finden sich Kapitel zur Neurologie, Onkologie, Epidemiologie, Chirurgie, Radiologie, sowie klinischer Chemie. Ergänzt wird dies durch einen Abschnitt zu praktischen Fertigkeiten und Notfällen. Leider gibt es keinen Teil zur Dermatologie, HNO oder Gynäkologie (diese sind in das getrennte Werk „Oxford Handbook of Clinical Specialties“ ausgelagert). Es bietet nicht nur eine stichpunktartige Aneinanderreihung von Symptomen, sondern zielt auf ein tieferes Verständnis mit Kurzlehrbuchcharakter. Viele Bilder illustrieren den Wortlaut an relevanten Stellen. Der Text ist jedoch besonders in der Mini Edition sehr dicht und klein geschrieben, was unter Umständen für einige Leser sehr unangenehm und unübersichtlich wirken kann. Häufiger Fließtext erschwert es, innerhalb von wenigen Sekunden, eine bestimmte Information zu finden. Dies kann für erfahrene Kliniker unpraktisch sein.

Insgesamt nimmt das Buch einen betont antroposophischen Standpunkt ein und bereichert mit interessanten Hintergründen, Gedanken zu Krankheit und Heilung und einigen (literarischen) Zitaten das reine Faktenlernen hin zum typisch britischen „Arztgelehrten“. Dennoch sind wichtige Informationen im Doppelseitenformat schnell verfügbar, sodass das Buch gut zur Klausurvorbereitung benutzt werden kann.

Aufgrund der Größe kann man es gut bei sich tragen und hat damit einen nützlichen Begleiter für Famulaturen, PJ oder Klinikalltag als Arzt. Im deutschsprachigen Raum ist mir bisher kein vergleichbares Druckwerk bekannt, welches diese Kompaktheit bei gleichzeitiger inhaltlicher Tiefe bietet. Seinem Motto „Become the doctor you want to be“ wird es in diesem Sinne mehr als gerecht. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der keine Angst vor englischen Texten hat und möchte es nicht mehr missen.

Weitere Informationen

  • Der Autor Silvano Cassio Barbieri ist stellv. Vorsitzender des Sprecherrates der Medizinstudierenden im MB.
  • M. Longmore et al., Hrsg. Oxford Handbook of Clinical Medicine - Mini Edition. New York: Oxford University Press 2015 (9th edition). 920 S., rund 40 Euro – s. o.

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