Politik auf Irrwegen – ­Zuhören könnte helfen!

Medizinstudierende wehren sich gegen Quartalsierung des PJ und Pflichtprüfung Allgemeinmedizin

Von Lutz Retzlaff

Der Masterplan Medizinstudium 2020 betrifft alle Studierenden der Humanmedizin – und sogar alle, die sich noch für dieses Studium interessieren. Geplant sind Änderungen der Auswahlkriterien für Studierende, der Studienstruktur und Ausbildungsinhalte. So wollen Teile der Politik eine Landarztquote fürs Medizinstudium. Studieninteressierte sollen bevorzugt werden, die sich noch vor Studienbeginn festlegen, dass sie sich später als Hausarzt auf dem Land niederlassen. Zudem sollen alle Studierenden am Ende des Studiums in der Allgemeinmedizin geprüft werden.

Die Struktur des Praktischen Jahres soll von Tertialen auf Quartale und damit auf vier Ausbildungsabschnitte aufgeteilt werden. Die Pflichtquartale der Inneren Medizin und in der Chirurgie sollen beibehalten und durch zwei Wahlquartale in anderen klinisch-praktischen Fachgebieten (Wahlfächern) ergänzt werden. Mindestens eines davon wäre im ambulanten vertragsärztlichen Bereich zu absolvieren. Da die Allgemeinmedizin als Prüfungsfach im Staatsexamen am Ende gesetzt wäre, ist leicht zu erkennen, dass die Wahl zumindest in einem Fach keine wirkliche Wahl wäre. Kurzum: Die Politik will den Druck auf Studierende erhöhen, Hausarzt zu werden. Dabei leiden auch andere Fächer unter Ärztemangel.

Noch mehr Zwang im Studium

Um mehr Ärzte für die Versorgung von Patienten zu bekommen, sollten eigentlich mehr Ärzte ausgebildet werden. Diese einfache Rechnung wollen viele Befürworter des Masterplans nicht anerkennen. So kosten mehr Studienplätze mehr Geld, wenn die Qualität erhalten bleiben soll. Doch die Länder wollen eben nicht mehr Geld bezahlen. Die Reform soll kostenneutral erfolgen, die vollständige Umsetzung des Masterplans unter Haushaltsvorbehalt gestellt werden. Zwang und Pflicht wird scheinbar als die kostengünstigere Variante angesehen. So hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin beste Karten, sich durchzusetzen: Sie gehört zu den Initiatoren der Pflichtmaßnahmen, befürwortet und unterstützt die vorliegenden Pläne zur Einführung weiterer Zwangselemente ins Studium.

Dabei sollte eigentlich allen Verantwortlichen längst klar sein: Die Gründe für den Mangel an Hausärzten in bestimmten Regionen sind vor allem in den Arbeitsbedingungen und den grundsätzlichen Lebensbedingungen vor Ort zu suchen. Das Medizinstudium ist der falsche Ort, versorgungspolitische Versäumnisse aufzuarbeiten. Die Medizinstudierenden wollen frei darüber entscheiden, welche Fachrichtung sie nach dem Studium wählen. Schon jetzt gibt es mit der Pflichtfamulatur und dem Blockpraktikum im Studium ausreichend Gelegenheit, die Allgemeinmedizin besser kennenzulernen. Zusätzliche Einschränkungen ihrer ohnehin geringen Wahlfreiheit lehnen die Medizinstudierenden einmütig ab. Das MB-Studi-Barometer 2016 ergab als Umfrage ein klares Stimmungsbild unter Medizinstudierenden.

Der Marburger Bund hat in dieser Situation an Bund und Länder appelliert, ein Finanzkonzept zum Ausbau von Medizinstudienplätzen zu vereinbaren. „Der Masterplan zur Reform des Medizinstudiums bietet die große Chance, mehr geeignete Bewerber zum Studium zuzulassen, die derzeit noch in eine jahrelange Warteposition gezwungen werden. Ein solcher Ausbau der Studienplätze um mindestens zehn Prozent wäre auch ein sehr wirksames Rezept gegen den spürbaren Ärztemangel in Klinik und Praxis“, sagte Dr. Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des Marburger Bundes. In dieser Hinsicht sei die für 2019 geplante Errichtung einer Medizinischen Fakultät an der Universität Augsburg wegweisend, begrüßte Botzlar die Entscheidung des Freistaats Bayern, in Augsburg per­spektivisch mehr als 200 neue Medizinstudienplätze pro Jahrgang zu schaffen.

Zahlreiche Aktionen gegen die Symbolpolitik

Bei Redaktionsschluss war der Masterplan Medizinstudium 2020 an mangelnder Finanzierung gescheitert. Rudolf Henke, Vorsitzender des Marburger-Bund-Bundesverbands, kommentierte, die Länder sollten sich endlich überlegen, wie sie die Studienplatzmisere lösen: „Jetzt ist die Zeit, die Weichen für die Zukunft zu stellen.“ Damit bleibt der Marburger Bund seiner Linie treu.

Die Studierenden im Marburger Bund haben von Anfang an den Masterplan in der vorerst gescheiterten Version bekämpft. Sie haben Stellungnahmen und Eckpunktepapiere verfasst, Anträge zu den Hauptversammlungen des Marburger Bundes und infolge auch des Deutschen Ärztetages verfasst, haben an der Umfrage „MB-Studi-Barometer 2016“ unter Medizinstudierenden mitgewirkt, die E-Card-Aktion „Kommt nicht in die Tüte“ gestartet – und vieles mehr. Diese Eindeutigkeit durchgehend und geschlossen von Anfang an war und ist unter den Verbänden der Medizinstudierenden einmalig. Vielleicht hat auch dieses hervorragende Engagement dazu beigetragen, dass es nun offenbar zur Denkpause gekommen ist. Zum Redaktionsschluss war noch unklar, wie diese genutzt wird.

Mehr zum Masterplan unter http://www.marburger-bund.de/mb-studenten/aktuelles

Kommentare


Möchten auch Sie mitdiskutieren?!

Dann loggen Sie sich in unsere Web-Community ein. Sind Sie bereits Mitglied, besitzen aber noch keinen Account zur Web-Community? Dann registrieren Sie sich bitte hier.

Login