Summer School

Zur Übung: „Ihr seid jetzt das Team in der Notaufnahme!“

Medizinstudierende üben an in Aachen an High-Fidelity Patienten-Simulator, damit der Einstieg in den klinischen Alltag ein Erfolg wird

Aachen (lure).

„Ihr seid jetzt das Team in der Notaufnahme.“ Diese Aussage würde manchem Medizinstudierendem den Blutdruck in die Höhe treiben – doch in Aachen nicht: Aus dem gesamten Bundesgebiet sind Medizinstudierende dorthin zum Training gereist. Manche nehmen dazu sogar vielstündige Anreisen aus Greifswald auf sich. „Ich bin kurz vor dem Praktischen Jahr und möchte vorher mehr praktisch üben“, beschreibt eine Medizinstudentin aus Essen beispielsweise ihre Motivation an der Summer School des Trainingszentrums der Medizinischen Fakultät der Universität Aachen (AIXTRA) teilzunehmen.

Die Teilnehmer profitieren dort von einer Zusammen­arbeit mit der Marburger-Bund-Stiftung. Unter Anleitung erfahrener Fachärzte, wie Dr. Uwe Wainwright, spielen sie in kleinen Gruppen beispielsweise Szenarien in der Notaufnahme durch: „Wenn ihr Hilfe benötigt, dann könnt ihr sie rufen.“ Und prompt wird der erste Patient eingeliefert. Die Absprache mit dem Team des Rettungswagens ist kurz.

„Die Teilnehmer sollen auch die Zusammenarbeit im Team proben und lernen“, erläutert Dr. Saša Sopka, der gemeinsam mit Dr. Stefan Beckers das Zentrum leitet. Dieses ermöglicht zum Beispiel das leitliniengerechte Training des Basic und Advanced Life Support. Das Trainieren soll die jungen und auch älteren Mediziner für ihre Arbeit mit Patienten selbst auf seltene Notfälle vorbereiten. Die Ähnlichkeiten zum Crew-Resource-Management-Training für Luftfahrzeugbesatzungen ist also nicht zufällig.

Der Patient in der Notaufnahme ist eine männliche Puppe und trägt den Namen Feuerstein. Er kann dank einer Mitarbeiterin sprechen: „Ich kriege so schlecht Luft. Seit heute Abend wird dies schlimmer. Und das Herz rast so.“

Der Anblick des EKG lässt die Teilnehmer nur kurz rätseln: Es ist eine Tachyarrhythmia absoluta. Dieses ist nur ein Szenario, was hier geprobt werden kann. Und künftig soll dies noch erweitert werden.

„Hast du schon einmal eine ZVK-Anlage gemacht?“ ist eine andere Frage, die manche Anfänger zum Schwitzen bringt. Natürlich gibt es immer ein erstes Mal, wenn der junge Mediziner dies am Patienten macht, räumt Sopka ein. Aber: „Ich würde mich sicherer fühlen, wenn jemand es zuvor hier geübt hat.“ Von der ZVK-Anlage über Naht- und Knotentechnik und der fallbasierten EKG-Befundung, bis hin zum Szenario-Training am High-Fidelity Patienten-Simulator wird an den zwei Tagen der Summer School viel geboten. Und demnächst könnte es noch mehr werden, denn auch Trainings im Bereich der Weiterbildung werden das Angebot des AIXTRA bereichern, schließlich werden Skills Labs an vielen Stellen aufgebaut oder sind in Betrieb.

Doch in Aachen soll künftig das Angebot an Lehr- und Weiterbildungsangeboten auf eine Gesamtfläche von rund 6.000 Quadratmetern wachsen. In einer nachgebauten Allgemeinarztpraxis wird dann die Patientenkommunikation trainiert. Ein RTW soll in einen Hörsaal mit 400 Plätzen fahren können. Die Besatzung kann dort vor Publikum Notfallszenarien durchspielen. Auf elf Arbeitsplätzen sollen Demo-OP mit echten Leichen geprobt werden. Sopka berichtet, dass all dies nur in Kooperation mit der Beteiligten, zum Beispiel in der Pathologie, möglich wird. So gibt es bereits Körperspender, die sich mit der Verwendung ihrer Körper einverstanden erklärten. Sinn macht dies dann, wenn Puppen keine sinnvolle Simulation ermöglichen, beispielsweise bei Fällen mit Transplantaten. Ein ganzes Stockwerk soll zudem dem Sonografie-Training gewidmet werden. Sopka berichtet, dass ein zweistelliger Millionenbetrag investiert wird – und der Bau bis 2017 stehen soll. Doch wie geht es jetzt in der Notaufnahme weiter?

Welchen Blutdruck hat der Patient? Ist der obere Wert vielleicht zu niedrig? Und welches Präparat sollte man hier einsetzen? In einem wirklichen Notfall würden die Nerven blank liegen. Hier bleibt aber Zeit zum Überlegen – während der Patient weiter leidet. „Können Sie mir helfen?“ Eine Schilddrüsenerkrankung hat der Patient nicht: Amiodaron! Das Medikament ist da – und los geht‘s. Ausbilder Wainwright empfiehlt: „Ihr dürft einen Bolus geben.“ Tatsächlich sagt der Patient danach: „Mir geht es besser.“ Und selbst das EKG zeigt einen Sinus-Rhythmus.

Verpasst haben die Studierenden aber die Auskultation, die eine Spastik im oberen Lungenabschnitt ergeben hätte. Nun hören sie feuchte Rasselgeräusche: Lungenstau – Prä-Lungenödem. Der Patient ist links dekompensiert. Ein Röntgen-Thorax wäre also einer der nächsten Schritte, erläutert Wainwright: „Ihr würdet ihn in jedem Falle stationär aufnehmen.“

Während sich Plastik-Feuerstein endlich von seinen virtuellen Leiden etwas erholen kann, geht es nun an die Diskussion mit den Studierenden: „Ich glaube, auch ihr werdet demnächst als allererstes einen solchen Patienten aufrecht lagern.“ „Darauf sind wir diesmal zu spät gekommen“, sind sich die Teilnehmer einig. Und in einer anderen Gruppe? „Ich sollte niemals ohne Notfall-Equipment Patienten durchs Krankenhaus fahren.“ Dies sind Lehren, die Teilnehmer aus dem Clinical Skills aus ihren nunmehr vorliegenden Erfahrungen ziehen. Zum Trainieren ist dies hier genau der richtige Ort. Somit wird die Zusammenarbeit mit der Marburger-Bund-Stiftung auch im kommenden Jahr fortgesetzt.

Weitere Infos

Informationen zum Seminarangebot des Marburger Bundes gibt es unter http://weiter.es/mb/-WKmB

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