Künstliche Intelligenz, Machtmissbrauch in der Medizin, Tarifpolitik und die Förderung des ärztlichen Nachwuchses: Die Landesversammlung des Marburger Bund Bayern widmete sich den großen Herausforderungen, vor denen der Arztberuf derzeit steht. Dabei wurde deutlich, dass der Verband nicht nur auf aktuelle Entwicklungen reagiert, sondern aktiv Impulse für die zukünftige Gestaltung des Gesundheitswesens setzt.
Den öffentlichen Teil der Landesversammlung eröffnete Prof. Dr. Markus M. Lerch, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des LMU Klinikums München. In seinem Vortrag zeigte er auf, wie Künstliche Intelligenz bereits heute in Diagnostik, Dokumentation und Organisation klinischer Abläufe eingesetzt wird und welche Potenziale sie für die medizinische Versorgung bietet.
Die zentrale Botschaft lautete: Künstliche Intelligenz soll Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen, sondern sie von administrativen Aufgaben entlasten und ihnen mehr Zeit für die unmittelbare Patientenversorgung verschaffen. KI könne insbesondere dazu beitragen, Dokumentationsaufwand zu reduzieren, Prozesse zu beschleunigen und die Qualität medizinischer Entscheidungen zu unterstützen.
Im anschließenden Vortrag „Künstliche Intelligenz – Herausforderung und Chance für die Tarifarbeit des Marburger Bundes“ machte Landesvorsitzender Dr. Andreas Botzlar deutlich, dass KI künftig nicht nur ein Technologiethema sein wird, sondern auch Auswirkungen auf Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und Mitbestimmung haben wird. Die Frage, wem die durch KI entstehenden Produktivitätsgewinne zugutekommen, werde damit auch zu einer tarifpolitischen Herausforderung.
Im Bericht des Landesvorstandes stand das Thema Macht- und Führungsstrukturen in der Medizin im Mittelpunkt. Ausgangspunkt war die Klausurtagung des Landesvorstandes 2025 in Salzburg, auf der ein Positionspapier zu Macht- und Führungsstrukturen in der Medizin erarbeitet wurde. Der Marburger Bund Bayern fordert darin mehr Transparenz, bessere Weiterbildung, moderne Führungskultur und sichere Meldesysteme für Missstände.
Ein wichtiger Impuls für diese Arbeit waren die Ergebnisse einer bayernweiten sowie einer bundesweiten Umfrage zu Machtmissbrauch und sexueller Diskriminierung. Die Ergebnisse zeigen einen erheblichen Handlungsbedarf und verdeutlichen, dass Fragen der Führungskultur stärker in den Fokus berufspolitischer Arbeit gerückt werden müssen.
"Machtmissbrauch verschwindet nicht dadurch, dass man darüber schweigt. Deshalb haben wir das Thema aufgegriffen, analysiert und erste konkrete Lösungen entwickelt.“
Mit diesen Worten fasste Landesvorsitzender Dr. Andreas Botzlar die Arbeit des vergangenen Jahres zusammen. Für den Marburger Bund Bayern gehören dazu die Ärztinnentagung FemInMed, das Mentoringprogramm, Coachingangebote für Ärztinnen, das Bayerische Dialogforum Ärztliche Führung sowie die Kampagne „Wehr Dich“. Alle Initiativen verfolgen das Ziel, Transparenz zu stärken, Kolleginnen und Kollegen zu vernetzen und eine moderne Führungskultur in der Medizin zu fördern.
Die Landesversammlung machte deutlich, dass Machtmissbrauch, Diskriminierung und überkommene Hierarchien keine Randthemen sind. Sie berühren zentrale Fragen der Weiterbildung, der Chancengerechtigkeit und der Attraktivität des Arztberufs. Der Marburger Bund Bayern will diese Diskussion deshalb auch künftig aktiv vorantreiben und konkrete Reformvorschläge in die gesundheitspolitische Debatte einbringen.
Besonders betroffen von Machtasymmetrien sind häufig Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung. Der Landesvorstand begrüßte deshalb ausdrücklich das vom Sprecherrat der sich weiterbildenden Ärztinnen und Ärzte erarbeitete Thesenpapier „Respekt und Kollegialität“. Dieses fordert unter anderem strukturierte Supervision, regelmäßiges Feedback und eine Kultur der Zusammenarbeit statt des Konkurrenzdenkens.
Mit der ersten Ärztinnentagung FemInMed setzte der Marburger Bund Bayern einen weiteren Schwerpunkt seiner Arbeit. Rund 70 Teilnehmerinnen kamen im März 2026 in Augsburg zusammen, um über Führung, mentale Gesundheit, Diskriminierung, Vorsorge, Schwangerschaft und Karrierewege in der Medizin zu diskutieren. Die Veranstaltung verdeutlichte die Bedeutung von Netzwerken und gegenseitiger Unterstützung für die berufliche Entwicklung von Ärztinnen.
Eng verbunden mit diesen Themen ist das Jahresmotto des Marburger Bund Bayern 2026: „Wehr Dich“. Ziel der Kampagne ist es, Ärztinnen und Ärzte bei der Wahrnehmung ihrer Rechte zu unterstützen, über bestehende Beratungsangebote zu informieren und sie zu ermutigen, Missstände nicht hinzunehmen. Hierzu wurde die Informationsplattform „mb-wehrdich.de“ ins Leben gerufen.
Deutliche Worte fand der Landesvorstand zur Situation der München Klinik. Angesichts erheblicher wirtschaftlicher Defizite warnte der Marburger Bund Bayern vor den Folgen eines zunehmenden Kostendrucks für Personal, Arbeitsbedingungen und Patientenversorgung.
„Wer an Krankenhäusern spart, spart an Versorgung, Personal und letztlich an der Gesundheit der Bevölkerung“ – diese Botschaft zog sich durch die Diskussionen zur Krankenhauspolitik. Der Marburger Bund Bayern wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass notwendige Strukturreformen nicht zulasten der Beschäftigten und der Patientenversorgung gehen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Landesversammlung war die Tarifpolitik. Vorgestellt wurden die Ergebnisse der Tarifverhandlungen im Bereich der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) sowie aktuelle Entwicklungen bei den BG Kliniken und privaten Klinikträgern. Darüber hinaus berichtete der Landesvorstand über erfolgreiche Tarifabschlüsse beim Bayerischen Roten Kreuz, bei Amper Medico und der Hessing Stiftung.
Die Delegierten diskutierten zudem die bevorstehende Open-Space-Veranstaltung zur Weiterentwicklung der Tarifpolitik an Universitätskliniken. Ziel ist es, die Mitglieder stärker in die Diskussion über die zukünftige Ausrichtung der Tarifarbeit einzubinden und gemeinsam Antworten auf die Herausforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt zu entwickeln.
Mit dem Bayerischen Dialogforum Ärztliche Führung, Coachingangeboten für Vertragsverhandlungen sowie dem neuen Mentoringprogramm setzt der Marburger Bund Bayern gezielt auf Vernetzung und Kompetenzentwicklung. Besonders erfreulich entwickelte sich das Mentoringprogramm, das 2026 mit 70 Mentorinnen und Mentoren sowie 70 Mentees gestartet ist.
Auch die Rechtsberatung bleibt ein zentrales Angebot des Verbandes. Die Zahl der Anfragen bewegt sich weiterhin auf hohem Niveau. Schwerpunkte sind Fragen der Arbeitszeit, Überstunden, Vertragsprüfungen, Mutterschutz und Elternzeit.
Die Landesversammlung 2026 machte deutlich, dass die Herausforderungen für den Arztberuf vielfältig sind: der technologische Wandel durch Künstliche Intelligenz, die Sicherung guter Arbeitsbedingungen, die Weiterentwicklung der Tarifpolitik sowie die Stärkung einer modernen Führungskultur.
Der Marburger Bund Bayern wird diese Themen weiterhin aktiv gestalten – als Gewerkschaft, Berufsverband und starke Stimme der angestellten Ärztinnen und Ärzte in Bayern.Die nächste Landesversammlung findet am 26. Juni 2027 in München.

