„Hier bestimmt die Natur und nicht der Mensch“

Als Arzt 13 Monate am Ende der Welt
09.Oktober 2026
Hannover - Antarktis
Im normalen Leben ist MB-Mitglied Ingo Gerstmann Chirurg und Oberarzt am KRH Klinikum Neustadt am Rübenberge und lebt mit seiner Familie in Hannover. Seit November 2025 ist sein Arbeitsplatz jedoch rund 14.000 Kilometer entfernt: Auf der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis ist er als Arzt und Stationsleiter tätig. Gemeinsam mit sieben Kolleginnen und Kollegen bildet er das 46. Überwinterungsteam der vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) betriebenen Station. Seit Februar 2026 ist die Crew auf sich allein gestellt, kurz vor Weihnachten geht es nach insgesamt 13 Monaten zurück in die Heimat. Nun, da sich die Überwinterung dem Ende nähert, haben wir mit Ingo Gerstmann über seine Zeit in der Antarktis, den Alltag am Ende der Welt und die Erfahrungen der vergangenen Monate gesprochen.
Ingo Gerstmann
Vom Dach der Station wird täglich der Wetterballon gestartet. Gelegentlich auch eine Aufgabe für Stationsleiter Ingo Gerstmann. Hier im Sonnenaufgang Anfang Mai. Foto: Gina Schulz

Herr Gerstmann, was hat letztlich den Ausschlag gegeben, dass aus Ihrem lang gehegten Antarktis-Traum ein 13-monatiger Einsatz wurde?

Es war weniger ein romantischer Traum. Vielmehr die Frage, ob die Qualifikation Chirurg noch mehr beinhaltet als „nur“ zu operieren. Nach meiner Facharztprüfung 2009 habe ich beinahe in jedem Jahr die Stellenausschreibung „Ärztin/Arzt (Chirurgie) zur Leitung der Überwinterung an der Neumayer-Station III“ registriert und einzelne Berichte von Kolleg*innen verfolgt. Dann bekam ich zu Weihnachten 2024 das Buch „Polarschimmer“ der Kollegin Aurelia Hölzer geschenkt. Sie schildert chronologisch ihre Überwinterung 2022. Das Buch war bis Neujahr durchgelesen. Die Stelle war noch ausgeschrieben. Nachdem meine Familie nichts Grundlegendes einzuwenden hatte, habe ich die Bewerbung losgeschickt.

 

Auf der Station Neumayer III sind Sie der einzige Arzt des achtköpfigen Überwinterungsteams und müssen medizinisch deutlich breiter aufgestellt sein als im Klinikalltag. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet – und was hat sich dabei als besonders hilfreich erwiesen?

Es sind nicht nur die sieben potenziellen Patient*innen im Winter. Im antarktischen Sommer sind bis zu 60 Personen für einige Wochen bis zu mehreren Monaten an der Station, um Forschungsprojekte zu betreiben und Bau- und Wartungsarbeiten durchzuführen. Hinzu kommen die Besatzungen der Versorgungs- und Forschungsflugzeuge. In der viermonatigen Vorbereitungszeit habe ich je ein mehrwöchiges Praktikum in einer kooperierenden Zahnarztpraxis und in der Anästhesie des Klinikums Bremerhaven Reinkenheide absolviert. Dabei wurde ich auch von Kolleg*innen aus meinem Team begleitet, die dort Grundkenntnisse erworben haben. Für die Tätigkeit in der Antarktis sind ein breites medizinisches Wissen und langjährige klinische Erfahrung auch außerhalb eines speziellen Fachgebiets sicher vorteilhaft. Ich habe das Glück, in meinem bisherigen Berufsleben immer in enger interprofessioneller und interdisziplinärer Zusammenarbeit tätig gewesen zu sein. So ist es mir hier von großem Vorteil, nicht nur Röntgenaufträge geschrieben zu haben, sondern auch die Durchführung der Aufnahme zu kennen. Auch der Laborbetrieb und die Lagerlogistik im OP sind mir nicht unbekannt. Bei Behandlungen in den Fachgebieten Augenheilkunde, HNO oder Gynäkologie aufmerksam zugeschaut zu haben, hat sich ebenfalls schon bewährt. Das Spektrum der Verletzungen und Erkrankungen hier in der Antarktis ist breit.

Wenn Sie in Ihren (Klinik-)Alltag zurückkehren: Was nehmen Sie aus diesen 13 Monaten für sich als Arzt und als Mensch mit?

Der Aufenthalt in der Antarktis und insbesondere die Zeit der Überwinterung haben mir deutlich gemacht, wie gut das Leben in der Heimat funktioniert. Wenn über Schwierigkeiten im Alltag, politische Entwicklungen und Mängel im gesellschaftlichen Zusammenleben geklagt wird, dann geschieht das aus meiner Sicht auf sehr hohem Niveau und meist, ohne dabei die eigene Verantwortung überhaupt wahrgenommen zu haben. Anstatt alles und jeden zu bewerten, erscheint es mir heute noch wichtiger, zunächst mal vor der eigenen Türe zu kehren.

 

Wenn Sie Kolleginnen und Kollegen mit Fernweh einen Rat geben könnten: Was braucht es aus Ihrer Sicht für eine Überwinterung in der Antarktis?
Neben den Hard- und Softskills, die ich bereits genannt habe, empfehle ich vor allem Offenheit und Neugier, Flexibilität im Denken und Handeln. Man muss über den Tellerrand hinausschauen wollen. Die Antarktis ist nicht der Ort, um sich selbst zu finden oder andere zu bekehren. Hier bestimmt die Natur und nicht der Mensch.

 

Herr Gerstmann, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin eine gute Zeit auf Neumayer III!

Die Fragen stellte Anna Dierking, MB Niedersachsen.