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Marburger Bund
Die Ärztegewerkschaft
Der Marburger Bund ist die gewerkschaftliche, gesundheits- und berufspolitische Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland.
Bonn. Wiederholt stand das Universitätsklinikum Bonn (UKB) in den vergangenen Jahren wegen Verstößen gegen die maximal erlaubte Arbeitszeit von Ärzten in der öffentlichen Kritik. Mindesten sechs empfindliche Bußgelder haben nordrheinische Behörden bereits verhängt, über deren exakte Höhe schweigen sich alle Beteiligten lieber aus. Kein Einzelfall in NRW, zuletzt wurden - wie berichtet - in 37 der 40 überprüften Kliniken in Nordrhein-Westfalen Verstöße gegen die Arbeitszeitregelungen festgestellt.
Die Kritik an den Zuständen am Universitätsklinikum Bonn ist offenbar jedoch nicht spurlos an dem Arbeitgeber vorbeigegangen. Was hat sich auf dem Bonner Venusberg verändert? Nicht nur in baulicher Hinsicht hat sich am UKB viel getan. Das in den Vorjahren stets erträgliche Millionen-Gewinne erwirtschaftende Universitätsklinikum Bonn hat mittlerweile über 90 Ärztinnen und Ärzte neu eingestellt. Die Mehrkosten betragen über sechs Millionen Euro. Nun wurde auch erstmals eine Belastungsanalyse erstellt.
Belastungsanalyse? Dieses Instrument des Arbeitsschutzes ist zum ersten Mal 2006 im Marburger-Bund-Tarifvertrag für Ärzte als Verpflichtung des Arbeitgebers genannt worden. Im Arbeitszeitgesetz taucht dieser Begriff nicht auf. Hier wird nur die Pflicht des Arbeitgebers zur "Beurteilung der Gefährdung des Arbeitnehmers" abstrakt formuliert.
Nirgendwo gibt es konkrete Empfehlungen zur praktischen Durchführung einer Belastungsanalyse in Krankenhäusern und die Zahl der größeren Kliniken in NRW, die bereits eine Belastungsanalyse vorgenommen haben, ist relativ überschaubar. "Es gibt kein vergleichbares Projekt anderer Großkliniken. Unser Umfrage-Projekt ist in ganz Nordrhein-Westfalen beispiellos", betonte Professor Dr. Michael Lentze, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Bonn.
Das UKB etablierte bereits im Jahr 2008 eine Arbeitsgruppe, an der der Wissenschaftliche Personalrat, der Kaufmännische Direktor, der Pflegedienst und ein Betriebsarzt beteiligt waren. Noch im selben Jahr erstellt die Arbeitsgruppe im Wesentlichen den umfangreichen Online-Fragenkatalog. Eine Durchführung der Analyse in Papierform wurde als nicht praktikabel abgelehnt. Die Realisierung des Online-Projektes dauerte dann jedoch ungewöhnlich lange - insgesamt gut drei Jahre.
Von den insgesamt über 5000 Beschäftigten am UKB wurden 2991 Mitarbeiter, die Bereitschaftsdienste am UKB leisten, per E-Mail angesprochen. Sie hatten sechs Wochen Zeit, sich an der hausinternen Belastungs-Analyse online zu beteiligen. Die Befragung sei anonym und der Datenschutz sei ebenso gewährleistet, wurde den Beschäftigten zugleich versichert.
Die Resonanz blieb jedoch recht überschaubar. Lediglich 824 (34 Prozent) vorwiegend jüngere Beschäftigte folgten überhaupt dem Link und öffneten den Fragebogen. Beantwortet haben den Online-Fragenbogen letztlich ganze 23 Prozent (573 Beschäftigte). Es waren 267 Ärztinnen und Ärzte (34 Prozent) sowie 306 Beschäftigte (19 Prozent) aus dem nichtwissenschaftlichen Bereich. Angesichts dieser geringen Beteiligung sind die Ergebnisse der ersten Belastungsanalyse am UKB daher nicht als repräsentativ zu bezeichnen. Prof. Michael Lentze meint jedoch, "für den Großteil der Fragen ist eine statistische Aussagekraft vorhanden".
Die Kernaussagen der Belastungsanalyse bei den Ärztinnen und Ärzten am Universitätsklinikum Bonn lauten: 95 Prozent der ärztlichen Mitarbeiter leisten am UKB Mehrarbeit oder Überstunden. 14 Prozent leisten Schichtdienste oberhalb der maximal erlaubten zehn Stunden am Tag. 55 Prozent leisten ungeplante Vollarbeit oberhalb von zehn Stunden am Tag. Nur 47 Prozent geben an, dass die Arbeitszeit korrekt schriftlich dokumentiert wird. 77 Prozent fühlen sich dennoch mit ihrer Arbeit am Universitätsklinikum Bonn sehr zufrieden bis zufrieden.
"Wir haben erkannt", betonte Prof. Dr. Michael Lentze, "dass wir medizinische Leistungen nicht mehr erbringen können, wenn uns Personal fehlt. Daher haben wir die Zahl der ärztlichen Mitarbeiter erhöht. Wir sehen nun dank unserer Belastungsanalyse, dass Drei Viertel unseres Personals mit ihrer Arbeit zufrieden sind."
Auf kritisches Nachfragen räumt der Bonner Statistikexperte Prof. Max Bauer hingegen ein, dass mit dem Ergebnis der Belastungsanalyse angesichts der geringen Teilnehmerzahl vorsichtig umgegangen werden muss.
Prof. Max Baur: "Wir wissen, es ist schwer, als Arzt neben der alltäglichen Arbeit für die Patienten auch noch in der Lehre aktiv und sogar noch in der Wissenschaft tätig zu sein. Wir müssen neue Modelle finden, um die Bedürfnise nach Familienleben, Berufs- und Privatleben besser unter einen Hut zu bekommen."
Nach einer Erklärung für die geringe Beteiligung an der Online-Befragung suchen die Verantwortlichen am Universitätsklinikum Bonn nach eigenen Angaben noch. Den wesentlichen, vermutlich zutreffenden Grund teilen die Beschäftigten später unisono bei einer spontanen Umfrage auf dem Bonner Klinikgelände mit - vorzugsweise nur anonym: "Wir hatten schlicht Angst davor, dass unsere Antworten online womöglich doch zurück verfolgbar sein könnten! Wir hatten Angst vor Sanktionen!"
Schlichte Angst verhindert auch, dass die tatsächlichen Arbeitszeiten am UKB korrekt erfasst werden. "Es gibt viele Kliniken auf dem UKB-Gelände, die massiv gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen. Doch wer hier will schon seine ärztliche Karriere ruinieren?", ist mehrfach zu hören.
Der Vorsitzende des wissenschaftlichen Personalrates am UKB, Burkhard Klein, wirft dem UKB-Vorstand in der Pressekonferenz vor, einfach zu wenig in der Vergangenheit zur Verbesserung der Zustände getan zu haben. Die bisherigen Maßnahmen entbinden den UKB-Vorstand nicht, tarif- und gesetzeskonforme Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Der Personalrat fordert u.a. die elektronische Erfassung der Arbeitszeit." Dies sei in den nächsten Jahren nicht zu erwarten, hieß es prompt von Seiten des Universitätsklinikum Bonn.
Burkhard Klein: "Es ist traurig, dass hier der Betrieb auf dem Rücken der Gesundheit der Ärztinnen und Ärzte ausgetragen wird. Vergessen wird übrigens, dass wir jährlich am Universitätsklinikum Bonn eine Leistungssteigerung von fünf bis sieben Prozent erbringen."
Die Auswertung der Fragebögen führte übrigens das Zentrum für Evaluation und Methoden (ZEM) der Universität Bonn durch. Die Ergebnisse der Belastungsanalyse wurden den Beschäftigten am UKB jüngst kurzfristig mitgeteilt. Eingeladen wurde am Wochenende - nur gut 60 Beschäftigte kamen dann am montagfrüh zur Präsentation der Ergebnisse in den Hörsaal. Kritik an der ungewöhnlich kurzfristigen Einladung war dabei vom Ombudsmann Prof. Paeffgen nicht zu überhören.
Die Ergebnisse im Einzelnen:
Themenfeld: Dienstarten
- 95 Prozent der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte leisten Mehrarbeit oder Überstunden
- 40 Prozent der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte leisten Nachtdienste
- 14 Prozent leisten Schichtdienste mit mehr als 10 Stunden
- 55 Prozent leisten ungeplante Vollarbeit mehr als 10 Stunden.
- 29 Prozent haben reguläre Pausen zwischen regulärer Arbeitszeit und dem Bereitschaftsdienst
- 66 Prozent - so hoch wird durchschnittliche Arbeitsanfall während des Bereitschaftsdienstes geschätzt
- 73 Prozent erledigen ihre Aufgaben während des Bereitschaftsdienstes sachgerecht
- 3,8 Bereitschaftsdienste werden im Monat geleistet
- 4 Nachtdienste (im Schichtdienst) werden im Monat geleistet
Bereitschaftsdienst / Rufbereitschaft wiss. Personal
- 82 Prozent fühlen sich im Bereitschaftsdienst angemessen eingesetzt - entsprechend ihrem Ausbildungsstrand
- 89 Prozent können sich den Rat eines Vorgesetzten einholen im Bereitschaftsdienst oder in der Rufbereitschaft
- 35 Prozent weiterer Anfall von Arbeit (Visite) nach Bereitschaftsdienst
- 8,7 Stunden Regelarbeitszeit wird vor dem Bereitschaftsdienst geleistet
- 48 Prozent haben die Möglichkeit, eine 30-minütige Pause zwischen Regelarbeitszeit und Rufbereitschaft zu machen
- 67 Prozent gehen nach der Frühbesprechung / Übergabe nach Hause
Dokumentation der Arbeitszeit
- 47 Prozent (0-86 Prozent) konkrete Dokumentation
- 36 Prozent (0-100 Prozent) partiell korrekte Dokumentation
- Insgesamt sehr große Unterschiede zwischen den Kliniken oder Instituten
- Die Arbeitszeit ist derzeit noch mit schriftlichen Nachweisen zu dokumentieren
Zufriedenheit und Akzeptanz am Arbeitsplatz
- 77 Prozent sind sehr zufrieden bis zufrieden mit der Arbeit
- 95 Prozent fühlen sich am Arbeitsplatz akzeptiert
- 66 Prozent erfahren hinreichende Wertschätzung durch die Vorgesetzten
- 93 Prozent erfahren hinreichende Wertschätzung durch Kollegen

