• Marburger Bund

    Die Ärztegewerkschaft

    Der Marburger Bund ist die gewerkschaftliche, gesundheits- und berufspolitische Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland.

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Aktueller Kommentar des MB-Vorsitzenden Rudolf Henke
Große Aufgaben nach dem UN-Gipfel
Ärztliches Engagement muss sich stärker auf eine gesunde Lebensführung der Patienten ausrichten
Große Aufgaben nach dem UN-GipfelTuberkulose, Malaria, HIV/AIDS, Cholera, Ebola-Virus, Dengue-Fieber, SARS: So ungefähr sieht die Liste der Gesundheitsrisiken aus, in denen viele von uns die größten gesundheitlichen Gefahren für die Bevölkerung in den ärmeren Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas sehen. Beim Abschied des Geschäftsführenden Arztes der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Robert Schäfer, fand vor wenigen Tagen in Düsseldorf ein Kolloquium statt, dessen Hauptredner Prof. Alexander Kekulé vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Halle (Saale) war. Er hat sogar die Sorge, dass die Menschheit eines Tages eher unbeherrschbaren Infektionen zum Opfer fällt als Kernkraft-Havarien oder gewaltsamen Auseinandersetzungen.
Die Vereinten Nationen haben ihrer jüngsten Vollversammlung ein Treffen vorangestellt, das sich allein um die nicht übertragbaren Krankheiten drehte. Nach dem AIDS-Gipfel der UN 2001 und seinen Folgetreffen ist dies das zweite Gesundheitsthema in der Geschichte der Vereinten Nationen, das in einem solchen Rahmen behandelt wurde. Nach dem Urteil von Teilnehmern deutscher NGOs liegt seine Bedeutung vor allem darin, dass das ganze Ausmaß der nicht-übertragbaren Krankheiten auf globaler Ebene wahrgenommen und Strategien zur Umkehr der Entwicklung diskutiert wurden.
Die Fakten, die in der Debatte im Mittelpunkt standen, sind eindrucksvoll: Weltweit sind die nicht übertragbaren Krankheiten zur Hauptursache von Tod, Krankheit und Behinderung geworden. In Europa entfallen 86 Prozent der Todesfälle und 77 Prozent der Morbidität auf nicht übertragbare Krankheiten. Die davon ausgehende Belastung macht nicht vor dem Gesundheitswesen und seinen Finanzen halt.
Die ganze Gesellschaft ist betroffen. Ihre wirtschaftliche Entwicklung wird gebremst, ihr Fachkräftepotenzial schrumpft und – zumindest für uns Ärzte ebenso wichtig – das Wohlbefinden großer Bevölkerungsgruppen schwindet dahin. Der Gesundheitssektor allein ist bei Weitem nicht in der Lage, alle notwendigen Maßnahmen der bevölkerungbezogenen Prävention einzuleiten. Solche Maßnahmen werden aber gebraucht, sonst ist die Gesundheitsversorgung in den alternden Gesellschaften überhaupt noch mehr im ausreichenden Umfang zu finanzieren.
Für die wichtigsten Krankheitsmuster, die Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebs, Diabetes bzw. metabolisches Syndrom und chronische Atemwegserkrankungen stehen gemeinsame Risikofaktoren im Vordergrund: Rauchen, schädlicher Alkoholkonsum, körperliche Inaktivität und ungesunde Ernährung.In der Prävention geht es um zweierlei: zum einen individuelle Verringerung der Risikofaktoren für bereits stark gefährdete Personen, zum anderen Verringerung der Risikofaktoren für die Gesamtbevölkerung.
Beiden Zielen muss sich meines Erachtens auch die Nationale Präventionsstrategie stellen, die aktuell im Bundesministerium für Gesundheit vorbereitet wird. Nicht mit erhobenem Zeigefinger und oberlehrerhafter Gesundheitsapostelei, sondern mit einer fröhlichen Heiterkeit und viel Freude am wohlverstandenen Lebensgenuss.Kurz vor der UN-Konferenz hat das WHO-Regionalbüro für Europa einen Aktionsplan zur Umsetzung der Europäischen Strategie zur Prävention und Bekämpfung nicht übertragbarer Krankheiten von 2012 bis 2016 vorgelegt. Sie stützt sich u.a. auf die Vorbereitung des UN-Gipfels, wird aber konkreter als dessen Dokumente. Fiskalische Konzepte und Werbebeschränkungen sollen wirkungsvoll genutzt werden, um die Nachfrage nach Tabak, Alkohol und solchen Nahrungsmitteln zu dämpfen, die einen hohen Gehalt an gesättigten Fettsäuren, Transfettsäuren, Salz und Zucker aufweisen.
Nach wie vor halte ich es für einen falschen Weg, im Fall von Tabaksteuer-Erhöhungen so vorzugehen, dass ihre Wirkung möglichst klein ausfällt, weil sie portionsweise über die Jahre verzettelt werden. Deshalb bin ich pessimistisch, ob Deutschland auf Cola-Steuer, Fett- und Zuckersteuer vorbereitet ist. Wir sollten unser ärztliches Engagement aber auf dieses Themenfeld richten und darauf hinarbeiten, dass gesunde Ernährung nicht nur aus Gesundheitsgründen gewählt werden kann, sondern auch, weil sie einen praktischen Nutzen im Alltag bietet. Wenn die europäische WHO-Strategie erfolgreich sein soll, gibt es viel zu tun.
 
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