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Marburger Bund
Die Ärztegewerkschaft
Der Marburger Bund ist die gewerkschaftliche, gesundheits- und berufspolitische Interessenvertretung aller angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland.
Am Beispiel der Niederlande ist die Konsequenz eines schrittweisen Abbaus fundamentaler ethischer Grundsätze abzulesen. Denn die seit Anfang der 70er Jahre in den Niederlanden geführte öffentliche Diskussion über das Töten auf Verlangen und zahlreiche Präzedenzfälle mündeten schon 2001 in ein Gesetz zur Kontrolle der Tötung auf Verlangen. Ein juristischer Dammbruch.
Parlamentarisch war es keine knappe Entscheidung. Die Politik folgte damals eher einer schon durchaus geübten Praxis. 2001 sprach sich die überwiegende Mehrheit des niederländischen Parlaments dafür aus, dass die aktive Sterbehilfe straffrei ist. Nach Umfragen befürworten sogar 85 Prozent der Niederländer die "Euthanasie". In den Niederlanden wird nicht zwischen aktiver oder passiver, direkter oder indirekter Sterbehilfe differenziert, generell wird von "Euthanasie" gesprochen.
Das niederländische Gesetz beinhaltet fünf Kriterien für straffreies Töten. Jeder Arzt, der dem Todeswunsch eines "Patienten" auf der Grundlage des Gesetzes entspricht und ihn mit einer Giftspritze tötet, hat juristisch in den Niederlanden keine Konsequenzen zu fürchten. Diesem Weg eiferte Belgien ein Jahr später nach. Dort wurde legalisiert, dass sogar psychische Krankheiten ein Tötungsgrund sind. Im gleichen Jahr erließ übrigens der Europäische Gerichtshof ein Urteil, das die aktive Sterbehilfe ausdrücklich ablehnt.
Vor einem Jahr schreckte die nach eigenen Angaben über 100.000 Mitglieder zählende " Niederländische Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende " (NVVE) bereits mit ihren Plänen für eine "Freitod-Klinik" auf, in der jährlich 1000 todkranke Menschen im Laufe eines nur dreitägigen Klinik-Aufenthalts von Ärzten getötet werden sollten. Diese Pläne stießen selbst in den Niederlanden auf heftige Kritik.
Nun geht die Organisation noch einen Schritt weiter: Ab 1. März sollen sechs ambulante "Sterbehilfeteams" von je einem Arzt und einem Pfleger Sterbewillige zu Hause aufsuchen und dort töten. Der Grund für diesen Weg sei, dass immer wieder Menschen, die Sterbehilfe wünschten, Schwierigkeiten hätten, einen Arzt zu finden, der bereit dazu ist, heißt es. Doch gerade dieses "Argument" macht die gesamte Tätigkeit der NVVE umso fragwürdiger und bedenklicher.
So schockierend soll es dann ab März im niederländischen Alltag aussehen: Erst kommt ein Arzt samt Pfleger im "Ambulanzwagen" zum Patienten. Die häusliche "Therapie" steht von vornherein fest: Die niederländische Arzt-Patienten-Beziehung ist ausschließlich auf die gewünschte Sterbehilfe fixiert. Wenig später fährt der Leichenwagen vor und holt die sterblichen Überreste.
Der Tod auf Verlangen scheint in den Niederlanden zehn Jahre nach dem gesetzlichen Dammbruch für viele Niederländer schon selbstverständlich geworden zu sein. Nach Medienangaben wählen in unserem Nachbarland jährlich 3000 und 4000 Menschen diesen Weg. Dabei listeten schon Mitte der 90er Jahre Kritiker hunderte Fälle auf, bei denen Niederländer mittels Giftspritze getötet wurden, obwohl sie gar nicht mehr nach ihrem Willen gefragt werden konnten.
"Die Tötungs-Praxis durch Ärzte in den Niederlanden ist für uns bestürzend. Wir lehnen aktive Sterbehilfe kategorisch ab ", erklärt Rudolf Henke, der Marburger-Bund-Vorsitzende und Präsident der Ärztekammer Nordrhein. „Es bleibt unsere tiefe ethische Überzeugung, dass das Töten kein Handwerkszeug von Ärztinnen und Ärzten ist“, betont Rudolf Henke weiter.
Das abschreckende Beispiel der Niederlande zeige, wie sehr auch Ärzte unter dem Einfluss des schrittweisen Wandels der öffentlichen Moral gerieten. Rudolf Henke appelliert, es dürfe kein gesellschaftliches Klima entstehen, das Sterbehilfe für Menschen, die Angst vor körperlichen Schmerzen, seelischen Nöten oder Vereinsamung haben, zum Mittel ihrer Wahl mache. Der Schritt ist sonst nicht weit, dass Menschen in einer Gesellschaft des langen Lebens den Druck nicht mehr aushalten und etwa dem Pflegepersonal oder der Gesellschaft einfach nicht mehr lästig sein wollen.
"In Nordrhein-Westfalen wird sich die Ärzteschaft weiter für einen konsequenten Ausbau der humanen Begleitung schwer kranker und sterbender Menschen mit den Mitteln der modernen Palliativmedizin einsetzen. Eine fürsorgliche Medizin am Lebensende ist die deutsche Alternative zur aktiven Sterbehilfe, wie sie in den Benelux-Staaten erlaubt ist", mahnt Rudolf Henke. Hier seien in den vergangenen Jahrzehnten hierzulande zwar schon große Fortschritte erzielt worden, doch noch immer würden viele der schwerstkranken und sterbenden Menschen von diesen Angeboten nicht erreicht.
Henke verweist auf die Erfahrungen von Schmerztherapeuten, nach denen die Angst Schwerkranker vor einem qualvollem Lebensende kein Argument für aktive Sterbehilfe ist. Die Erfahrung lehre vielmehr, dass kein Patient noch einen Wunsch nach aktiver Sterbehilfe äußere, wenn mit Hilfe der Palliativmedizin seine Schmerzen ausreichend gelindert würden.
Die verständliche Angst vor einer Entwürdigung und der Einsamkeit des Sterbens zeige auf die Herausforderungen der Hospizarbeit. "Todkranke Menschen benötigen eine helfende Hand, um den letzten Weg zu gehen. Sie dürfen aber nicht durch die Hand eines anderen Menschen sterben! Ärztinnen und Ärzte machen tagtäglich die Erfahrung, dass unheilbar kranke Menschen, deren körperliche Leiden wirksam bekämpft und deren Sorgen ernst genommen werden, auch die letzten Tage ihres Lebens als lebenswert erleben."

