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  • Corona und kein Ende - Persönliche Gedanken eines Krankenhausarztes

    Die erste (?) große Welle der Coronapandemie ebbt allmählich ab. Es ist an der Zeit ein Resümee zu ziehen, sowohl als Arzt als auch als MB-Mitglied.

    Take Five - Fünf Fragen an unseren Spitzenkandidat Dr. Stefan König

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    Wochenlang bereiteten wir uns Schritt für Schritt vor. Vor wenigen Wochen ging es langsam los. Zunächst kamen die ersten positiven Testergebnisse, gefolgt von den ersten stationären Patienten über intensivtherapiepflichtige Patienten und Kollegen bis hin zu den Opfern des Virus. In Ostbrandenburg kamen wir vergleichsweise glimpflich davon. Mittlerweile fahren wir das Elektivprogramm langsam wieder hoch, immer in Bereitschaft auf einen erneuten Anstieg der Zahl der Infizierten vorbereitet zu sein.

    Respekt und Dank

    Ich habe  viele positive Dinge erlebt. Dabei denke ich an die Menschen, die sich immer noch um ihre älteren Mitbürger kümmern, für sie einkaufen damit sie zu Hause bleiben können. Ich denke an Sachspenden, Geldspenden und Initiativen, die für unsere Mitarbeiter in Heimarbeit unentgeltlich Masken nähten. Ich habe höchsten Respekt vor unseren Mitarbeitern, die sich täglich neuen Herausforderungen stellen müssen und diese nahezu klaglos akzeptieren. Was am Morgen eine großartige Idee war, mussten wir schon mehrfach im Laufe des Tages revidieren. Aufgaben und Einsatzorte ändern sich ständig. Wir haben wieder gelernt mit dem Mangel zu leben und das 30 Jahre nachdem wir glaubten, das sie vorbei.

    Berufsgruppen, von denen wir vorher gerade mal wussten, dass sie auch existieren, haben enorm an Bedeutung gewonnen und verdienen unseren höchsten Respekt. Ich denke da in erster Linie an die Hygienefachkräfte und die Mitarbeiter des Einkaufs. Die Kreativität bei der Beschaffung der persönlichen Schutzausrüstung ist bemerkenswert und hat uns Ärzte öfters gerettet.

    Mein höchster Respekt gilt auch den Mitarbeitern des Gesundheitsamtes und dem Amtsarzt. Ohne deren gute Führung würden die vielfältigen Aktivitäten in der Coronabekämpfung völlig chaotisch und unkoordiniert verlaufen. Wir schätzen das Gesundheitsamt als wichtigen und verlässlichen Partner. Das darf nach der Krise nicht wieder in Vergessenheit geraten. Der Tarifvertrag mit dem MB muss endlich kommen. Wie wollen wir sonst auch in Zukunft hervorragende ärztliche Partner im öffentlichen Gesundheitsdienst haben.

    Fast täglich kommen neue Ideen, wie wir geschützt miteinander kommunizieren. Telefonkonferenzen und Videokonferenzen haben sich in rasender Geschwindigkeit etabliert. Wir denken intensiver über Online-Fortbildungsformate nach. Ja, wir hatten den Wert der digitalen Vernetzung auch vor der Coronakrise gekannt. Die Dynamik der Umsetzung stößt jedoch in neue Dimensionen vor. Obwohl es seltsam klingt: „Ein Virus wirkt als Katalysator bei der Umsetzung der Digitalisierung.“

    Schnelles politisches Handeln

    Vor dem Virus sind alle gleich. Es schert sich nicht um die Aussagen notorischer Lügner und Blender in politisch verantwortlichen Positionen. Es unterwirft Fake-News und sogenannte alternative Fakten dem Realitätscheck und entlarvt Populisten. Ich habe vor kurzem gelesen, dass die Erde sich über das Vehikel des Virus gegen die Menschheit auflehnt. Das ist sicherlich falsch. Aber die Art und Weise wie wir mit unserer Erde umgehen und vor allem, wie wir die zwischenmenschlichen Beziehungen im persönlichen, nationalen und globalen Kontext gestalten, gehört auf den Prüfstand. Vielleicht wehrt sich die Erde gegen Egoismus, Arroganz und Populismus.

    Bei aller Kritik an der Politik im Allgemeinen ziehe ich doch meinen imaginären Hut vor der Geschwindigkeit, mit der die Politik reagiert hat. Das ist bemerkenswert für einen Berufstand, der sich lieber mit sich selbst beschäftigt, sich durch endloses Diskutieren, Lamentieren – beides auch Debattieren genannt – und Aussitzen von Problemen hervortut oder blind und aktionistisch Entscheidungen trifft, deren Tragweite den Entscheidern häufig nicht bewusst ist. Im aktuellen Kontext begrüße ich ausdrücklich den Aktionismus.

    Leider kommen in Krisensituationen nicht nur die positiven, sondern auch die negativen Eigenschaften der Menschen zum Vorschein. Das Horten von Alltagsartikeln, wie Toilettenpapier, um es anschließend teuer weiter zu verkaufen, ist nur ein Beispiel. Auch die explodierenden Kosten für Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel sind einer entwickelten Gesellschaft einfach unwürdig

    Krankenhausfinanzierung in der Krise

    Von Anfang an beschäftigte uns in den Krankenhäusern zwei Fragen: Wann sollen und müssen wir unsere geplanten Leistungen herunterfahren und wie kriegen wir die Verluste ersetzt?

    Es ist das grundlegende Dilemma unseres Krankenhausfinanzierungssystems, das wir auf eine solche Krise nicht vorbereitet sind. Ohne entsprechende Leistungen verdienen wir kein Geld. Wir haben auf eine klare Ansage gewartet. Stattdessen kam ein Schreiben des Bundesgesundheitsministers, in dem er die Krankenhäuser bat, elektive Eingriffe herunterzufahren. Das verband er mit der Bitte um Vertrauen. Genau dieses Vertrauen fällt uns schwer. Ist es doch der gleiche Minister, der noch vor kurzem „mehr Mut bei der Schließung von Krankenhausstandorten“ forderte. Warum sollten wir ihm in der Überlebensfrage der Krankenhäuser vertrauen?

    Die Verordnungen des Landes und die Verantwortung für unsere Patienten haben uns schließlich dazu gebracht, alle Anstrengungen auf die Vorbereitungen zur Versorgung der Covid-19-Patienten zu konzentrieren. Der Bund hat schließlich reagiert. Die Ausgleichzahlungen für nicht belegbare Betten sind eine echte Hilfe obwohl sie die unterschiedlichen Strukturen der Häuser außen vorlassen und damit zu neuen Ungerechtigkeiten führen. Die Geldmittel pro Fall für den vermehrten Bedarf an Schutzausrüstung sind zeitlich begrenzt. Es bleibt abzuwarten, ob sie der Preisentwicklung gerecht werden. Nicht geklärt ist die Frage der Finanzierung der Tests für Patienten und Mitarbeiter. Sowohl die Politik als auch die Fachgesellschaften empfehlen immer mehr Test. Das ist in der Phase des Hochfahrens der Leistungen auch unabdingbar. Nur wer bezahlt Sie? Man kann auch fragen: Auf wessen Kosten wird am Ende das Geld eingespart werden?

    Beschlüsse nicht (krisen-)tauglich

    Die Pflegepersonaluntergrenzenverordnung und das MDK-Reformgesetz wurden ausgesetzt, letzteres für 2021 schon wieder reaktiviert. Offensichtlich ist man im BMG zu der Ansicht gekommen, dass der bürokratische Aufwand und die drohenden Strafzahlungen die Krankenhäuser in eine nicht zu verantwortende Situation bringen würden, die das Überleben zumindest massiv erschwert. Nur gilt das nicht ausschließlich in Krisenzeiten. Beide Gesetze wurden gerade deshalb verabschiedet, um die sogenannte Marktbereinigung am Krankenhausmarkt – was für ein furchtbares Wort – zu beschleunigen. Auch darf man nicht vergessen, dass beide Gesetze die Unterschrift von Bundesminister Spahn tragen. Er sieht also, dass in der Krise seine Gesetze schädlich sind. Sollte ihn das zum Nachdenken anregen? Auch, wenn die aktuellen Reaktionen des BMG zumindest in Teilen positiv zu bewerten sind, ist der Minister nach wie vor auf dem besten Weg, als der „Macher“ der größten Bürokratisierungswelle der deutschen Krankenhausgeschichte in dieselbe einzugehen.

    Dringend Schutzausrüstung beschaffen

    Unser größtes Problem ist der Mangel an Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln. Seit Wochen hören wir uns die Versprechungen der Politik an. Nur die Hilfe kommt sehr zögerlich. Wir helfen uns selbst mit unserer Kreativität, halten das aber nicht ewig durch. Unsere Kollegen in den Praxen werden genauso im Stich gelassen. Geben wir uns keiner Illusion hin. Wenn es uns gelingt, die Infektionswelle abzuflachen, mit dem Ziel unsere Krankenhausressourcen nicht zu überfordern, verbreitert sich die Welle. Das ist simple Mathematik und bedeutet, dass es kein schnelles Ende der Pandemie geben wird. Jeder, der den Bürgern das Gegenteil verspricht, ist entweder ein notorischer Lügner wie Donald Trump oder verkennt die Situation. Wir werden über längere Zeit Schutzausrüstungen brauchen. Also tut mal was, Ihr lieben Politiker!

    Veränderungen nach der Krise

    Der Spagat zwischen der Bereitschaft jederzeit wieder herunterzufahren und unserem ärztlichen Streben, den Menschen zu helfen, die unabhängig von Corona unsere Hilfe brauchen, wird uns die nächsten Wochen bis Monate in Atem halten. Sicher ist, es wird ein Leben nach Corona geben. Wir wissen nicht, wie viele Menschenleben das Virus fordern wird. Die Achtung vor jedem einzelnen Opfer gebietet es, die Lehren aus der Pandemie zu ziehen.

    Veränderung fängt bei jedem Einzelnen an. Der hemmungslose Drang nach Selbstverwirklichung, ohne auf die Bedürfnisse der Mitmenschen einzugehen, ist ein Grundübel unserer Gesellschaft. Ich habe beim Kampf gegen das Oderhochwasser eine Welle der Solidarität und gegenseitigen Hilfe erlebt. Leider ist das in den Jahren danach abgeebbt. Wir werden den Idealzustand nie erreichen. Die Schamlosigkeit, bei der Bereicherung auf Kosten des Leides anderer Menschen, muss aber gesellschaftlich geächtet werden. Individuelle Selbstverwirklichung geht nicht ohne Verantwortung.

    Das Finanzierungsmodel unserer Krankenhäuser braucht zwingend eine Generalinventur. Ja, auch Gesundheitsleistungen müssen wirtschaftlich erbracht werden. Aber kann man deshalb Krankenhäuser, die doch Elemente der Daseinsfürsorge sind, als reinen Wirtschaftsbetrieb führen? Dazu müsste man die Leistungen der Krankenhäuser in Bezug auf die „produzierte“ Gesundheit bewerten. Das ist nicht praktikabel. Wohl und Wehe der Krankenhäuser allein den Mechanismen des Marktes zu überlassen, konterkariert ihren eigentlichen Zweck. Nicht die Besten überleben dann, sondern die, die sich am besten auf diese Mechanismen einstellen. Das führt zu Investitionen in Milliardenhöhe für Dinge, die keinem Patienten etwas nutzen. Hat eigentlich mal jemand die Kosten unnützer Bürokratie berechnet? Die Gesetze des Marktes sind nicht zwangsläufig unmenschlich, Menschlichkeit spielt nur einfach keine Rolle.

    In der Krise sind wir froh, so viele „überflüssige“ Krankenhäuser mit so vielen „ungenutzten“ Intensivbetten zu haben. Was ist aber danach? Fallen wir in die alten Denkstrukturen zurück?

    Lassen Sie uns gemeinsam den Bedarf neu definieren, ohne die übertriebenen Träumereien von vermeintlichen Experten. Lassen Sie uns so an einem möglichst bürokratiearmen Finanzierungssystem arbeiten, welches die richtigen Ansätze setzt, krisenfest – soweit wie möglich - ist und die Gesellschaft nicht überfordert. Wir wissen doch längst wie so etwas funktionieren kann. Die Krise reißt dem System mit beispielloser Intensität die Maske vom Gesicht und macht seine Schwächen für alle sichtbar. Das ist die Chance und die Verpflichtung für uns als Marburger Bund, als der Ärzteverband, der die Interessen von Krankenhausärzten und Patienten konsequent und zielgerichtet umsetzen kann.  Es ist möglich. Wir müssen es nur wollen!

    Bleiben Sie gesund!

    Dr. med. Steffen König