Masterplan Medizinstudium 2020

Große Erwartungen – jetzt Ernüchterung

Studierende im Marburger Bund haben klare Positionierung zu den Entscheidungen der Gesundheitsministerkonferenz

Berlin (ass/lure).

Die Medizinstudierenden im MB haben große Erwartungen an den Masterplan Medizinstudium 2020 geknüpft, der im Koalitionsvertrag 2013 angekündigt und bis zum Redaktionsschluss dieses MBZ-Uni-Spezials in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe beraten wurde. Derzeit stoßen aber vor allem die geplanten zusätzlichen Pflichtbestandteile der Allgemeinmedizin auf heftige Kritik.

Dabei sind auch die dringend notwendige Ausweitung der Studienplatzkapazitäten, eine stärkere Vereinheitlichung der Auswahlkriterien bei der Studienplatzvergabe, mehr Praxisorientierung schon in der Vorklinik und eine angemessene PJ-Aufwandsentschädigung wichtige Anliegen (siehe Artikel "Gibt es bald mehr Geld für (fast) alle?"  und http://weiter.es/mb/-kr8B).

Die Entscheidungen der Gesundheitsministerkonferenz der Länder (GMK) im Frühjahr zur Stärkung der Allgemeinmedizin ließen schon Schlimmes erahnen. Vermutlich getriggert von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, einigte sich die Runde, auf ein verpflichtendes Quartal für PJler in der ambulanten Versorgung. Die zuvor kontrovers diskutierte Möglichkeit eines verpflichtenden Quartals in der Allgemeinmedizin wurde zwar verworfen. Dafür aber soll es nach dem PJ eine Prüfung in der Allgemeinmedizin geben. Weil es die Fachgesellschaft nicht schafft, ihr Gebiet attraktiv zu machen, soll es nun also die Pflichtprüfung richten.

Die MB-Studierenden betonten sofort, dass sie frei darüber entscheiden wollen, welche Fachrichtung sie nach dem Studium wählen. Schon jetzt gebe es mit der Pflichtfamulatur und dem Blockpraktikum im Studium ausreichend Gelegenheit, die Allgemeinmedizin besser kennenzulernen. Zusätzliche Einschränkungen der ohnehin geringen Wahlfreiheit lehnen sie nachdrücklich ab.

Viele der Maßnahmen, die einzelne Länder, Kommunen, Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen zur Förderung der hausärztlichen Versorgung bereits ergriffen haben, beginnen sich zudem langsam auszuzahlen. Unter Studierenden ist allerdings immer noch zu wenig bekannt, welche Förderhilfen bereits bestehen und welche Anreize es gibt, hausärztlich tätig zu werden.

Selbstverständlich sollte die Allgemeinmedizin auch auf anderen Wegen gestärkt werden. Deshalb fordern die MB-Studenten eine flächendeckende Einrichtung von Lehrstühlen bzw. Instituten oder Abteilungen für Allgemeinmedizin. Eine stärkere Verlagerung von klinischer Lehre an ambulante Einrichtungen wie Medizinische Versorgungszentren oder Lehrpraxen sei durchaus sinnvoll – wenn die Qualität der Lehre gewährleistet sei.

Im Übrigen sollten im Praktischen Jahr keine neuen Hürden für andere Fächer errichtet werden, die durch die Fokussierung auf die Allgemeinmedizin (Festlegung auf eine M3-Prüfung Allgemeinmedizin) benachteiligt sind. Bereits jetzt beklagen Vertreterinnen und Vertreter vergleichsweise kleinerer Fachgebiete (z.B. Pathologie, Rechtsmedizin), dass durch die Abschaffung der früheren Wahlfamulatur zugunsten einer Pflichtfamulatur Allgemeinmedizin immer weniger Studierende mit diesen Fächern in Kontakt kommen.

Darüber hi­naus bringt eine Aufgliederung des Praktischen Jahres in Quartale erhebliche Probleme mit sich. Die Quartalisierung verkürzt die Dauer der einzelnen Abschnitte und reduziert damit die Zeit zum praktischen Lernen im jeweiligen Fachgebiet.

Auslandsaufenthalte sind bei einer Quartalisierung des PJ häufig kaum mehr möglich, beispielsweise in Ländern, die ebenfalls ein aus Tertialen bestehendes „Praktisches Jahr” haben (KPJ in Österreich). In Australien und Großbritannien ist ein Mindestzeitraum von acht Wochen obligatorisch. Die restlichen vier Wochen müssten an der Heimatuniversität absolviert und dann mit dem Zeugnis aus dem Ausland zu einem Quartal verrechnet werden. Voraussetzung aber ist, dass die jeweilige Universitätsklinik das ausländische Zeugnis anerkennt, in das hiesige Zeugnis integriert bzw. ein Zeugnis über das gesamte Quartal ausstellt. Viele Landesprüfungsämter akzeptieren ein solches „Splitting“ aber nicht oder dulden es nur, wenn kein Fehltag vorliegt. Zudem wäre bei Auslandsabschnitten im PJ noch weniger als bisher geklärt, ob und unter welcher Voraussetzung ein Anspruch auf Förderung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz besteht.

Bislang nehmen viele Studierende ihre Fehltage während des PJ bewusst zur Prüfungsvorbereitung während des letzten (Wahl-)Tertials. Eine Fortführung dieser Praxis wäre bei einer Quartalisierung fraglich, d.h. eine intensive Prüfungsvorbereitung während des letzten Quartals wäre deutlich erschwert.

Die Tätigkeit im Praktischen Jahr entspricht vielfach einer Vollzeitbeschäftigung. In Kliniken, noch häufiger aber in ambulanten Einrichtungen, wird den Studierenden dafür eine angemessene Aufwandsentschädigung verwehrt. Es ist den Studierenden nicht zuzumuten, in dieser Zeit noch einem Nebenjob nachzugehen und zusätzliche Aufwendungen wie etwa Fahrt- oder Unterkunftskosten bei Ableistung des PJ an einem anderen Ort allein zu bestreiten. Notwendig ist endlich eine klare Mindestregelung für eine angemessene Aufwandspauschale, gleichgültig, wo das PJ abgeleistet wird. Gerade bei einer weiteren Aufgliederung des PJ und der damit einhergehenden erhöhten Mobilität der Studierenden wäre eine flächendeckende, einheitliche PJ-Aufwandsentschädigung mindestens auf dem Niveau des BAföG-Höchstsatzes wichtiger denn je (s. dazu auch "Artikel Gibt es bald mehr Geld für (fast) alle?").

In der von den Gesundheitsministern geforderten „Landarztquote“ für einen bevorzugten Zugang zum Medizinstudium sehen die MB-Studierenden politischen Aktionismus.

Die Forderungen der Studierenden im MB in Kürze:

  • 10 Prozent mehr Medizinstudienplätze, um die Kapazitäten dem steigenden Bedarf anzupassen,
  • eine bessere Finanzierung, um gute Lehre mit ausreichend Zeit und Personal zu sichern,
  • einheitliche Standards für das Auswahlverfahren zum Medizinstudium mit weniger Gewicht für den NC,
  • eine gründliche Evaluation der Reformstudiengänge,
  • Erhalt der bisherigen PJ-Struktur – keine Einschränkung studentischer Wahlfreiheit.

Weitere Infos

Die MB-Medien informieren Mitglieder regelmäßig. Daneben gibt es weitere Informationen unter http://weiter.es/-kr8B.

Herr Bundesminister Gröhe ...

„Mehr Pflichtanteile, Landarztquote? Kommt nicht in die Tüte!“ Das sind die Kernaussagen einer Postkartenaktion, mit der sich Medizinstudierende gegen weitere Pflichtanteile zur Allgemeinmedizin wehren können.
Die MB-Studenten haben nach der entsprechenden Entscheidung der Gesundheitsministerkonferenz (s. Artikel auf dieser Seite) die digitale Aktion gestartet, die sich an die Adresse von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe wendet. Ihm hat MB-Sprecherratsvorsitzende Stefanie Weber einen Brief geschrieben, in dem sie noch einmal die Argumente gegen die geplanten Elemente zur Stärkung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium erläutert.
Nun sollten dies alle Studierenden tun, die keine weitere Pflichtprüfung und keine Quartalisierung haben möchten.
Der Bundesgesundheitsminister wird gebeten, sich zu informieren, wo Medizinstudierende der Schuh drückt und was die geplanten Änderungen für Probleme mit sich bringen würden. Das Studium sei kein versorgungspolitisches Experimentierfeld!

Die e-Card-Aktion steht im Internet unter http://www.marburger-bund.de/mbz-29

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