Peru

Viel zu nähen – und oft fehlen Handschuhe

Erfahrungsbericht aus einer Famulatur in Arequipa / Erlebnisse auf Rettungsstelle und kinderchirurgischer Station

Von Von Felix Maidhof

Auslandserfahrungen können wertvolle Erfahrungen fürs Studium, für den Beruf und als persönliche Bereicherung. Das können Erfahrungen im deutschsprachigen Ausland sein, können aber weitentfernte Länder mit ganz eigenen Problemen bei der Gesundheitsversorgung sein. Mitglieder im Marburger Bund haben Zugriff auf zahlreiche Erfahrungsberichte weltweit. Hier also: Warum eigentlich nicht mal Peru?

Eine Famulatur im Ausland stand seit Beginn des Studiums auf meiner Wunschliste. Am besten möglichst weit weg von zu Hause, sowohl geografisch, als auch kulturell. Südamerika bot genau das und noch dazu die Möglichkeit tiefer in die spanische Sprache einzutauchen.

Ich habe rund fünf Monate vor meiner Famulatur begonnen nach geeigneten Krankenhäusern zu suchen und mich dabei auf Peru beschränkt, da dieses Land mich am meisten interessiert hat. Die Recherche gestaltete sich jedoch äußerst schwierig. Es stellte sich heraus, dass viele Krankenhäuser überhaupt keine Webseite haben und wenn doch. Und wenn sie eine haben, dann ist es trotzdem oftmals unmöglich, eine E-Mailadresse zu finden. Ich habe insgesamt über vierzig Krankenhäuser im ganzen Land angeschrieben. Am Ende habe ich nur von einem Krankenhaus eine Antwort bekommen. Allerdings nichts Konkretes und nach einigen Mails kam überhaupt keine Antwort mehr zurück.

Mühsame Suche nach dem Krankenhaus

Ich habe von einigen Freunden gehört, dass es jedoch auch möglich sei, sich einfach vor Ort in einem Krankenhaus vorzustellen und nach einem Praktikum zu fragen. Wichtig dabei sei es nur, einige Nachweise dabeizuhaben. Dazu gehören eine Immatrikulationsbescheinigung, eine Bestätigung über eine Berufshaftpflichtversicherung und möglichst ein Empfehlungsschreiben. Da ich bereits einen Famulaturplatz in Kolumbien bekommen hatte und von vornherein geplant hatte, danach nach Peru zu reisen, wollte ich genauso vorgehen.

Während meines Praktikums bekam ich dann jedoch überraschend noch eine E-Mail eines Krankenhauses aus Peru. Drei Wochen später kam ich in Arequipa im Süden Perus an und begann am nächsten Tag meine Famulatur.

Arequipa ist mit ca. 850.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Perus. Das besagte Krankenhaus ist jedoch eine eher kleine private Klinik. Mir wurde gesagt, dass mir keine Unterkunft zugesichert werden könne. Ich hatte damit auch gar nicht gerechnet und war auch bereit, mir selbst etwas zu suchen. Am Ende wurde ich aber doch bei einer sehr netten Dame aus der Verwaltung und ihrem Ehemann untergebracht.

Ich wurde wie ein Sohn aufgenommen, mit Essen versorgt und auf Ausflüge mitgenommen. Das Ehepaar war überaus freundlich und ich habe mich sofort wohlgefühlt. Nach ungefähr zwei Wochen musste ich zu einer Freundin der beiden umziehen, da sie in Urlaub fuhren. Hier wurde ich nicht weniger herzlich aufgenommen und versorgt.

Das Krankenhaus ist Teil einer großen Kette katholischer Krankenhäuser, wird privat betrieben und ist vor allem für seine Pädiatrie bekannt. Die Einnahmen der privat zahlenden Patienten werden verwendet, um die Kosten für die Behandlung von Kindern sozial benachteiligter und armer Familien zu bezahlen.

Im Krankenhaus wurde ich am ersten Tag allen wichtigen Personen vorgestellt und danach wurde mir ein Plan nach meinen Vorstellungen zusammengestellt. So hatte ich die Möglichkeit einige Tage auf der kinderchirurgischen Station, ein paar Tage im OP und auch einige Zeit in der Rettungsstelle zu verbringen um überall einen kleinen Einblick zu gewinnen.

Wunden säubern und Fäden ziehen

Auf der chirurgischen Pädiatrie lief ich jeden Morgen bei der Visite mit. Drei andere peruanische Studenten und ich wurden immer wieder nach Diagnosen und Therapien gefragt und es war sehr lehrreich. Nach der Visite konnte ich Verbände wechseln, Wunden säubern oder Fäden ziehen. Da es nachmittags meist wenig auf der Station zu tun gab, bin ich dann meist auf die Rettungsstelle gegangen und habe mich einem Arzt angeschlossen. Alle Ärzte und die Internos (entspricht dem deutschen PJler) waren super freundlich und haben mir immer viel erklärt und mich untersuchen und nähen lassen.

Zu nähen gab es Einiges. In Peru gibt es viel mehr Unfälle als in Deutschland. Die schwersten Fälle wurden jedoch ins größte öffentliche Krankenhaus eingeliefert. Ich habe auch einen Nachtdienst mit einer Assistenzärztin dort mitgemacht - und das war wirklich eine erschreckende Erfahrung. Es fehlt so ziemlich an allem. Auch wenn offiziell die Gelder da sind, findet man trotzdem nicht einmal Handschuhe. Die Angehörigen werden daher erst einmal mit einer Einkaufsliste in die Pharmazie nebenan geschickt und bringen die Behandlungsmaterialien dann vorbei. Das heißt dann auch, dass man damit auskommen muss.

Verschwenden ist da nicht möglich. Die Internos arbeiten sehr hart. Meist von 4 oder 5 Uhr morgens bis mindestens 16 Uhr - oft auch länger. Nachtschichten gibt es ein- bis zweimal in der Woche. Diese werden einfach an den normalen Dienst angehängt und am darauffolgenden Tag wird normal weitergearbeitet. Die Assistenzärztin, mit der ich unterwegs war, erzählte mir sogar, dass sie als Interno auch einmal eine Appendektomie alleine durchgeführt habe, weil kein Arzt verfügbar gewesen sei.

Die Ärzte und Internos sind dadurch natürlich unglaublich fit in praktischen Fertigkeiten und man kann sehr viel von ihnen lernen. Man lernt insbesondere eine gute Anamnese und körperliche Untersuchung durchzuführen. Auch wenn es in Deutschland oft gängige Praxis ist: Nicht immer braucht man ein CT, oft reichen auch die genaue Erfassung der Symptome und eine gute klinische Untersuchung aus, um die richtige Diagnose zu stellen.

In den Konsultationsräumen für ambulante Besuche arbeiten die meisten Ärzte unentgeltlich ein- oder zweimal die Woche. Viele Kinder werden wegen Hüftdysplasien behandelt. Die Familien leben meist sehr weit vom Krankenhaus entfernt und kommen daher nur unregelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen. Es ist somit sehr schwierig, die Kinder ausreichend zu therapieren. Auch ist die Vorsorge bei weitem nicht so gut wie in Deutschland.

Hüftdysplasien werden bei uns spätestens bei der U3-Untersuchung (4. bis 5. Lebenswoche) diagnostiziert. In Peru passiert dies erst zwischen dem 3. und 4. Lebensmonat mittels einer Radiografie. Sonografiegeräte sind einfach nicht ausreichend vorhanden. Die Therapie ist dann natürlich ungleich schwieriger und wird durch die oft unzureichende Mitarbeit der weit entfernt lebenden Eltern nicht vereinfacht.

Im OP-Saal konnte ich fast immer assistieren. Manchmal war ich sogar die 1. Assistenz. Man muss sich allerdings ein wenig eingewöhnen. Es gibt generell nur Seife. Die Hände werden vor der Operation nicht desinfiziert und es wird auch nur ein Paar Handschuhe benutzt. Es wird gespart, wo man kann. Meist handelte es sich um kleinere Operationen wie Hernienoperationen oder Defektdeckungen. Das OP-Team war super nett und es herrschte durchgängig eine entspannte Atmosphäre.

Man sollte keine Probleme haben sich auf Spanisch zu verständigen. Englisch wird zwar von einigen Ärzten halbwegs gut gesprochen, die Kommunikation ist nichtsdestotrotz eingeschränkt und die meisten Patienten können gar kein Englisch. Manchmal sogar nur schlecht Spanisch, da viele muttersprachlich Quechua, die Sprache der Inkas, sprechen.

Falls ich etwas jedoch nicht verstand oder Schwierigkeiten hatte mich auszudrücken, war das nie ein Problem. Alle waren geduldig und niemand war mir böse, wenn ich Fehler machte. Da man gezwungen ist den ganzen Tag von morgens bis abends Spanisch zu sprechen, lernt man sehr schnell dazu. Es gibt keine bessere Möglichkeit seine Sprachkenntnisse aufzufrischen bzw. zu vertiefen. Man sollte sich wahrscheinlich ein wenig mit dem medizinischen Vokabular vertraut machen. Da ich bereits in Frankreich Erasmus gemacht hatte, kannte ich die meisten Begriffe schon auf Französisch. Es war dann relativ einfach sich die Begriffe abzuleiten.

Am teuersten sind die Flüge

Am teuersten an einer Famulatur in Peru sind definitiv die Flüge. Da kann man schon mal auf mehr als tausend Euro kommen. Ich habe zum Glück für meine vorherige Famulatur in Kolumbien über die Bvmd einen Fahrtkostenzuschuss erhalten und konnte somit einen Teil abdecken. Ein Flug von Kolumbien nach Peru kostete dann „nur“ noch ca. 250 Euro. Eine Übernachtungsmöglichkeit findet man für ca. zehn Euro pro Nacht. Wenn man für einen ganzen Monat sogar eine Wohnung findet, kann das deutlich günstiger werden.

Zur Vorbereitung sollte man sich zudem unbedingt über notwendige Impfungen informieren. Dazu gehören zum Beispiel Hepatitis A, Gelbfieber, Typhus und eventuell auch Pneumokokken. Auch sollte man an Mückenschutz und Malariaprophylaxe denken, wenn man sich in niedrigeren Höhenlagen aufhält. Es ist zudem wichtig die Höhe nicht zu unterschätzen. Viele Leute, die direkt nach Cuzco auf ca. 3.500 Meter Höhe fliegen, haben dort einige Probleme. Daher gilt: Je langsamer die Akklimatisation, desto besser.

Mein Fazit

Jeden, der darüber nachdenkt eine Famulatur im Ausland zu machen, kann ich nur dazu ermutigen. Die Organisation ist sicherlich umfangreich und Vieles wird auch spontan laufen, aber es ist den Aufwand wert. Man hat die Möglichkeit ein anderes Gesundheitssystem und viele tolle Menschen kennenzulernen. In Südamerika darf man als Student sehr viele praktische Tätigkeiten durchführen und kann tolle Erfahrungen sammeln.


Es ist jedoch wichtig möglichst frühzeitig mit der Planung anzufangen und sich nicht von kleinen Rückschlägen entmutigen zu lassen. Ich verspreche euch: Das Erlebnis ist jeden Cent und jede Schweißperle wert. Ich jedenfalls werde den nächsten Sommer wieder im Ausland famulieren.

Zum Autor

Felix Maidhof studiert Humanmedizin in Berlin.
felix.maidhof@charite.de

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