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  • MHH-Studienfahrt nach Auschwitz

    Pressemitteilung
    Eine Fahrt gegen das Vergessen
    11.Juni 2020
    Hannover - Auschwitz
    Zu Beginn dieses Jahres jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 75. Mal. Die Gräueltaten des Holocaust dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Dem Marburger Bund Niedersachsen war es ein wichtiges Anliegen, die Studienfahrt von rund 50 Studierenden der Medizinischen Hochschule Hannover Ende des letzten Jahres in die Gedenkstätte Auschwitz und das Außenlager Birkenau zu unterstützen. Greta Holtgrave, eine Teilnehmerin, berichtet in Auszügen von ihren Eindrücken:
    Für rund 50 Studierende der MHH bedeutete die Studienreise nach Auschwitz eine prägende Erfahrung
    Für rund 50 Studierende der MHH bedeutete die Studienreise nach Auschwitz eine prägende Erfahrung

    Oświęcim, Woiwodschaft Kleinpolen, 50 km westlich von Krakau, heute leben knapp 40 000 Menschen hier und doch gehört Oświęcim zu den meistbesuchten Orten Polens. Sein deutscher Name ist Auschwitz. Auschwitz – ein Name, aber auch ein Synonym für die industrielle Massenvernichtung von Menschen, die vorher durch ein faschistisches System als minderwertig deklariert wurden. Die genaue Anzahl der Todesopfer kann nicht mehr ermittelt werden, verschiedene Quellen sprechen von 1,1 bis 1,5 Millionen Personen. Die größte Opfergruppe waren Juden, doch auch Polen, Sinti, Roma, sowjetische Kriegsgefangene und unzählige andere kamen dort ums Leben. Ein Ausmaß von menschlichem Leid, das für mich nicht zu erfassen ist.

    Die Studierendengruppe IPPNW organisiert zum ersten Mal eine Gedenkstättenfahrt nach Oświęcim, wo noch heute ein Großteil des Lagers zu besichtigen ist.

    Von unserer Unterkunft sind es nur 10 Minuten zu Fuß bis zur Gedenkstätte auf dem ehemaligen Stammlagergelände Auschwitz I. Während wir auf die Guides warten, die uns durch die Ausstellungen führen werden, kommen unzählige Busse mit anderen Besuchenden an. Alle Altersgruppen und viele verschiedene Nationalitäten sind vertreten, als wir gemeinsam an der Sicherheitskontrolle anstehen. Mein Blick innerhalb des Lagers fällt zuerst auf den aus Eisen geformten Schriftzug „Arbeit macht frei“, über den uns der Guide erzählt, dass die Inhaftierten dort jeden Tag nach schwerer Zwangsarbeit für die Aufseher marschieren mussten.

    Das ehemalige Stammlager wurde in den Gebäuden einer früheren polnischen Kaserne errichtet, wo heute in einigen Häusern ausgestellt wird, was man bei der Befreiung des Lagers am 27.01.1945 fand. Alle Menschen, die seit 1940 dort ankamen, wurden beraubt, kartiert und zu Anfang noch fotografiert. Wir hören, dass man später dazu überging die Ankommenden zu tätowieren, weil man sie nach der Inhaftierung im Lager wegen der Bedingungen dort den Fotos nicht mehr zuordnen konnte. Auf jeder der Karten, die ausgestellt sind, befindet sich auch das Feld „Grund der Inhaftierung“. Zumeist ist dort „Jude“ oder „Pole“ eingetragen.

    Wir gehen weiter durch die Ausstellung und kommen in Räume, in denen die gefundenen Habseligkeiten der Ermordeten ausgestellt sind: Berge von Schuhen, Koffern, Töpfen, Brillen und auch eine große Anzahl verschiedener Prothesen. Im folgenden Raum liegen hinter Glasscheiben zwei Tonnen menschliches Haar. Allen Inhaftierten wurde direkt bei Ankunft das Kopfhaar geschoren, was später beispielsweise dafür verwendet wurde, besonders rutschfeste Socken zu weben. Unser Guide berichtet, man habe bei der Befreiung von Auschwitz sieben Tonnen Haare vorgefunden – vor einem Teil davon stehen wir jetzt fassungslos.

    Inzwischen ist es unter uns Studierenden ganz still geworden, wir laufen schweigend durch die Ausstellung und gelangen ins obere Geschoss einer ehemaligen Baracke, wo ein Modell der Gaskammern des Stammlagers aufgebaut ist. Wir erfahren, dass die Menschen unter dem Vorwand sich reinigen zu müssen in die Kammern gelockt wurden, wo sogar Duschköpfe als Tarnung von den Decken hingen. Aus mehreren Säulen wurde gasförmiges Zyklon B in die Kammern geleitet, woran die Menschen qualvoll erstickten. Bergen mussten sie andere Inhaftierte, die als „Sonderkommando“ ausgesucht wurden. Den Überlebenden des „Sonderkommandos“ widmet die Gedenkstätte zurzeit eine Ausstellung. Ein Zitat eines Mitglieds des Sonderkommandos ist an die Wand geschrieben und  spiegelt sinngemäß wider, es gebe keinen Tag seines Lebens, an dem er nicht an den Horror der Gaskammern denken müsse, dass diese immer bei ihm seien.

    Im ehemaligen Lazarettbereich des Stammlagers betreten wir nun neuere Ausstellungen, die die Gedenkstätte zusammen mit Yad Vashem, der größten israelischen Gedenkstätte, konzipiert hat. Auf Leinwänden sehen wir Videoaufnahmen jüdischen Lebens mit seinen kulturellen Festen und Bräuchen in Europa vor dem Holocaust. Mir wird schmerzlich bewusst, dass ich solche Bilder aus dem heutigen Europa nicht kenne. Der nächste Raum zeigt einen Zusammenschnitt von Reden von Hitler, Goebbels und anderen Nazi-Offiziellen, in denen der Holocaust explizit angekündigt wird und große Menschenmessen den Rednern zujubeln. Als wir weiter gehen, vorbei an Dokumentationen der Nazi-Herrschaft und an Zeitzeugenaussagen, kommen wir in ein Zimmer, in dem eine Malerin Kinderzeichnungen, die an KZ-Wänden gefunden wurden, auf die Wände der ehemaligen Lazarett-Baracke übertragen hat. Kinder malen, was sie sehen. Ich sehe Zeichnungen von Massenerschießungen, Schornsteinen und Galgen zwischen Abbildungen von Blumen und Familien.

    Zuletzt gelangen wir zu einer riesigen Kladde, in der bis heute alle Namen der Opfer des Holocausts gesammelt werden. Ungefähr vier Millionen Menschen sind zurzeit darin erfasst, alle aufzunehmen wird nicht möglich sein, zu viele Unterlagen wurden vernichtet. Trotzdem füllt die Kladde bereits einen gesamten Raum.

    Dann sammeln wir uns kurz und gehen zu einer der Gaskammern, die noch zu betreten sind. Sie liegt etwas in den Boden eingelassen und besteht aus Betonplatten, innen ist es dunkel, man sieht noch einige der Säulen, aus denen das Zyklon B geströmt ist. Draußen scheint die Sonne, der Kontrast könnte nicht größer sein.

    Nach dem Besuch des Stammlagers fahren wir zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, welches 1941 aus den Steinen der vorher dort liegenden polnischen Dörfer und aus Holz gebaut wurde. Der Wachturm, durch den die Eisenbahnschienen bis auf die Rampe ins Lager führen, erinnert mich an Fotografien, die ich im Vorhinein von der Befreiung Auschwitz` gesehen habe. Neben dem Stammlager und Birkenau und Monowitz gab es noch bis zu 40 Unterlager, in denen Menschen zur Arbeit gezwungen wurden. In Auschwitz-Birkenau wurden vor allem Frauen und Kinder interniert. Es gab auch einen Bereich für Roma und Sinti- Familien und ein temporäres Lager für Juden aus Theresienstadt, das als Propagandamittel missbraucht wurde, weil die Inhaftierten dort ihre zivile Kleidung tragen durften. Das Roma- und Sinti-Lager wurde 1944 komplett aufgelöst, die Menschen darin ermordet, weswegen Auschwitz-Birkenau auch als einer der zentralen Orte des Porajmos, dem Völkermord an den europäischen Roma und Sinti, gilt. Auschwitz-Birkenau wirkt ganz anders als das Stammlager, die meisten Baracken sind verfallen oder dürfen nicht mehr betreten werden, weil sie auf moorigem Boden stehen.

    Schließlich stehen wir an der Rampe, an der die Selektionen stattgefunden haben. Dort steht noch ein alter Waggon wie eine Mahnung. Die meisten Personen, die ankamen, wurden direkt in den Gaskammern ermordet. Viele der Selektionen, hören wir, wurden von deutschen Ärzten durchgeführt. Auch die körperliche Untersuchung, die die Menschen, die nicht sofort getötet wurden, über sich ergehen lassen mussten, wurde von medizinischem Personal vollzogen. Schwangere Frauen oder Menschen mit Gebrechen wurden von dort in die Gaskammern geschickt.

    Inzwischen ist Nebel über dem Gelände aufgezogen und wir gehen zurück zum Eingang und besteigen den Wachturm, von wo wir über das Areal sehen können, doch das Ende des Lagers kann ich nicht erkennen. Es ist einfach zu groß. Wir verabschieden unseren Guide und fahren zurück zu unserer Unterkunft, auf dem Rückweg fährt der Bus entlang der Bahnschienen und ich sehe noch einmal den Wachturm im Heckfenster.