"Gefälschte Impfzertifikate und Gefälligkeits-Atteste sind Straftaten."

Dr. med. Sven Dreyer: "Ein funktionierendes Gesundheitswesen stabilisiert Demokratie.“
18.März 2026
„Ein funktionierendes Gesundheitswesen stabilisiert Demokratie.“ Mit diesen klaren Worten verwies der nordrheinische Kammerpräsident Dr. med. Sven Dreyer auf die politische Wirkung einer guten medizinischen Versorgung und die Notwendigkeit der Politik besonnen und sachgerecht zu agieren. „Die Politik muss das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen. Politik muss Sicherheit ausstrahlen, gerade in Zeiten, in denen sich Krisen stapeln.“
Die 60 Delegierten des Marburger Bundes in der 120-köpfigen Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein verfolgten den Lagebericht des Präsidenten Dr. med. Sven Dreyer aufmerksam und brachten im Anschluss zahlreiche Anträge ein.
Die 60 Delegierten des Marburger Bundes in der 120-köpfigen Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein verfolgten den Lagebericht des Präsidenten Dr. med. Sven Dreyer aufmerksam und brachten im Anschluss zahlreiche Anträge ein.

Ein Negativbeispiel zeige der Gesundheitsminister der USA. Zu den subtilen Eingriffen in die ärztliche Berufsausübung gehöre, dass in den USA Studien von Webseiten entfernt würden, wenn sie nicht den Vorgaben des Gesundheitsministeriums entsprechen. Seit Jahren werde Angst vor Impfungen geschürt. „Die Folgen sehen wir jetzt: Die Impfquote bei Kindergartenkindern ist mittlerweile gesunken. 2025 verzeichnete die USA mit über 2.000 Masernfällen den schwersten Ausbruch von Masern seit über drei Jahrzehnten.“

Leider werde über Social Media die Impfskepsis auch hierzulande geschürt. „Laut einer aktuellen RKI-Befragung ist etwa jede zweite Person unsicher, ob Impfungen Autismus oder Allergien auslösen können – Mythen, die wissenschaftlich glasklar widerlegt sind“, erklärte Sven Dreyer.

Erst Ende Februar haben Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung aufgezeigt, wie das Masernschutzgesetz durch gefälschte Impfzertifikate und Gefälligkeits-Atteste umgangen wird. „An dieser Stelle sage ich noch einmal klar: Kolleginnen und Kollegen, die Impfausweise fälschen, begehen kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat!“

Diese Vorgänge zeigen uns auf unterschiedlichen Ebenen, was es mit unserem ärztlichen Beruf macht, wenn unser Status als freier Beruf, unsere Therapiefreiheit und unsere Bindung an das Genfer Gelöbnis in Frage gestellt und Medizin und Wissenschaftsfreiheit unter Staatsdoktrin fallen. Deshalb ist es in unserem ureigensten Interesse, die Demokratie als Staatsform zu verteidigen, mit allem was wir haben.“

„Das gelingt sicher am besten, wenn wir gemeinsam mit der Politik Reformen entwickeln, die am Ende zeigen, dass die Bevölkerung auch weiterhin auf ein qualitativ hochstehendes und resilientes Gesundheitswesen vertrauen kann.“ 

„Vertrauen baut man aber nicht auf, indem man die Bevölkerung pauschal beschimpft. Es sind nicht „die Faulen“, die sich für Teilzeitarbeit entscheiden, es sind nicht „die Drückeberger“, die bei einem Infekt eine telefonische Krankschreibung erbitten, und die Deutschen rennen auch nicht „zu viel zum Arzt“, weil sie so gerne in unseren Wartezimmern sitzen. 

Zur Wahrheit gehöre: „Unser stark quartalsbezogenes Vergütungssystem und die durchaus gewünschte Inanspruchnahme vieler Vorsorgeuntersuchungen tragen zur hohen Zahl von Arzt-Patienten-Kontakten bei. Es gebe auch Patienten, die überängstlich jeden Infekt ärztlich abklären lassen oder das System mit ungebührlicher Anspruchshaltung ausnutzen. Das hat mit fehlender Steuerung zu tun und mit mangelnder Gesundheitskompetenz, die in Deutschland im internationalen Vergleich besonders schlecht ausgeprägt ist. Hier bleibe ich dabei: Ein Schulfach „Gesundheit“ wäre enorm wertvoll“, unterstrich Dr. Dreyer.

Der kritisierte hohe Krankenstand werde nicht maßgeblich durch die Möglichkeit der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung geprägt. Laut Auswertungen des Zentralinstituts der kassenärztlichen Versorgung liegt der Anteil der Telefon-AU bei gerade einmal 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankschreibungen; der Anteil der AU per Videosprechstunde ist noch geringer. Ob dieses geringe Segment einen relevanten Einfluss auf den Krankenstand hat, wird von Experten zu Recht bezweifelt.“ 

Die Politik müsse sich mit Krankenständen befassen. "Der Missbrauch von gekauften Krankschreibungen über anonyme Online-Plattformen ohne persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt muss unterbunden werden. Aber das hat mit einer verantwortungsvoll eingesetzten Telefon-AU im eigenen Patientenstamm nichts zu tun.“

„An der aktuellen Debatte stört mich vor allem, dass sie durch Pauschalisierungen eine Kluft aufreißt: hier Politik und Wirtschaft, dort die arbeitende Bevölkerung. Diese Kluft wird uns am Ende ganz sicher nicht zu gesünderen und motivierteren Belegschaften führen."