Fast jede*r Zweite berichtet von eigenen Erfahrungen mit Machtmissbrauch in den vergangenen zwölf Monaten. In der überwiegenden Zahl der Fälle geht der Machtmissbrauch von ärztlichen Vorgesetzten aus. Ärztinnen in Weiterbildung nennen zu 47 Prozent Chefärzte als Täter.
„Wir haben es nicht mit Einzelfällen zu tun, sondern mit einem ernsthaften Problem in unseren Kliniken“, erläutert Hans Martin Wollenberg, Erster Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen. „Wo Hierarchien, Abhängigkeiten und Druck zusammenkommen, entsteht ein Klima für Machtmissbrauch. Dieses System müssen wir verändern.“
82 Prozent berichten von respektlosem Umgang, 65 Prozent davon, dass ihre Kompetenz infrage gestellt wurde, mehr als die Hälfte von öffentlicher Bloßstellung. Die Bandbreite reicht von systematischer Herabwürdigung bis zu offenem Anschreien und Einschüchterung.
Die Folgen für die Betroffenen sind gravierend. Viele leiden unter emotionaler Erschöpfung, denken über einen Klinikwechsel oder den Ausstieg aus der stationären Versorgung nach. Trotzdem werden weniger als ein Drittel der Fälle gemeldet – aus Angst vor Nachteilen, fehlendem Vertrauen in Konsequenzen und der Sorge, nicht ernst genommen zu werden.
„Ein System, das folgenloses Wegsehen zulässt, schützt die Täter*innen, nicht die Betroffenen“, kritisiert Andreas Hammerschmidt, Zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes Niedersachsen, und betont: „Grenzüberschreitungen dürfen nicht mehr folgenlos bleiben. Wir fordern eine Verlängerung der gesetzlichen Meldefristen auf zwölf Monate und die Umsetzung der längst vorgeschriebenen niedrigschwelligen, anonymen Meldemöglichkeiten in jeder Klinik.“
Neben Machtmissbrauch dokumentiert die Befragung auch zahlreiche Fälle sexueller Belästigung, von verbalen Grenzüberschreitungen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Auch hier wirken Hierarchien, Abhängigkeiten und fehlende Schutzmechanismen zusammen.
- Pressefotos von Hans Martin Wollenberg und Andreas Hammerschmidt
- Meldestellen
- bundesweite Umfrageergebnisse beim Marburger Bund Bundesverband
- Präsentation für die LPK am 6. Mai 2026(3.7 MB, PDF)
- Gesamtauswertung Niedersachsen(854.1 KB, PDF)
