Open Space Uniklinik 2026

Beim ersten Open Space Uniklinik des Marburger Bundes kamen Ärztinnen und Ärzte aus Universitätskliniken im ganzen Bundesgebiet zusammen, um Ideen für die Weiterentwicklung des TV-Ä (TdL) zu entwickeln.

Mit dabei waren auch zwei Ärzte aus Thüringen: Dr. Philipp Sänger und Dr. Christian Kirchberg vom Universitätsklinikum Jena. Im Interview mit Elenor Jung (Mitarbeiterin Digitale Kommunikation & Outreach) berichten sie von ihren Eindrücken, den wichtigsten Diskussionsthemen und den Impulsen, die sie für das UKJ mitnehmen.

Dr. Philipp Sänger

Dr. Philipp Sänger ist seit 2016 an der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin des UKJ tätig. Er arbeitet als Facharzt für Anästhesiologie und Notarzt. Seit 2026 leitet er zudem die Stabsstelle Katastrophenschutz.

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Herr Dr. Sänger, Sie haben am Open Space Uniklinik teilgenommen. Worum ging es bei der Veranstaltung?

Im Rahmen der Weiterentwicklung des TV-Ä (TdL) wurden Mitglieder des MB nach Frankfurt a.M. eingeladen, um dort unmittelbar ihre eigenen Ideen vorzustellen. Es gab bewusst keine festgelegten Themen, sondern lediglich einen organisatorischen Rahmen. Nachdem die Mitglieder ihre Inhalte vorgestellt hatten, erfolgte der Austausch in kleineren und größeren Gruppen.

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Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Schnell wurde deutlich, dass es den meisten Anwesenden nicht um eine bloße monetäre Steigerung der Entgelttabelle ging, sondern, dass vor allem grundlegende Änderungen der Arbeitsbedingungen notwendig sind. Da dies nur mit dem Aufkündigen des Manteltarifvertrags möglich wäre, sollte der Open Space aufzeigen, welche Aspekte den Mitgliedern des MB am wichtigsten sind. Diese Anregungen sollen nun in die Weiterentwicklung des TV-Ä einfließen, und, wenn nötig, mittels eines Erzwingungsstreiks durchgesetzt werden. Dass dies kein leichtes Unterfangen sein wird, und einer guten Vorbereitung und Kommunikation bedarf, war allen Anwesenden bewusst. 

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Welche Themen haben am meisten Zeit beansprucht?

Viele der Themen überschnitten sich naturgemäß, sodass in mehreren Gesprächsrunden ähnliche Inhalte diskutiert wurden. Zunächst wäre hier die elektronische und manipulationsfreie Arbeitszeiterfassung zu nennen. Diese ist zwar schon im aktuellen Tarifvertrag verankert, aber an vielen Unikliniken bei weitem noch nicht gelebte Praxis. Eng damit verbunden war die Dokumentation und Vergütung von tatsächlich geleisteten Überstunden. Ein weiteres wiederkehrendes Thema waren die zusätzlichen Aufgaben im ärztlichen Dienst an Universitätskliniken, insbesondere die Zeit für Forschung, Lehre und Fortbildung. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie das Abhängigkeitsverhältnis während der Weiterbildung standen im Mittelpunkt.

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Und welche Themen waren Ihnen persönlich am wichtigsten?

Um das Arbeiten an Unikliniken zukunftsfähig zu machen, braucht es meiner Meinung nach fundamentale Änderungen unserer Arbeitsplatzkultur. Zu häufig wird ein Uniklinikum als „Ausbildungshaus“ dargestellt, mit der Folge, dass vielerorts wenig Wert auf die langfristige Bindung von Mitarbeitenden gelegt wird. Gleichzeitig wird von der Politik immer wieder betont, dass unsere universitäre Medizin doch so exzellent sei. Ich möchte gar nicht bestreiten, dass wir einen sehr hohen Standard an den Tag legen. Jedoch denke ich, dass dies nicht wegen der guten Arbeitsbedingungen so ist, sondern trotz dieser.

Rund 80% der Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung besitzen befristete Arbeitsverhältnisse, häufig nach WissZeitVG. Eine Promotion kann zwar wissenschaftliche Kompetenzen fördern, ist aber nur marginal ausschlaggebend für die Qualität der medizinischen Fähigkeiten und ist meiner Meinung kein zeitgemäßer Befristungsgrund.

Bei vielen Beschäftigten in Weiterbildung herrscht ein massiver Druck, die tägliche Arbeit zu leisten, hierfür vielleicht noch nicht einmal genügend Zeit zur Einarbeitung gehabt zu haben, die geleisteten Überstunden nicht dokumentieren zu können (oder zu dürfen) und in der wenig verbleibenden Freizeit Selbststudium zu betreiben, da man sonst von Vorgesetzen vorgeworfen bekommt, man engagiere sich nicht genügend. Alles dafür, dass man ohne einen festen Personalschlüssel immer mehr Patientinnen und Patienten behandeln darf, die für die Facharztausbildung notwendigen Rotationen in andere Abteilungen nicht rechtzeitig erhält und am Ende entweder immer weiter befristete Arbeitsverträge oder erst gar keine Weiterbeschäftigung mehr angeboten bekommt. Wer dazu noch ein erfülltes Privatleben oder Zeit für die Familie haben möchte, muss sich meistens für das eine oder das andere entscheiden: Beruf oder Freizeit. 

Diese Auflistung ist bewusst zugespitzt, zeigt aber viele Kernprobleme unserer aktuellen Arbeitssituation. Mir ist auch klar, dass es nicht an allen Kliniken so extrem zugeht. Ich selbst hatte eine sehr gute Ausbildung und konnte mich über die Bedingungen nicht beklagen. Allerdings sollten wir uns nicht mit den Positivbeispielen zufriedengeben, sondern diese nutzen, um die Bedingungen flächendeckend an allen Unikliniken zu verbessern. 

Das Etablieren einer realistischen Arbeitszeiterfassung, wie sie unser jetziger Tarifvertrag bereits fordert, ist für mich persönlich ein weiteres wichtiges Thema. Nur wenige Unikliniken haben eine Positiv-Arbeitszeiterfassung mit Terminals oder Chips, einige haben noch nicht einmal eine funktionierende elektronische Negativ-Erfassung und wieder andere dokumentieren sogar noch auf Papier. Hier besteht aktuell noch erheblicher Aufholbedarf! Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass die Dunkelziffer der nicht dokumentierten Überstunden extrem hoch bleiben wird, wenn sich das oben beschriebene Machtgefälle und das damit verbundene Abhängigkeitsverhältnis nicht ändert.

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Was muss aus Ihrer Sicht jetzt passieren, damit aus den gesammelten Ideen tatsächlich Verbesserungen werden?

Der Marbuger Bund muss den Worten nun auch Taten folgen lassen. Nachdem dieses Format geschaffen wurde, um die Meinungen und Ideen der Mitglieder einzuholen, geht es nun darum, diese in die zukünftigen Tarifverhandlungen einfließen zu lassen. Viele der diskutierten Themen sollen nun im „Jour fixe Uniklinika“ weiter behandelt werden. Es wurde ein hoher Wert auf weitere Vernetzung gelegt, nicht nur unter den Anwesenden, sondern auch mit anderen MB-Mitgliedern und Beschäftigten im TV-Ä. Weiterhin wurden dem MB konkrete Handlungsempfehlungen und Erwartungen mitgegeben. Dazu gehört der Wunsch nach einer noch besseren Kommunikation mit den Mitgliedern über die weiteren Entwicklungen.  

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Gibt es Ergebnisse aus dem Open Space, welche direkt auf das UKJ angewandt werden können?

Das Thema Arbeitszeiterfassung beschäftigt uns am UKJ seit Längerem und wird auch künftig weit oben auf der Agenda stehen. Darüber hinaus brauchen wir mehr Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Es gibt bestimmt einige Interessierte in unserer Belegschaft, die sich aktiv einbringen würden. 

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Wäre ein solches Format in kleinerem Rahmen auch am UKJ denkbar?

Denkbar wäre das sicherlich. Allerdings muss man auch sagen, dass die Organisation in Frankfurt sehr professionell war. Ohne den vorgegebenen Rahmen und die zur Verfügung gestellten Arbeitsmaterialien besteht die Gefahr, dass ein solches Format am Ende eher beim Brainstorming bleibt.  

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Was würden Sie Kolleginnen und Kollegen sagen, die sich fragen, ob ihre Beteiligung an solchen Veranstaltungen überhaupt etwas bewirken kann?

Ich war zunächst auch skeptisch bezüglich des Formats und musste dann überrascht feststellen, wie gut das Ganze funktioniert hat. Inwiefern der Ideenaustausch an diesem Wochenende nachhaltig Folgen auf unsere Tarifpolitik hat, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Entscheidend wird sein, dass die eingebrachten Themen nun in den weiteren tarifpolitischen Prozess einfließen. Wenn das gelingt, hat sich die Teilnahme am Open Space gelohnt.

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Wie war die Atmosphäre während der Veranstaltung?

Die Atmosphäre war locker und ungezwungen. Man hatte nie das Gefühl, etwas zu verpassen, weil es keinen festen Ablauf gab. Man konnte sich jederzeit von Thema zu Thema bewegen und überall gelassen ins Gespräch kommen. Ein Teilnehmer brachte es zum Abschluss treffend auf den Punkt: Häufig sind auf solchen Veranstaltungen die Gespräche in der Kaffeepause oder beim Abendessen produktiver als jedes Seminar. Beim Open Space hatte man das Gefühl, dass das gesamte Wochenende nur aus solchen Gesprächen bestand. Entsprechend schnell verging die Zeit.

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Würden Sie wieder an einem Open Space teilnehmen?

Jederzeit.

Dr. Christian Kirchberg

Dr. Christian Kirchberg arbeitet seit 2023 als Arzt in Weiterbildung am Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des UKJ. Seit 2025 vertritt er als gewählter Assistentensprecher die Interessen der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung seines Instituts.

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Herr Dr. Kirchberg, Sie haben am Open Space Uniklinik teilgenommen. Worum ging es bei der Veranstaltung?

Es ging um das gemeinsame, landesverbandübergreifende Sammeln von Ideen, Verbesserungsvorschlägen und Wünschen aus der Ärzteschaft zur Weiterentwicklung des TV-Ä, direkt von der Basis sozusagen. Ich interpretiere das Veranstaltungsformat als eine Reaktion des MBs auf die Vorwürfe einer mangelnden Mitgliederbeteiligung aus den letzten Tarifrunden.

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Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Wir sind uns einig, dass strukturelle Verbesserungen unserer Arbeitsbedingungen dringend notwendig sind, um den wachsenden Anforderungen gerecht zu werden. Dazu haben wir beispielsweise von der Neudefinition der Überstunden-Ausgleichszeiträume über die Neubewertung der Dienstzuschläge bis hin zum ärztlichen Personalschlüssel einen großen Topf an Ideen gesammelt. Diese Ideen müssen jetzt allerdings noch in konkrete Forderungen übersetzt werden. Nur so wird es langfristig möglich sein, die Attraktivität des Berufsstandes zu steigern, nicht von Tarifwerken anderer Branchen abgehängt zu werden und letztlich eine adäquate Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

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Welche Themen haben am meisten Zeit beansprucht?

Am meisten Zeit beanspruchte das Ausarbeiten geeigneter Maßnahmen gegen die zunehmende Arbeitsverdichtung, das Hinterfragen tradierter Dienstmodelle aus Sicht der heutigen Zeit (insbesondere 24-Stunden-Dienste), die Qualitätssicherung der Weiterbildung sowie allem voran leider auch immer noch die unzureichende Umsetzung einer korrekten Arbeitszeiterfassung an vielen Universitätskliniken.

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Und welche Themen waren Ihnen persönlich am wichtigsten?

Besonders wichtig finde ich die Reformierung des alten Schicht- und Wechselschichtsystems inkl. besserer Bezuschlagung von Arbeit zu gesellschaftlich ungünstigen Zeiten, da dies seit nunmehr 2-3 Tarifrunden auf der Strecke geblieben ist.

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Was muss aus Ihrer Sicht jetzt passieren, damit aus den gesammelten Ideen tatsächlich Verbesserungen werden?

Zunächst braucht es eine Konsolidierung und Wichtung aller erarbeiteten Ideen und Themenkomplexe. Danach müssen konkrete Forderungen formuliert und, aus meiner Sicht, eine Basisabstimmung durchgeführt werden, welche Punkte besondere Priorität bei den Verhandlungen im kommenden Sommer erhalten sollen.

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Gibt es Ergebnisse aus dem Open Space, welche direkt auf das UKJ angewandt werden können?

Wir sollten mehr Ressourcen in den fachübergreifenden Austausch zwischen uns Ärztinnen und Ärzten investieren. Nur so können Gewerkschaftsarbeit und Tarifvertrag wirklich „gelebt“ werden. 

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Wäre ein solches Format in kleinerem Rahmen auch am UKJ denkbar?

Selbstverständlich! Unser Landesverband hat  bereits erste Schritte initiiert, um eine bessere Vernetzung der ÄiW-Sprecherinnen und -Sprecher sowohl untereinander als auch mit der Gewerkschaft zu erzielen.

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Was würden Sie Kolleginnen und Kollegen sagen, die sich fragen, ob ihre Beteiligung an solchen Veranstaltungen überhaupt etwas bewirken kann?

Das kann man aktuell noch nicht sagen – es war die erste Veranstaltung ihrer Art. Die Teilnehmer des Open Space setzen jetzt besonders hohe Erwartungen an den MB bzw. an die Tarifkommission des kommenden Sommers. Die Arbeit mit der Mitglieder-Basis war der erste Schritt in die richtige Richtung, aber jetzt müssen auch handfeste Ergebnisse folgen, sonst verliert das Format an Glaubwürdigkeit und die Gewerkschaft an Zuspruch. 

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Wie war die Atmosphäre während der Veranstaltung?

Trotz der wahnsinnigen Hitze draußen war es durchweg ein sehr konstruktiver, angenehmer und kollegialer Austausch. Wenn der Geist der Veranstaltung so auch in die Kliniken und Institute weitergetragen wird, bin ich optimistisch, dass wir etwas bewirken können. 

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Würden Sie wieder an einem Open Space teilnehmen?

Jederzeit, gegebenenfalls könnten bei einer Folgeveranstaltung dann auch einzelne Tarifaspekte konkreter thematisiert werden.