Bewahren und gleichzeitig verändern

MB-Podiumsdiskussion zur Zukunft des ärztlichen Berufs
12.Oktober 2026
Hamburg
Der MB Hamburg diskutiert mit Expertinnen und Experten, wie sich die Rolle der Ärzteschaft angesichts der demografischen Entwicklung verändert und wie sich das Berufsbild im digitalen Zeitalter neu definiert.
Dr. Christoph Hillen, Prof. Dr. Iris Kesternich, Dr. Pedram Emami, Daria Hunfeld und Dirk Schnack (v.l.)
Dr. Christoph Hillen, Prof. Dr. Iris Kesternich, Dr. Pedram Emami, Daria Hunfeld und Dirk Schnack (v.l.)

Fachkräftemangel, Überlastung, Reformdruck: Der ärztliche Berufsalltag ist in Bewegung wie selten zuvor. Zugleich stellt der demografische Wandel die Weichen für die kommenden Jahrzehnte. Wie sich die Rolle der Ärzteschaft verändert könnte – von Arbeitsbedingungen über Weiterbildung bis zum Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz und anderen Gesundheitsberufen –, hat der Marburger Bund Hamburg Anfang Oktober bei seiner mittlerweile alljährlichen Podiumsdiskussion mit Expertinnen und Experten in der pme Akademie erörtert.

Aktuell lässt das Zusammenspiel mit der KI aus Sicht von Dr. Christoph Hillen, Arzt und Mitbegründer von Reesi, einer KI-getriebene Studienplattform, sowie Vorsitzender des Ausschusses „Digitalisierung und Strategien im Gesundheitswesen“ der Ärztekammer Hamburg (ÄKHH), zu wünschen übrig. In den Kliniken träfen Mitarbeitende auf schlechte Schnittstellen, viele parallel laufende Programme für gleiche Dokumentationen und insgesamt auf eine langsame digitale Entwicklung, während sie „draußen unglaublich schnell voranschreitet“, so Hillen. Für ihn ist klar: „KI wird in der klinischen Versorgung ankommen, sie wird bei der Diagnostik unterstützen, sie wird Empfehlungen geben.“ Die Herausforderung werde dann darin bestehen, die plausibel klingenden Vorschläge der KI kritisch auf ihre Richtigkeit zu hinterfragen. 

Medizinische Care-Arbeit als Kernkompetenz

Dr. Pedram Emami, MB-Landesvorsitzender und Präsident der ÄKHH, führte das Beispiel der US-amerikanischen Science-Fiction-Serie „Star Trek“ an. Im Original verwendet der Schiffsarzt Dr. „Pille“ McCoy eine KI, die die Diagnosen stellt. „Seine Aufgabe ist, das menschliche Element zu sein, die medizinische Care-Arbeit zu übernehmen und das, was das System vorgibt, zu evaluieren und zu bewerten“, sagte er und folgerte, dass sich am ärztlichen Grundgedanken nichts ändern werde. „Die Frage wird sein, wie wir diese Kernkompetenz in der Zukunft anwenden und ob wir dafür alle Tools benötigen, die wir in der Vergangenheit gebraucht haben.“

Nach seinem Dafürhalten befindet sich der Arztberuf bereits in einem Veränderungsprozess. Zwar gelte es, die Kernkompetenz des ärztlichen Berufs zu bewahren, aber gleichzeitig die Entwicklung mitzugestalten: „Wir können nicht, um uns als Arzt zu definieren, uns an den Tätigkeiten festhängen, die wir in der Vergangenheit ausgeübt haben“, sagte er und verwies auf die hohe Geschwindigkeit der Entwicklung. Ärztinnen und Ärzte müssten kontinuierlich in den Austausch mit den Entwicklern von KI-Systemen treten, um die Zukunft des eigenen Berufs nicht anderen zu überlassen, sondern sie aktiv mitgestalten. In diesem Zusammenhang sieht er die Selbstverwaltung in der Pflicht, das Tempo mitzubestimmen und Inhalte transparent in die Ärzteschaft zu kommunizieren. 

Moderator Dirk Schnack von der „Ärzte Zeitung“, der die Diskussion souverän moderierte, machte ein verändertes Selbstverständnis aus. Denn dieses Thema wäre früher sicher nur interärztlich besprochen worden. Nicht so diesmal: Daria Hunfeld, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants, positionierte sich zum Zusammenspiel der Ärzteschaft mit anderen Gesundheitsberufen. 

Komplexe ärztliche Tätigkeiten bleiben ihrer Aussage nach in ärztlicher Hand, „PAs übernehmen basale Routinetätigkeiten“. Die Weiterbildung sieht sie davon nicht beeinflusst. Reibung gebe es immer dann, wenn nicht klar sei, welche Aufgabe PAs wahrzunehmen hätten. Pflegerische Tätigkeiten gehörten nicht dazu, untermauerte Hunfeld. Sie plädierte, PA nicht inflationär einzusetzen, „sondern dort, wo ein PA-Need ist“. Sie wolle das Zusammenwirken weiter gemeinsam mit der Ärzteschaft verbessern. 

Emami warf die Frage auf, ob es angesichts der enormen Arbeitsverdichtung und der demografischen Entwicklung mit den steigenden Patientenzahlen sinnvoll sein könnte, die immense Arbeit umzuverteilen und gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen sowie mit technischen Lösungen zu bewältigen. Zugleich trat er dafür ein, stärker auf den ärztlichen Nachwuchs zu hören, wenn es darum geht, welche Aufgaben tatsächlich noch in ärztlicher Hand liegen sollten.

Handlungsbedarf bei Prävention und Pflegeheimen?

Prof. Dr. Iris Kesternich, Volkswirtin mit Schwerpunkt empirische Gesundheitsökonomie von der Universität Hamburg, sieht mit Blick auf den demografischen Wandel Handlungsbedarf in zwei Bereichen: Prävention und Pflegeheime. „Die Prävention ist ein total vernachlässigtes Thema“, kritisierte sie die politischen Akteure. In den Niederlanden habe man beispielsweise einmal ausprobiert, Ärztinnen und Ärzten ein Gesamtbudget für die Gesunderhaltung ihrer Patientinnen und Patienten zur Verfügung zu stellen. „Das hat besser funktioniert als finanzielle Anreize für die Patienten“, berichtete sie. Es gehe darum, dafür zu sorgen, dass Menschen im Alter möglichst lange selbstständig bleiben. Das würde die Kosten im Gesundheitssystem senken.

Selbst bei einer sofortigen Verbesserung der Prävention werden sich gemäß Kesternich künftig immer mehr Menschen in Pflegeheimen wiederfinden. Hier gelte es, eine gute Kooperation zwischen dem Heim und der Ärzteschaft zu schaffen. Ihre Prognose fiel jedoch düster aus: „Es wird einen extremen Mangel an Pflegepersonal und informell Pflegenden geben.“ 

Patientenkommunikation „um 180 Grad gedreht“

Zum Thema KI hatten die Teilnehmenden klare Ansichten. Die Gesellschaft stehe vor ethischen Fragen, da die KI die Medizin gerade am Ende des Lebens revolutioniere, was das System zunehmend verteuern werde. So hieß es: „Wir werden erleben, dass Menschen nicht nur einen Tumor überleben, sondern auch den zweiten und dritten.“ Als Gefahr wurde gesehen, dass Ärztinnen und Ärzte durch die zunehmende KI-Nutzung Basics verlernten und sich künftig nur noch auf das Tool verließen. Andererseits wünschte man sich Entlastung durch KI bei administrativen und bürokratischen Tätigkeiten.

„Durch KI hat sich meine Art, mit Patienten zu kommunizieren, in den letzten eineinhalb Jahren um 180 Grad gedreht“, beschrieb eine Teilnehmerin ihre Erfahrung. Patienten würden nahezu täglich ihre Daten in eine KI hochladen und die Ergebnisse dann vorlegen – nicht selten 30 Seiten. Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, wer für die KI-Empfehlungen haftet, wenn sie in dem von Hillen beschriebenen Umfang in der stationären Versorgung Einzug halten.

Die Veranstaltung zeigte, wie facettenreich die Diskussion um die Zukunft des ärztlichen Berufs unter Berücksichtigung der genannten Aspekte ist. Der MB Hamburg hat damit einmal mehr „einen Nerv getroffen“, zumal die Debatte damit erst angestoßen wurde, wie Katharina von der Heyde treffend feststellte. 

MBZ-Artikel im Original von Jörg Ziegler, gekürzt von Deliah Cavalli-Ritterhoff