Denn wer einem solchen Versprechen Glauben schenke und deshalb notwendige Medikamente absetze oder eine Behandlung hinauszögere, gefährde seine Gesundheit. Zugleich werde das Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte und in die medizinische Wissenschaft beschädigt. „Dann geht es nicht mehr nur um eine falsche Behauptung, dann wird aus Desinformation eine konkrete Gesundheitsgefahr“, unterstrich Johna.
Susanne Johna betonte, dass zwischen falschen Informationen und gezielter Desinformation unterschieden werden müsse. Wissenschaftliche Erkenntnisse könnten sich verändern, wenn neue Studien zu anderen Ergebnissen kämen. Das sei kein Zeichen für das Scheitern von Wissenschaft, sondern gehöre zu ihrem Wesen. Desinformation dagegen bedeute die bewusste Verbreitung falscher oder irreführender Informationen mit dem Ziel, Menschen zu täuschen.
Dahinter könnten politische Interessen stehen, die Schürung von Ängsten oder schlicht wirtschaftliche Motive. Gerade Anbieter vermeintlicher Wundermittel und wissenschaftlich nicht belegter Therapien könnten von der Verunsicherung profitieren.
Besonders gefährlich sei Desinformation für Menschen, die aufgrund einer schweren Erkrankung besonders empfänglich für einfache Lösungen seien. „Wir sollten deshalb nicht über leichtgläubige Patientinnen und Patienten sprechen“, machte Johna deutlich. Die Verantwortung liege vielmehr bei denjenigen, die Ängste bewusst ausnutzten.
Die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz verschärften das Problem. Fälschungen seien heute wesentlich schwerer zu erkennen als noch vor wenigen Jahren. Gleichzeitig könnten sich falsche Behauptungen über soziale Medien innerhalb kürzester Zeit millionenfach verbreiten. „Desinformation ist schnell, Evidenz ist langsam“, fasste Susanne Johna die besondere Herausforderung zusammen.
Umso wichtiger seien eine unabhängige Forschung und verlässliche wissenschaftliche Grundlagen. Evidenz entstehe nicht von selbst. Sie brauche sorgfältige Studienplanung, belastbare Datenerhebung, unabhängige Bewertung und die Veröffentlichung von Ergebnissen – auch dann, wenn diese nicht den Erwartungen entsprächen.
Auch die Ärzteschaft müsse Verantwortung übernehmen. Ärztliche Glaubwürdigkeit könne nicht nur durch gefälschte Videos missbraucht werden. Wer seine medizinische Autorität bewusst nutze, um wissenschaftlich nicht belegte oder gesundheitsgefährdende Behauptungen zu verbreiten, müsse sich dafür auch berufsrechtlich verantworten.
Für den ärztlichen Alltag bedeute Desinformation einen erheblichen zusätzlichen Aufwand. Ärztinnen und Ärzte müssten falsche Behauptungen korrigieren und verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Dafür brauche es Zeit. „Der zusätzliche Aufwand, der durch Desinformation entsteht, muss in einer bedarfsgerechten Personalbemessung berücksichtigt werden“, forderte Johna.
Gleichzeitig könnten Ärztinnen und Ärzte und Medizinstudierende in sozialen Medien einen wichtigen Beitrag leisten. Johna lobte den neuen jüngst erstmals vergebenen Medfluencer-Preis der beiden Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe als wichtiges Zeichen.
Ausgezeichnet wurden Ärzte und Medizinstudenten, die mit ihren wissenschaftsbasierten und verständlichen Informationen in den sozialen Medien gegensteuern. Beispiele, die Mut machen und dazu beitragen, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken. Sie erklärten wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich, ordneten neue Erkenntnisse ein und korrigierten falsche Behauptungen. Das sei wichtig – reiche allein aber nicht aus.
Auch die Betreiber digitaler Plattformen müssten Verantwortung übernehmen. Johna forderte schnelle Meldeverfahren für medizinische Deepfakes, eine transparente Kennzeichnung KI-generierter Inhalte und klare Regeln für kommerzielle Interessen in der Gesundheitskommunikation. Es dürfe nicht sein, dass Plattformen an der Verbreitung gesundheitsgefährdender Falschinformationen verdienten, während Patientinnen und Patienten und das Gesundheitssystem die Folgen tragen müssten.
Ihre zentrale Botschaft: „Wir müssen vor allem eins verteidigen: das Vertrauen darauf, dass medizinische Empfehlungen nicht von politischen Interessen, wirtschaftlichen Erwartungen oder der Lautstärke öffentlicher Debatten bestimmt werden, sondern von der evidenzbasierten Medizin und dem Fokus auf das Wohl unserer Patientinnen und Patienten“, schloss Johna.
