Prof. Baethge betonte zunächst die Bedeutung einer wissenschaftlichen Grundlage für das Vertrauen in die Medizin. Eine Entwicklung lasse sich dabei auch an der Zusammensetzung der Autorenschaft des Deutschen Ärzteblatts ablesen.
Während der Frauenanteil unter den Autorinnen und Autoren wissenschaftlicher Beiträge 1957 noch bei null Prozent gelegen habe, seien es bei den Erstautorinnen 2007 rund 17 Prozent gewesen. Heute liege ihr Anteil bei etwa 40 Prozent.
Gleichzeitig sei in den vergangenen Jahren eine gewisse Stagnation zu beobachten. Dies entspreche einer Entwicklung, die auch in anderen Bereichen der Medizin sichtbar werde: Der Frauenanteil unter den Studierenden sei inzwischen hoch, in Leitungspositionen steige er dagegen deutlich langsamer.
Im Mittelpunkt seines Vortrags standen anschließend drei Thesen zum Verhältnis von Wissenschaft und Desinformation.
Erste These: Das Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte beruht wesentlich auf der wissenschaftlichen Grundlage der Medizin.
Umfragen zeigten, dass Ärztinnen und Ärzte sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland weiterhin ein hohes Vertrauen genössen. Für Prof. Baethge ist dies allerdings nicht nur ein Vertrauensvorschuss, sondern zugleich eine Verpflichtung. „Medizinische Aussagen müssen auf Evidenz beruhen und sich einem wissenschaftlichen Verfahren stellen.“ Fehler seien dabei unvermeidbar. Entscheidend sei vielmehr, dass wissenschaftliche Annahmen überprüft und gegebenenfalls korrigiert würden.
Zweite These: Die Informationsflut begünstigt Desinformation.
Baethge verwies auf die enorme Menge wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Allein in die medizinische Datenbank Medline würden inzwischen jährlich rund zwei Millionen neue wissenschaftliche Artikel aufgenommen. Niemand könne diese Informationsmenge vollständig überblicken. Hinzu kämen soziale Medien, Pressemitteilungen, Werbung und weitere interessengeleitete Informationen.
Die Folge sei eine zunehmende Erschöpfung auf Seiten derjenigen, die Informationen aufnehmen und vermitteln müssten. „Es wird immer schwieriger, relevante wissenschaftliche Informationen von falschen oder irreführenden Aussagen zu unterscheiden“, bilanziert Baethge.
Desinformation funktioniere dabei häufig über Wiederholung und Emotionalisierung. Sie könne den wissenschaftlichen Diskurs schwächen und das Vertrauen in Institutionen beschädigen. „Wissenschaft dagegen beruht auf Regeln: Behauptungen müssen belegt und überprüfbar sein.“ Wenn diese Regeln nicht mehr gälten, drohe sich am Ende derjenige durchzusetzen, der am lautesten auftrete.
Dritte These: Desinformation ist häufig interessengeleitet.
Baethge warnte zugleich davor, hinter jeder Falschinformation eine Verschwörung zu vermuten. Dennoch könne die Frage „Wem nützt es?“ helfen, Informationen kritisch einzuordnen. Auch im Gesundheitswesen gebe es unterschiedliche Interessen – etwa von Kostenträgern, Krankenhäusern, Berufsverbänden oder der Pharmaindustrie. Gerade bei medizinischen Fortbildungen und Informationen müssten mögliche Interessenkonflikte deshalb transparent sein.
Eine besondere Verantwortung sieht Prof. Baethge bei den Fachmedien. Sie könnten in der Informationsflut Orientierung schaffen, wissenschaftliche Qualität bewerten und Informationen für ihre Zielgruppen einordnen. Künstliche Intelligenz werde künftig möglicherweise helfen, große Informationsmengen zu strukturieren. Die entscheidende Bewertung könne sie jedoch nicht übernehmen.
Am Ende stehe deshalb die Verantwortung jedes Einzelnen. „Es geht darum, aufmerksam und kritisch zu lesen und immer wieder zu fragen: Woher stammt eine Information? Ist sie wissenschaftlich belegt? Wem nützt sie? Und entspricht sie den Interessen der Patientinnen und Patienten?“
Auch die Wissenschaftler selbst seien gefordert. Manuskripte müssten sorgfältig erstellt, Beiträge gewissenhaft begutachtet und journalistische Inhalte verantwortungsvoll aufbereitet werden. Zugleich brauche es für Fachzeitschriften gute Produktionsbedingungen und redaktionelle Unabhängigkeit.
Baethges Schlussfolgerung war deshalb eindeutig: „Desinformation geht uns alle an.“ Die wissenschaftliche Grundlage der Medizin zu bewahren und das Vertrauen in sie zu schützen, sei keine Aufgabe einzelner Institutionen. Es handle sich vielmehr um eine gemeinsame Verantwortung von Wissenschaft, Medizin, Fachmedien und jedem Einzelnen.
