„Versorgung sichern heißt Demokratie stärken.“

Dr. med. Susanne Johna: "Das Vertrauen in das Gesundheitswesen hat bereits gelitten.
07.November 2026
Die Zukunft des Gesundheitswesens darf nicht allein unter dem Gesichtspunkt der Ausgabenbegrenzung diskutiert werden, erklärte die Vorsitzende des Marburger Bundes, Dr. med. Susanne Johna, am zweiten Tag der 148. Hauptversorgung in Berlin. Ein leistungsfähiges Gesundheitswesen sei Teil der Daseinsvorsorge und müsse deshalb politische Priorität haben. „Die Menschen wollen sich darauf verlassen können, dass ihnen im Krankheits- und Pflegefall verlässlich geholfen wird.“
Dr. Susanne Johna: Die Vorsitzende des Marburger Bundes legte in Berlin ihren aktuellen Bericht zur Lage vor.
Dr. Susanne Johna: Die Vorsitzende des Marburger Bundes legte in Berlin ihren aktuellen Bericht zur Lage vor.

Wie sehr dieses Vertrauen bereits gelitten hat, zeige der aktuelle Gesundheitsmonitor: Nur noch 62 Prozent der Bevölkerung bewerteten das Gesundheitswesen und die gesundheitliche Versorgung als gut oder sehr gut. Zwischen 2012 und 2022 hatte dieser Wert noch durchgehend über 80 Prozent gelegen. Gleichzeitig stehe die Bevölkerung weiterhin klar hinter dem Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung. Rund drei Viertel unterstützten es.

„Die Menschen stehen zu diesem wesentlichen Grundprinzip und erwarten, dass es im Alltag funktioniert – in der ambulanten und stationären Versorgung und erst recht im Notfall“, betonte Dr. Johna. Wo ärztliche Hilfe immer schwerer erreichbar sei, könne aus Enttäuschung über politische Entscheidungen Wut entstehen. „Versorgung sichern heißt Demokratie stärken.“

Besonders kritisch äußerte sich Dr. Johna zur Präventionspolitik. Seit Jahren werde über eine Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke diskutiert, ohne dass es vorangehe. Berichte über eine weitere Verschiebung oder ein mögliches Scheitern seien nicht mehr nachvollziehbar. „Wer es mit Prävention ernst meint, muss auch den Mut haben, sich gegen wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.“

Auch beim Hitzeschutz sieht Dr. Johna erheblichen Handlungsbedarf. In den vergangenen Sommermonaten hätten Ärztinnen und Ärzte auf überhitzten Stationen gearbeitet. Für Patientinnen und Patienten seien Zimmer ohne Beschattung und Kühlung eine erhebliche Belastung gewesen. „Ein Krankenhaus muss Gesundheit schützen, auch bei Hitze.“ Dass notwendige Investitionen über Jahre ausgeblieben seien, dürfe nicht so bleiben.

Mit Blick auf die Krankenhausreform warnte Dr. Johna zugleich vor Folgen für die ärztliche Weiterbildung. Wenn Leistungen auf weniger Standorte konzentriert würden, könnten einzelne Kliniken nicht mehr das gesamte Spektrum anbieten. Deshalb brauche es rechtssichere Weiterbildungsverbünde mit verbindlichen Rotationen, geregelter Anleitung und gesicherter Finanzierung. „Wer eine Weiterbildung beginnt, der muss doch wissen, wo und unter welchen Bedingungen er sie auch abschließen kann.“

Scharfe Kritik übte Susanne Johna außerdem am Verzicht auf verbindliche Instrumente zur ärztlichen Personalbemessung. Mit dem Instrument der Bundesärztekammer liege eine valide Grundlage vor. Stattdessen bleibe es bei einer unverbindlichen Verpflichtung zu einer ausreichenden Personalbesetzung. „Das ist ein Trauerspiel.“

Auch die zunehmende wirtschaftliche Steuerung der medizinischen Versorgung bereite Sorge. Ärztliche Entscheidungen müssten sich am medizinischen Bedarf orientieren und dürften keinen sachfremden Weisungen unterliegen. Johna warnte davor, dass der wirtschaftliche Druck die ärztliche Unabhängigkeit zunehmend beeinträchtige.

Gleichzeitig forderte sie einen echten Bürokratieabbau. Den angekündigten Abbau von Kontrollen und die Abkehr von einer „Misstrauenskultur“ begrüße sie grundsätzlich. Den vorliegenden Gesetzentwurf bezeichnete Johna jedoch als unzureichend. Steigende Prüfquoten bei Krankenhausabrechnungen könnten zusätzliche Stellen für Kontrolle und Abrechnung erforderlich machen. „Um zu sparen, wird also medizinisches Personal entlassen und Controller eingestellt. Dieser Wahnsinn muss doch mal ein Ende haben.“

Trotz schwieriger Rahmenbedingungen sieht Dr. Susanne Johna den Marburger Bund gut aufgestellt. Der Verband habe inzwischen mehr als 150.000 Mitglieder. Entscheidend sei die Geschlossenheit der Ärztinnen und Ärzte. „Wir wissen, was medizinisch nötig ist. Wir kennen die Arbeitsbedingungen aus eigener Erfahrung und wir haben die gewerkschaftliche Kraft, Veränderungen durchzusetzen.“

Johnas abschließender Appell galt den Mitgliedern: Sie sollten sich bei arbeitsrechtlichen Konflikten und geplanten Stellenkürzungen frühzeitig Unterstützung holen. Denn die bevorstehenden Veränderungen würden den Marburger Bund als Berufsverband und Gewerkschaft fordern. „Unseren Mitgliedern gibt es Rückhalt, wenn sie wissen, dass ihr Verband an ihrer Seite ist.“