Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung setzen auch Ärztinnen und Ärzte in Sachsen massiv unter Druck. Das zeigt eine nun veröffentlichte Mitgliederbefragung des Marburger Bundes. Bundesweit beteiligten sich 9.073 angestellte Ärztinnen und Ärzte, darunter 549 aus Sachsen. Viele von ihnen erleben wiederholt Übergriffe, häufig durch männliche Vorgesetzte.
46 Prozent der MB-Mitglieder in Sachsen, die sich an der Umfrage beteiligt haben, erlebten in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte. 48 Prozent der Betroffenen erleben ihn mehrmals im Jahr, 32 Prozent mehrmals im Monat und 15 Prozent mehrmals in der Woche. Überwiegend geht der Machtmissbrauch von ärztlichen Vorgesetzten aus. Meist handeln Männer. Bundesweit berichten 49 Prozent von persönlich erlebtem Machtmissbrauch, 51 Prozent von Zeugenschaft.
Am häufigsten zeigt sich Machtmissbrauch auch in Sachsen in einem respektlosen und herablassenden Umgangston. An zweiter Stelle folgt die grundlose Infragestellung der fachlichen Kompetenz, und am dritthäufigsten kommen Mobbing oder öffentliche Bloßstellung vor, zum Beispiel vor dem Team oder vor Patienten. Nur knapp ein Viertel der Betroffenen in Sachsen hat den selbst erlebten Machtmissbrauch gemeldet. Mehr als die Hälfte dieser Hinweise blieb folgenlos. Viele verzichteten darauf, weil sie keine wirksamen Konsequenzen erwarten, berufliche Nachteile fürchten oder keine vertrauliche Meldemöglichkeit sehen. Die Folgen treffen die Betroffenen direkt: 81 Prozent nennen emotionale Erschöpfung und anhaltende Anspannung, 75 Prozent verminderte Arbeitsmotivation, 60 Prozent wollen die Abteilung oder Klinik wechseln, 44 Prozent denken daran, die stationäre Versorgung zu verlassen.
„Wo Ärztinnen und Ärzte Hierarchien im Krankenhaus ausnutzen und ihre Macht missbrauchen, schaden sie Kolleginnen und Kollegen und gefährden damit die Patientenversorgung. Krankenhäuser müssen Grenzverletzungen konsequent verfolgen, Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen und Betroffene besser schützen und unterstützen“, fordert Torsten Lippold, Erster Vorsitzender MB Sachsen.
Auch sexuelle Belästigung ist für die Befragten ein ernstes Problem am Arbeitsplatz. Die Befragung erfasst unter anderem sexualbezogene Kommentare oder Sprüche, unerwünschte Gespräche mit sexuellem Inhalt, aufdringliche Blicke oder Gesten, unerwünschte Nachrichten, körperliche Nähe und Berührungen bis hin zu körperlichen Übergriffen, sexueller Nötigung oder Vergewaltigung. 68 sächsische Ärztinnen und Ärzte, die sich an der Umfrage beteiligt haben, berichten von entsprechenden Übergriffen in den vergangenen zwölf Monaten. 5 von ihnen erleben solche Übergriffe mehrmals in der Woche, 19 mehrmals im Monat, 38 mehrmals im Jahr und für lediglich sechs der 68 Betroffenen war dies im vergangenen Jahr ein einmaliger Vorfall.
In den offenen Antworten schildern die Befragten aus Sachsen, dass sich Machtmissbrauch und sexualisierte Grenzverletzungen dort verfestigen, wo berufliche Abhängigkeiten bestehen und wirksame Gegenmaßnahmen fehlen. Viele Betroffene belastet besonders, dass sie keine wirksame Hilfe erwarten und sich dem System ausgeliefert fühlen.
„Sexuelle Belästigung im Rahmen ärztlicher Arbeitsverhältnisse darf für die Täter nicht folgenlos bleiben oder berufliche Nachteile für die Betroffenen bedeuten. Jeder Fall muss aufgeklärt werden. Wir ermutigen betroffene Ärztinnen und Ärzte, ihren Fall bei den zuständigen Stellen zu melden. Das sind neben Betriebsrat und Personalabteilung des Klinikums auch die Landesärztekammer und der Marburger Bund“, sagt Steffen Forner, Geschäftsführer MB Sachsen, und ergänzt: „Krankenhäuser brauchen eine Führungskultur, die Macht begrenzt und Grenzüberschreitungen konsequent aufarbeitet“.
Weiterführende Informationen: Strukturelles Problem im Krankenhaus: Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung | Marburger Bund Bundesverband
- Gesamtauswertung – MB-Befragung-2026 – Sachsen.pdf(489.0 KB, PDF)
