Krankenhäuser müssen konsequent gegen Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung vorgehen

Pressemitteilung
Marburger Bund für vertrauliche Anlaufstellen, bessere Meldemöglichkeiten und neue Führungsmodelle
10.Mai 2026
Die 147. Hauptversammlung des Marburger Bundes hat sich mit großer Mehrheit für umfassende Maßnahmen gegen Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung in den Krankenhäusern ausgesprochen. Grundlage der Beschlüsse ist eine bundesweite Mitgliederbefragung des Marburger Bundes vom Februar/März dieses Jahres, an der mehr als 9.000 angestellte Ärztinnen und Ärzte teilgenommen haben.
147. Hauptversammlung des Marburger Bundes
147. Hauptversammlung des Marburger Bundes

Die Umfrage zeigt, dass Grenzüberschreitungen häufig wiederholt auftreten und bei Betroffenen zu erheblichen persönlichen und beruflichen Belastungen führen. Ein großer Teil der Vorfälle wird nicht gemeldet. Gründe dafür sind insbesondere mangelndes Vertrauen in wirksame Konsequenzen, die Sorge vor beruflichen Nachteilen sowie fehlende unabhängige und vertrauliche Anlaufstellen.

„Die Ergebnisse der Mitgliederbefragung sind beschämend für ein System, das auf Vertrauen angewiesen ist“, heißt es im Beschluss der Hauptversammlung. Begünstigt würden solche Vorfälle durch überkommene hierarchische Strukturen, persönliche Abhängigkeiten und problematische Führungskulturen im Klinikbetrieb.

Die Hauptversammlung fordert Krankenhausträger, Politik und weitere Akteure im Gesundheitswesen auf, wirksame Konsequenzen zu ziehen. Krankenhäuser müssten gemeinsam mit ihren Beschäftigten Leitbilder entwickeln, die ein klares Bekenntnis zum Schutz der Mitarbeitenden enthalten und eine Kultur schaffen, in der Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung nicht toleriert werden. Meldungen durch Betroffene und Zeugen müssten ausdrücklich erwünscht sein.

Notwendig seien flächendeckend eingerichtete und öffentlich bekannte Beschwerdestellen in allen Krankenhäusern, die organisatorisch unabhängig von den Geschäftsführungen arbeiten und für Beschäftigte vertrauenswürdig erreichbar sein müssen. Ergänzend dazu sollen zusätzliche anonyme Meldemöglichkeiten geschaffen werden, da die bestehenden Hinweisgeberschutzsysteme vollständige Anonymität häufig nicht gewährleisten.

Zugleich fordert die Hauptversammlung eine verbindliche Zusammenarbeit von Mitarbeitervertretungen, Beschwerdestellen und Klinikleitungen bei Prävention, Beratung und Aufarbeitung von Vorfällen. Regelmäßige betriebsinterne Informations- und Sensibilisierungsmaßnahmen sollen ebenso verpflichtend werden wie Fortbildungsangebote zu Teamkultur, Konfliktmanagement und innerbetrieblichen Meldestrukturen. Mitarbeitervertretungen müssten hierfür gezielt geschult werden.

Darüber hinaus spricht sich die Hauptversammlung für eine systematische Qualifizierung von ärztlichen Führungskräften im Hinblick auf Teamfähigkeit und professionelle Führung aus. Hierzu gehören obligatorische Trainings ebenso wie neue Konzepte zur Reduzierung hierarchischer Abhängigkeiten und zur Förderung kooperativer Arbeitsformen. Alternative Führungsmodelle wie Jobsharing oder Topsharing sowie Tandemmodelle zwischen jüngeren und erfahrenen Ärztinnen und Ärzten sollen stärker berücksichtigt werden.

Außerdem fordert die Hauptversammlung diskriminierungsfreie und transparente Nachbesetzungsverfahren für ärztliche Führungspositionen, insbesondere an Universitätsklinika. Dabei sollen innovative Auswahlverfahren etabliert werden, die neben der fachlichen Eignung auch persönliche und soziale Kompetenzen berücksichtigen.