Unter dem Motto „Deine Ideen. Unser Tarifvertrag.“ hatte der Marburger Bund zu diesem neuen Beteiligungsformat eingeladen. Ziel war es, die Erfahrungen der Mitglieder unmittelbar in den tarifpolitischen Diskurs einzubringen und damit die Vorbereitung der nächsten Weiterentwicklung des Tarifvertrags für Ärztinnen und Ärzte an Universitätskliniken in der Tarifrunde mit der TdL Mitte nächsten Jahres zu bereichern.
Mehr als 100 Ärztinnen und Ärzte gestalten den Dialog
Über 100 Ärztinnen und Ärzte aus den Universitätskliniken nahmen an dem Wochenende teil. Die Zusammensetzung spiegelte die Vielfalt der Mitgliedschaft wider: Mitglieder der Verhandlungskommission für den TV-Ärzte, Personalratsmitglieder, Dienstplanverantwortliche, langjährig gewerkschaftlich Engagierte ebenso wie Kolleginnen und Kollegen, die bislang kaum gewerkschaftlich aktiv waren oder sich vom Marburger Bund zuletzt nicht ausreichend wahrgenommen fühlten.
Gerade diese Mischung erwies sich als besondere Stärke des Formats. Unterschiedliche Erfahrungen aus den Kliniken, verschiedene Verantwortungsbereiche und Blickwinkel trafen aufeinander und ermöglichten einen offenen Austausch auf Augenhöhe.
Die Atmosphäre war von Beginn an offen, konzentriert und von großer Diskussionsfreude geprägt. Kaum jemand scheute sich, ans Mikrofon zu treten oder eigene Themen einzubringen. Nach der kurzen Einführung füllte sich die Pinnwand innerhalb von rund 30 Minuten vollständig – ein sichtbares Zeichen dafür, wie groß das Bedürfnis war, die eigenen Erfahrungen einzubringen.
Die Mitglieder bestimmten die Agenda
Anders als bei klassischen Tagungen gab es keine vorab festgelegte Tagesordnung. Die Themen entstanden ausschließlich aus den Vorschlägen der Teilnehmenden. Anschließend arbeiteten die Gruppen weitgehend selbstorganisiert. Zwei Moderatoren begleiteten den Ablauf und sorgten für den organisatorischen Rahmen, griffen in die inhaltlichen Diskussionen jedoch nicht ein.
Je nach Thema diskutierten Gruppen mit drei bis zu etwa zwanzig Personen. Zwar sah das Open-Space-Prinzip ausdrücklich vor, zwischen den einzelnen Gesprächsrunden zu wechseln, viele Teilnehmende blieben jedoch bewusst bei einem Thema, wenn sie dort einen intensiven fachlichen Austausch erlebten oder eigene Erfahrungen einbringen konnten. So entstanden Diskussionen, die häufig weit über den ursprünglich vorgesehenen Rahmen hinausgingen.
Bekannte Themen – neue Perspektiven
Die rund 50 eingebrachten Themen spiegelten nahezu die gesamte Bandbreite der tarifpolitischen Arbeit an Universitätskliniken wider. Vieles davon begegnet dem Marburger Bund seit Jahren in Tarifverhandlungen, der Beratung seiner Mitglieder oder in der täglichen Personalratsarbeit.
Einen breiten Raum nahmen Fragen der Arbeitszeitgestaltung ein. Diskutiert wurden unter anderem Arbeitszeiterfassung, Mehrarbeit, Flexibilisierung der Arbeitszeit, Dienstplanung sowie die Grenzen und Einsatzmöglichkeiten von Rufbereitschaft und Bereitschaftsdienst. Ebenso standen Belastungsobergrenzen, kurzfristiges Ausfallmanagement und die konsequente Umsetzung gesetzlicher und tarifvertraglicher Arbeitszeitregelungen im Mittelpunkt zahlreicher Gespräche.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und persönlicher Lebensplanung. Teilzeitmodelle, individuelle Auszeiten, Arbeitszeitkonten, Ausgleichsregelungen für besonders belastende Arbeitszeiten sowie Strategien gegen Überlastung, moralischen Stress und Burnout wurden ebenso diskutiert wie die Frage, wie ärztliche Tätigkeit langfristig attraktiv gestaltet werden kann.
Daneben wurden auch grundsätzliche Fragen der Tarifpolitik diskutiert. Wie verständlich muss ein Tarifvertrag sein? Welche Erwartungen kann er überhaupt erfüllen? Welche Themen gehören in Tarifverhandlungen – und welche nicht? Mehrfach wurde der Wunsch geäußert, den Tarifvertrag klarer, verständlicher und einfacher zu gestalten, damit seine Regelungen im Klinikalltag leichter angewendet und vermittelt werden können.
Unterschiedliche Interessen sichtbar machen
Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Wochenendes war, dass Tarifpolitik selten einfache Antworten bereithält. Gerade bei Themen wie Arbeitszeit, Flexibilität oder Dienstplanung wurde sichtbar, dass unterschiedliche Arbeitsrealitäten zu teilweise gegensätzlichen Erwartungen führen. Was für die eine Klinik oder Abteilung sinnvoll ist, kann an anderer Stelle den Wunsch nach verbindlicheren Regelungen und größerer Planbarkeit auslösen. Beide Positionen sind nachvollziehbar – und genau darin liegt die Herausforderung tarifpolitischer Arbeit.
Gerade diese unmittelbare Begegnung unterschiedlicher Perspektiven machte den besonderen Wert des Open Space aus. Tarifpolitik wurde nicht abstrakt diskutiert, sondern anhand konkreter Erfahrungen aus dem Klinikalltag. So entstand bei vielen Teilnehmenden ein noch besseres Verständnis dafür, warum gute Tarifverträge stets das Ergebnis sorgfältiger Abwägungen unterschiedlicher Interessen sind.
Trotz kontroverser Diskussionen blieb die Atmosphäre während des gesamten Wochenendes konstruktiv. Unterschiedliche Auffassungen wurden nicht als Hindernis verstanden, sondern als Ausgangspunkt für einen gemeinsamen Suchprozess.
Ein Wochenende mit Wirkung über Frankfurt hinaus
Nach zwei intensiven Tagen kamen alle Teilnehmenden noch einmal im Plenum zusammen. In einer gemeinsamen Abschlussrunde berichteten sie von ihren wichtigsten Erkenntnissen und Erfahrungen aus den Arbeitsgruppen. Besonders hervorgehoben wurden die Offenheit der Diskussionen, der respektvolle Umgang miteinander und die Möglichkeit, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Universitätskliniken kennenzulernen und deren Perspektiven besser zu verstehen.
Wie nachhaltig das Wochenende wirkte, brachte ein Teilnehmer mit einem Satz auf den Punkt: „Ich hatte mit dem Marburger Bund bisher nichts zu tun – der Open Space hat mich radikalisiert.“ Gemeint war damit die neu gewonnene Motivation, sich künftig aktiv in die gewerkschaftliche Arbeit einzubringen – eine Rückmeldung, die stellvertretend für viele positive Eindrücke stand.
Großen Dank erhielt das Open-Space-Team, das den organisatorischen Rahmen geschaffen und den Beteiligungsprozess professionell begleitet hatte. Gleichzeitig wurden zu allen Themen Kurzprotokolle erstellt und den Teilnehmenden zur Verfügung gestellt, sodass die Ergebnisse unmittelbar in die weitere Arbeit einfließen können.
Besonders positiv wurde das Präsenzformat bewertet. Viele Teilnehmende betonten den Wert des persönlichen Austauschs. Gerade diese Form der Basisarbeit, das gemeinsame Diskutieren ohne Zeitdruck und das Kennenlernen unterschiedlicher Arbeitsrealitäten an den Universitätskliniken wurden als großer Gewinn empfunden. Der Wunsch, diesen Dialog dauerhaft fortzusetzen, zog sich durch zahlreiche Rückmeldungen in der Abschlussrunde.
Der Open Space war zugleich der Auftakt eines längerfristig angelegten Beteiligungsprozesses. Die zahlreichen Diskussionen und Anregungen sollen nun systematisch ausgewertet und bei der Vorbereitung der nächsten Tarifrunde mit der Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) berücksichtigt werden. Sie ergänzen die Arbeit der zuständigen Gremien und der Verhandlungskommission um die Erfahrungen und Perspektiven der Mitglieder aus den Universitätskliniken.
Zu den zentralen Erkenntnissen des Wochenendes gehörte die gemeinsame Überzeugung, dass gute Arbeitsbedingungen eine entscheidende Voraussetzung für die Zukunft der Universitätsmedizin sind. Ebenso bestand Einigkeit darüber, dass tarifpolitische Verbesserungen einer sorgfältigen Vorbereitung, einer breiten Unterstützung durch die Mitgliedschaft und – wenn erforderlich – auch der Bereitschaft zu konsequentem gewerkschaftlichem Handeln bedürfen.
Diskutiert wurde auch die Rolle des Marburger Bundes selbst. Viele Teilnehmende wünschten sich mehr Möglichkeiten zur Mitwirkung, eine stärkere Einbindung der Mitglieder in die Entwicklung tarifpolitischer Forderungen sowie einen schnelleren und niedrigschwelligeren Zugang zu Informationen über tarifliche und arbeitsrechtliche Zusammenhänge. Immer wieder angesprochen wurde zudem der Wunsch, Machtgefälle und Machtmissbrauch im Klinikalltag konsequent entgegenzuwirken.
Mit dem beendeten Open Space endet dieser Beteiligungsprozess deshalb nicht. In kleineren Arbeitskreisen werden einzelne Fragestellungen weiter vertieft. Ein Multiplikatorenprogramm soll den Austausch zwischen den Mitgliedern an den Universitätskliniken stärken, ein regelmäßiger Jour fixe der Mitglieder an den Universitätskliniken den begonnenen Dialog dauerhaft fortsetzen. Bereits am 11. November wird ein Follow-up-Open-Space die Diskussionen in Frankfurt aufgreifen und weiterführen.
Der erste Open Space des Marburger Bundes hat damit eindrucksvoll gezeigt, wie groß das Interesse der Mitglieder ist, ihre Erfahrungen aktiv in die tarifpolitische Arbeit einzubringen. Aus den vielen Themen, Ideen und Diskussionen ist ein Beteiligungsprozess entstanden, der die Arbeit der tarifpolitischen Gremien ergänzt und wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung des TV-Ärzte liefern soll. Die leere Pinnwand zu Beginn des Wochenendes war nach kurzer Zeit gefüllt – nun gilt es, die dort entstandenen Ideen gemeinsam weiterzuentwickeln und Schritt für Schritt in die tarifpolitische Arbeit einfließen zu lassen.
Neugierig geworden? Das Video und die Bildergalerie geben einen Eindruck von einem Wochenende voller Ideen, Austausch und neuer Impulse.
