Gesundheit entsteht lange vor dem Arztbesuch. Sie wird geprägt in Kitas und Schulen, in Betrieben und Quartieren sowie durch politische Rahmenbedingungen. Prävention ist daher keine individuelle Zusatzaufgabe, sondern eine zentrale gesundheitspolitische Gestaltungsfrage, so die übereinstimmende Auffassung der Fachleute.
„Ich würde mir eine klare politische Vorgabe wünschen, dass mehr investiert wird, sowohl in Primärprävention als auch in Sekundär- und Tertiärprävention“, sagte Dr. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes. „Auch die Menschen, die schon krank sind, brauchen Prävention. Und jeden Pflegestufengrad, den wir bei Menschen vermeiden können, die schon schwerer erkrankt sind, ist ein Riesengewinn für die Betroffenen, auch wenn sie dann immer noch weit von Gesundheit entfernt sind. Aber sie haben ein Stück Selbstständigkeit und mehr Teilhabe am Leben.“
Dr. Gisela Nellessen-Martens, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung, plädierte für eine grundsätzliche Neuausrichtung der Gesundheitsversorgung an den Maßstäben der Prävention: „Mein großes Problem ist, dass wir immer Prävention und Gesundheitsförderung von der Krankheit aus denken. Wenn wir Früherkennung machen, dann versuchen wir Krankheit früh zu erkennen. Wir versuchen Risikofaktoren zu identifizieren – wir schaffen aber keine Gesundheit. Also ist Gesundheit zu stärken auch eine Investition, um Krankheitskosten zu vermeiden und aus diesem Reparaturbetrieb herauszukommen.“
Der Bundestagsabgeordnete Johannes Wagner, Mitglied im Gesundheitsausschuss und Berichterstatter für Public Health, Gesundheitsförderung und Prävention der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, wies auf politische Maßnahmen jenseits der klassischen Pfade hin: „Der große Hebel ist für mich die Politik und die Verhältnisprävention, und da braucht es jetzt mutige Schritte“, sagte Wagner mit Blick auf die Möglichkeiten durch erhöhte Abgaben auf Tabak und Alkohol sowie eine Zuckersteuer. Hier komme es aber auch darauf an, dass beispielsweise die Agrar- und Ernährungspolitik ihre Verantwortung wahrnehme.
Oliver Huizinga, Abteilungsleiter Prävention des AOK-Bundesverbandes, warb für einen rechtlichen Rahmen, der Krankenkassen eine direkte Ansprache ihrer Mitglieder mit Blick auf individualisierte Präventionsleistungen ermöglicht: „Was uns sehr, sehr helfen würde, ist nicht die Frage, wie viele Mittel wir zur Verfügung haben, sondern wie wir gezielt eine Lotsenfunktion wahrnehmen können. Gerade bei den Gesundheitskursen ist es so: Wir können gar nicht gezielt auf Versicherte zugehen, zum Beispiel auf die, die sich häufiger wegen unspezifischer Rückenschmerzen krankmelden und ihnen ein gutes Angebot machen, zum Beispiel einen Pilates-Kurs, der nachweislich gegen Rückenschmerzen hilft. Diese individualisierte, personalisierte Ansprache ist uns nicht erlaubt. Das sind Tools, die wir tatsächlich brauchen. Dazu bedarf es anderer rechtlicher Rahmenbedingungen. Und dann könnten wir auch die Mittel, die wir haben, viel gezielter und besser einsetzen, wirklich dort, wo der Bedarf am Größten ist.“
Das Video der Sendung finden Sie hier auf der Website des Marburger Bundes.
