„Gute Weiterbildung braucht Zeit – und passiert nicht nebenbei“

Interview
15.Mai 2026
Hamburg
Dr. Kathrin Schawjinski und Dr. Peter Buggisch engagieren sich in der Ärztekammer Hamburg für eine qualitativ hochwertige Weiterbildung. Im Interview sprechen sie über aktuelle Entwicklungen.
Dr. Peter Buggisch und Dr. Kathrin Schawjinski sprechen über Weiterbildung
Dr. Peter Buggisch und Dr. Kathrin Schawjinski sprechen über Weiterbildung

Was hat sich in den letzten vier Jahren in der ärztlichen Weiterbildung verändert? Wo sehen Sie Fortschritte, wo weiterhin Defizite?

Dr. Peter Buggisch: Ich glaube, dass die Bilanz unterschiedlich ausfällt. Einerseits ist es gelungen, eine neue kompetenzbasierte Weiterbildungsordnung einzuführen und das eLogbuch als Dokumentationsplattform zu etablieren. Andererseits werden viele Selbstverständlichkeiten wie regelmäßige Jahresgespräche oder das Befolgen eines Weiterbildungsplanes häufig immer noch nicht umgesetzt.

Dr. Kathrin Schawjinski: Wir sehen zunehmend mehr Weiterbildungsverbünde und Vernetzungen zwischen dem ambulanten und stationären Bereich. Mit der Weiterbildungsordnung 2020 hat sich das Spektrum etwas verschoben, sodass Kompetenzen flexibler erworben werden können. Uns ist vor allem wichtig, dass sich die Weiterbildung generell stärker an den Bedürfnissen der Weiterzubildenden anpasst. 

Um die Qualität, die Strukturen und die Systematik der Weiterbildung weiter zu optimieren, haben wir in Hamburg 2023 erneut eine Evaluation der Weiterbildung unter den Ärztinnen und Ärzten ohne Facharzttitel durchgeführt und wollen dies in verbesserter Form auch im Herbst erneut tun. Unbedingt mitmachen – damit lässt sich die Weiterbildung verbessern! 

Der Marburger Bund fordert, dass die Krankenhausreform die ärztliche Weiterbildung mitdenkt. Wie ist hier der aktuelle Stand? 

Buggisch: Durch die Krankenhausreform wird es noch wichtiger, die eben erwähnten Kooperationen zur Weiterbildung einzugehen und sektorenübergreifende Verbünde zur Weiterbildung zu schaffen. Die Ärztekammer versucht hier Hilfestellung zu leisten. Leider wird aber von der Politik nicht berücksichtigt, dass Weiterbildung gerade auch in Kooperationsmodellen Geld kostet. Ohne finanzielle Förderung laufen tolle Projekte zwischen Praxen und Krankenhäusern leicht ins Leere.

Schawjinski: Ganz genau. Entscheidend ist dafür auch eine ausreichende Personalausstattung in den Krankenhäusern. Dafür haben wir beispielsweise ein digitales Personalbemessungssystem auf dem Ärztetag eingebracht, welches die Weiterbildung mitberücksichtigt. Gute Weiterbildung braucht Zeit – und passiert nicht nebenbei. Gerade im Hinblick auf die anstehende Rentenwelle ist eine gute ärztliche Weiterbildung wichtiger denn je. 

Tatsächlich wurde der Aspekt der Personalbemessung im Koalitionsvertrag aufgenommen, aktuell merkt man davon aber ehrlicherweise wenig. Man hat bei dieser Krankenhausreform leider immer wieder das Gefühl, dass das alles relativ kopf- und wahllos erfolgt – und die Ärzteschaft kaum miteinbezogen wird. Der Austausch auf Länderebene mit den politischen Verantwortlichen ist da erfreulicherweise konstruktiver. 

Was braucht es, damit die Verzahnung mehrerer Weiterbildungsstätten gut funktioniert?

Schawjinski: Seit 2024 baut die Ärztekammer Hamburg ein Weiterbildungsregister auf. Das sorgt für mehr Transparenz und Effizienz.

Buggisch: Für die Weiterbildung über mehrere Standorte müssen vor allem klare vertragliche Regelungen und Verantwortlichkeiten bestehen. Nur vage Absichtserklärungen reichen nicht. Feste Rotationspläne helfen darüber hinaus, eine Verbindlichkeit zu schaffen und machen es leichter für die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung. 

Der Marburger Bund Hamburg hat im vergangenen Jahr eine Debatte über Führungskultur und Machtmissbrauch in der Medizin angestoßen. Wie werden Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung in ihrer häufig vulnerablen Position gestärkt?

Schawjinski: Das Thema hat in der Öffentlichkeit endlich mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ich hoffe, das trägt auch dazu bei, dass mehr Menschen die Rechtsberatung des Marburger Bundes in Anspruch nehmen oder sich direkt an die Ärztekammer wenden. Denn auch die Ärztekammer sollte es wissen, wenn eine Person mit Weiterbildungsbefugnis ihre Aufgabe nicht erfüllt – und sie kann gegebenenfalls eine Weiterbildungsermächtigung entziehen. Machtmissbrauch und Willkür haben in der Weiterbildung nichts zu suchen! Gleichzeitig wollen wir beispielsweise mit den „Train the Trainer“-Seminaren Weiterbildungsbefugte für die Thematik sensibilisieren und schulen.

Buggisch: Ich glaube auch, dass Abhängigkeiten durch klare, verbindliche Weiterbildungspläne, die mit dem Beginn der Weiterbildung ausgehändigt werden, reduziert werden. Grundsätzlich sollte die Weiterbildung ein Teamwork zwischen den Weiterbildenden und den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung sein – und in vielen Fällen ist sie das auch. 

Familienplanung fällt oft in die Zeit der ärztlichen Weiterbildung. Wie flexibel ist die Weiterbildung heute – und wie engagiert sich der Marburger Bund für eine bessere Vereinbarkeit?

Schawjinski: Gerade vor dem Hintergrund, dass immer mehr Frauen in Zukunft den ärztlichen Beruf ausüben werden, sollte die Arbeitszeit modularer und flexibler gestaltet werden können. Job-Sharing-Modelle gehören dazu, aber auch Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Ich habe zum Beispiel von einem Arbeitgeber gehört, der eine besondere Form der Betreuung anbietet, wenn das Kind leicht erkrankt ist und nicht in die Kita gehen kann. So können beide Elternteile trotzdem arbeiten.  

Buggisch: Der MB setzt sich bereits seit längerer Zeit für die Anerkennung kürzerer Weiterbildungsabschnitte sowie für Modelle ein, die eine Weiterbildung auch in Teilzeit ermöglichen. Schon heute besteht beispielsweise die Möglichkeit, dass bis zu 30 Prozent der Mindestweiterbildungszeit mit weniger als 50 Prozent der tariflichen Regelarbeitszeit erbracht werden können. In Hamburg sind wir dabei flexibler als in vielen anderen Bundesländern. In enger Abstimmung mit der Weiterbildungsabteilung der Ärztekammer Hamburg lassen sich inzwischen gute individuelle Lösungen vereinbaren.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Dr. Kathrin Schawjinski ist 2. Vorsitzende des Marburger Bundes Hamburg und Beisitzerin im Vorstand der Ärztekammer Hamburg. Sie ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie und arbeitet als Oberärztin in der Schön Klinik Hamburg Eilbek.

Dr. Peter Buggisch ist Vorsitzender des Weiterbildungsausschusses (WBA) der Ärztekammer Hamburg. Er ist Facharzt für Innere Medizin und als Leitender Arzt am ifi-Institut für interdisziplinäre Medizin tätig.