„Wir müssen die Freiheit der ärztlichen Berufsausübung schützen“

Ambulant angestellt
27.Februar 2026
Hamburg
Tilman Dörken spricht im Interview über aktuelle Herausforderungen in der ambulanten Versorgung und seine Tätigkeit in der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg.
Tilman Dörken engagiert sich berufspolitisch
Tilman Dörken engagiert sich berufspolitisch

Herr Dörken, die Zahl der angestellten Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich steigt seit Jahren kontinuierlich. In Hamburg sind inzwischen rund 45 Prozent der Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich angestellt tätig. Welche Hauptgründe sehen Sie für diese Entwicklung?

Zu den persönlichen Gründen gehören sicherlich die viel zitierte Work-Life-Balance und eine vermeintlich größere Freiheit, wenn man sich nicht dauerhaft an eine Praxis bindet, sondern theoretisch den Arbeitsplatz wechseln kann. Daneben gibt es aber auch strukturelle Gründe, die dazu führen, dass sich immer mehr Ärztinnen und Ärzte für eine Anstellung und damit gegen eine Niederlassung entscheiden: Gerade im fachärztlichen Bereich schrecken viele vor den hohen Kaufpreisen zurück, weil sie die lebenslange Verpflichtung eines Millionenkredits vor Augen haben. Gleichzeitig hat sich die Honorarsituation vieler Praxen überhaupt nicht im gleichen Maße an die steigenden Kosten angepasst. Hinzu kommt eine politische Gemengelage, die als äußerst schwankend wahrgenommen wird – es ist vielfach unklar, wohin sich die ambulante Versorgung und insgesamt die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung entwickeln sollen. All das lädt nicht unbedingt dazu ein, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung hat im vergangenen Jahr eine Umfrage unter angestellten Ärztinnen und Ärzten durchgeführt. Welche Ergebnisse waren für Sie besonders aufschlussreich?

Der mit Abstand größte Teil der Befragten – rund 37 Prozent – gab an, dass die Anstellung für sie das „angestrebte lebenslange Arbeitsmodell“ darstellt. Auch andere vergleichbare Umfragen der vergangenen Jahre bestätigen diesen Wert. Für 17 Prozent ist die Anstellung ein „Übergangsmodell in die Niederlassung“, für weitere 16 Prozent ein „Übergangsmodell zur Orientierung über mögliche Karrierewege“. Es gibt also auch eine relevante Gruppe von Unentschiedenen. Aus meiner Sicht ist entscheidend, dass wir dem hohen Beratungsbedarf insbesondere junger Ärztinnen und Ärzte gerecht werden und dazu beitragen, ungerechtfertigte Ängste abzubauen. Trotz aller genannten Herausforderungen gilt: Die ärztliche Tätigkeit in der ambulanten Versorgung ist keine Geheimwissenschaft.

Was ist aus Ihrer Sicht wichtig, um die Position der angestellten Ärztinnen und Ärzte im ambulanten Bereich zu stärken?

In den vergangenen 25 Jahren hat auch im ambulanten Bereich ein Paradigmenwechsel stattgefunden – weg vom evidenzbasierten medizinischen Anspruch hin zu einer stärkeren Erlösorientierung. Dieser Trend wurde nicht zuletzt durch die Einführung der DRGs in den Kliniken befördert. Je stärker wir in ökonomischen Kategorien denken und medizinische Aspekte in den Hintergrund treten, desto problematischer wird es für das gesamte System. Wir brauchen endlich Transparenz bei nicht-ärztlicher Trägerschaft – und wir müssen die Freiheit der ärztlichen Berufsausübung schützen. 

Deshalb ist es so wichtig, angestellte Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Versorgung zu unterstützen, etwa durch Aufklärung zu berufs-, arbeits- und haftungsrechtlichen Fragen im Arbeitsalltag. Darüber hinaus halte ich eine Stärkung der ärztlichen Leitungen, insbesondere in nicht-ärztlich geführten und investorenbetriebenen MVZ, für dringend erforderlich. Obwohl eine ärztliche Leitung Voraussetzung für die Gründung und den Betrieb eines MVZ ist, genießt sie bislang keinen besonderen arbeitsrechtlichen Schutz – und hat häufig auch keinen Einblick in Abrechnungs- und Honorarunterlagen der Einrichtung. Eine verpflichtende Weiterbildung vor Übernahme von Führungsverantwortung in Gesundheitseinrichtungen finde ich auch deshalb absolut sinnvoll. 

Welche Themen beschäftigen Sie aktuell noch im „Beratenden Fachausschuss Angestellte Ärzte“ der KV Hamburg?

Eine große medizinische Einrichtung in Hamburg – wir alle wissen, von wem wir sprechen – hat über Monate hinweg die Gehälter ihrer Beschäftigten nicht ausgezahlt und Patientinnen und Patienten vor verschlossenen Türen stehen lassen. Auch wenn es früher vereinzelt vorkam, dass Praxen aus persönlichen Gründen in finanzielle Schwierigkeiten gerieten, hat es einen Fall in dieser Dimension bislang nicht gegeben. Plötzlich hatten Patientinnen und Patienten mit laufenden onkologischen Therapien keinen Zugriff mehr auf ihre Akten, und die Versorgung in einzelnen Stadtteilen war akut gefährdet. Um zu verhindern, dass sich ein solcher Fall in ähnlicher Form wiederholt, müssen gemeinsam mit der Ärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung und der Gesundheitsbehörde Lösungen zur Sicherstellung der ambulanten Versorgung in unserer Stadt erarbeitet werden. Für einige Aspekte – etwa die Möglichkeit der Übernahme von Zulassungen durch die Kassenärztliche Vereinigung – ist allerdings erst eine Klärung auf Bundesebene erforderlich. 

Herr Dörken, vielen Dank für das Gespräch.

Tilman Dörken ist ärztlicher Leiter des Facharztzentrums an der Kampnagelfabrik. Im Jahr 2022 wurde er über die Kooperative Liste Marburger Bund erneut in die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg gewählt. Zudem ist er Sprecher des „Beratenden Fachausschusses Angestellte Ärzte“ sowie Mitglied des Beirats des Vorstands.