Die Last des praktischen Lernens abfedern

Medizinstudierende entwickeln App in Kooperation mit Gießener Universität
24.September 2026
„Skilled“ bedeutet übersetzt qualifiziert oder ausgebildet. Und genau darum geht es Lukas Fieberg und Jan Niclas Keil, beide Mitglied im Marburger Bund und Medizinstudenten im 9. und 10. Fachsemester, bei der Entwicklung ihrer gleichnamigen App. Sie wollen die praktische Ausbildung für ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen verbessern und damit den Start in die Praxis erleichtern. Vor zweieinhalb Jahren hatten die beiden Studenten der Justus-Liebig-Universität Gießen die Idee zu der App, im kommenden Wintersemester soll sie das erste Mal in Kursen an der Universität getestet werden.
Jan Niclas Keil (links) und Lukas Fieberg wollen mit ihrer App „Skilled“ ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen die Lernlast erleichtern.
Jan Niclas Keil (links) und Lukas Fieberg wollen mit ihrer App „Skilled“ ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen die Lernlast erleichtern. Foto: © Agentur Suedanlage GbR – Jan & Julia Napierala

Wie sieht Ihre App aus und welche Funktion hat?

Lukas Fieberg: In unserem Setting befinden wir uns in den medizinischen Skills Labs, in denen die Studierenden Untersuchungstechniken lernen. In diesem Rahmen wollen wir unsere App integrieren. Sie macht nichts anderes als zwei Studierende zu unterstützen, die ihre Fertigkeiten in einem Zwei-Personen-Schauspiel testen: Ein Studierender ist der Arzt oder die Ärztin und der andere der Patient oder die Patientin. Dieses Training findet teilweise in den Skills Labs in abgespecktem Rahmen statt, zum Beispiel für das Anamnesetraining. Wir wollen dieses Training digital unterstützen, damit man es später weiterspielen kann, auch allein und verschiedene Funktionen mitnutzen kann. Der Arzt oder die Ärztin beginnt damit, den Kommilitonen auszufragen, die Anamnese zu erheben und körperliche Untersuchungen durchzuführen. Und immer da, wo der Arzt Unterstützung benötigt - zum Beispiel, weil er nicht weiß, was er noch fragen soll oder welche körperlichen Untersuchungen außerdem sinnvoll wären - da kommt die App unterstützend hinzu. Sie führt den Arzt durch die gesamte Untersuchung. Das aktuelle primäre Ende ist die Diagnosestellung. Später könnte man die App noch bis zu Therapievorschlägen und Therapieeinleitung erweitern. 

Demnach braucht es immer zwei Studierende, die die App immer gleichzeitig benutzen?

Lukas Fieberg: Anfänglich ja. Medizin findet unserer Meinung nach in Präsenz statt. Ich kann die Patienteninteraktion nicht in einem KI-Chatbot lernen. Trotzdem kann das punktuell sinnvoll sein, dieses Thema haben wir uns für spätere Versionen der App aufgehoben. Primär geht es uns um die universitäre Verankerung und das Zwei-Personen-Schauspiel, weil da kann man unsere Untersuchungstechniken lernen. Es hilft Medizinstudierenden am Ende nicht, wenn sie wissen, dass sie die Lunge untersuchen müssen, sie müssen diese Untersuchung auch durchführen können. Und das lernen sie nicht, indem sie sich ein Krankheitsbild mit dazugehöriger Diagnose und Therapie einmal durchlesen, sondern nur indem sie es aktiv selbst machen – mit Hilfe unserer App.

Wie genau läuft das Schauspiel innerhalb der App ab?

Jan Niclas Keil: Es gibt kuratierte Fälle, die an ein didaktisches Konzept angelehnt sind. Das heißt, sie sollen den Studierenden immer etwas beibringen. Die Patientenansicht ist auf bestimmte Fälle vorbereitet und alle Antworten, die vom Arzt abgefragt werden, werden dem Studierenden, der den Patienten mimt, auf seiner Ansicht vorgegeben. 

Lukas Fieberg: Die Schauspieler haben dezidierte Anweisungen und wissen an jeder Stelle genau, was sie machen müssen. Sie werden von der App vollumfänglich unterstützt. Kein Studierender auf der Patientenseite muss sich etwas ausdenken. Dieser Part könnte später auch von einem Schauspieler ersetzt werden, denn alle Regieanweisungen sind in der App hinterlegt. 

Jan Niclas Keil: Man kann es sich grob wie ein OSCE (Objective Structured Clinical Examination) vorstellen, das komplett simuliert wird. Wir legen aber den Fokus auf die eigene Entscheidungsfähigkeit der Studierenden in der Arztrolle. Also genau das, was letzten Endes im praktischen Alltag von den späteren Ärztinnen und Ärzten gewünscht wird. Wir möchten gezielt trainieren, dass eigenständig Entscheidungen getroffen werden, dass Untersuchungstechniken angewandt werden, wenn man sie für sinnvoll erachtet, dass man Laboruntersuchungen anmeldet und anfordert, wenn man sie benötigt, dass man apparative Diagnostik nutzt und diese interpretiert und befundet. Unsere App simuliert einen kompletten medizinischen Fall, den eine reelle Person darstellt und da, wo die zweite Person benötigt wird, unterstützt die App, die Untersuchungstechniken durchzuführen und die nötigen Informationen zu generieren, die nicht geschauspielert werden können.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine App dafür zu programmieren?

Lukas Fieberg: Uns fiel innerhalb des klinischen Studiums auf, dass man die medizinische Praxis nicht richtig lernt. Teilweise gibt es an den Unis Skills Labs, aber nicht überall. Wir sind diesbezüglich hier in Gießen sehr privilegiert. Wir Studierende lernen in Skills Labs alle Untersuchungstechniken, aber ohne einen Zusammenhang zu einer Erkrankung und auch häufig nur einmal in unserer klinischen Karriere. Dann gehen wir ein bis eineinhalb Jahre später in die Klinik und sehen punktuell einzelne Krankheitsbilder und nutzen einzelne Untersuchungstechniken. Am Ende also ein lückenbehafteter Lerneffekt. Das wollen wir abfedern. Wir müssen nachhaltig unser Wissen und unsere Fertigkeiten trainieren können. Dieses Training ist in den Kliniken häufig nicht abbildbar. Jeder Studierender müsste jedes Krankheitsbild einmal in der Klinik gesehen haben. Dafür fehlen die Personalressourcen, die Struktur ist dafür nicht da und die Krankheitsbilder manchmal ebenso wenig.

Sie versprechen sich also von Ihrer App mehr Praxiserfahrung für die Studierenden und haben in Anlehnung daran den Namen „Skilled“ für die App gewählt? 

Lukas Fieberg: Sie sollen trainieren können, bevor sie an die Patienten gehen. Aktuell liegt fast die gesamte Last des praktischen Lernens in der Klinik und die wird und kann dem nicht gerecht werden aus genannten Gründen. Wir wollen das entschärfen und sagen können: Unabhängig von der Klinik könnt ihr mit uns alles lernen, ihr könnt es einmal durchspielen. Es liegt nicht mehr diese gesamte Lernlast auf dieser einen Situation im klinischen Studium, diesen zwanzig Minuten, in denen ich bei einem Patienten bin und auf einmal alles abrufen muss, was ich vor zwei Jahren gelernt habe, und womöglich die Hälfte gar nicht weiß und am Ende aus dem Gespräch gehe und denke, ich habe das und das vergessen. Also, mehr Lerneffekt davor dank unserer App und Fokus auf die Erfahrung in der Klinik.

Die Idee für eine App ist das eine. Die technische Umsetzung das andere. Sind Sie gelernte Programmierer?

Lukas Fieberg: Ich habe vor dem Beginn meines Medizinstudiums ein BWL-Studium absolviert und mich dabei auch für Informatik interessiert. Ich verstehe grob wie Programmiersprachen funktionieren und dank der KI kamen wir so zu einem ersten Ansatz, mit dem wir austesten konnten, ob unsere Idee funktioniert. Dann sind wir den nächsten Schritt gegangen und haben Programmierer dazu geholt, zwei studentische Hilfskräfte, die das für uns übernehmen. Das wäre ohne universitäre Unterstützung natürlich nicht möglich. Wir werden von Prof. Dr. Joachim Kreuder (Leiter des Instituts für hausärztliche Medizin) und PD Dr. Iris Schleicher sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der didaktischen Ausarbeitung unterstützt. Wir koordinieren das Projekt und konzipieren die App: Wie soll sie am Ende aussehen? Wie soll sie funktionieren? Wie ist sie aufgebaut? Und wir kümmern uns auch um die Frage nach den zukünftigen Nutzern.

Die Entwicklung Ihrer App ist also eine Kooperation mit der Universität Gießen?

Lukas Fieberg: Genau. Wir hatten die Idee und haben diese in der Universität verbreitet. Wir haben ein Institut gefunden, was die Idee sehr gut fand: das Institut für hausärztliche Medizin. Zusammen haben wir Finanzierungsanträge geschrieben und gehen die Umsetzung gemeinsam an.

Ist die App für Studierende schon verfügbar? Welchen Zeitplan verfolgen Sie?

Jan Niclas Keil: Das würden wir uns wünschen. Wir haben einen Prototyp, der über rudimentäre Funktionen verfügt und den wir jetzt testen wollen. Ein ausgesuchtes Studierendenklientel bekommt die App und wir vergleichen wie gut ist der Lerneffekt damit und wir schauen, was uns das Nutzerfeedback sagt. Vielleicht melden die Studierende auch zurück, dass die App eine gute Idee ist, aber anders aufgebaut sein müsste. Wenn alles klappt, wollen wir zum kommenden Wintersemester eine erste Basisversion in der curricularen Lehre testen. Das hängt aber davon ab, wie gut wir jetzt vorankommen. Wir haben das Institut, das die Skills Labs leitet, mit im Boot und damit die Möglichkeit, unsere App in den Kursen zu testen. Für diese Möglichkeit sind wir sehr dankbar. 

Wann kam Ihnen die Idee zur App? Wieviel Zeit investieren Sie in die App?

Lukas Fieberg: Ich glaube, wir wollen nicht wissen, wie viel Zeit wir bereits investiert haben (lacht). Die Idee kam uns im fünften Semester, so vor zweieinhalb Jahren. Seit einem Jahr arbeiten wir intensiv daran. Mittlerweile haben wir ein Gründungsstipendium bekommen, wodurch wir nochmal mehr finanziellen Rückhalt haben. 

Wie bekommen Sie Ihren Alltag geregelt zwischen Studium und App-Entwicklung?

Lukas Fieberg: Es gibt Tage, die sind tough. Unser Vorteil ist unsere gute Freundschaft und dass wir das zusammen machen. Absprachen können wir zwischen Tür und Angel oder auf dem Fahrrad treffen. So integrieren wir unsere Freizeit in die App-Entwicklung, anstatt den ganzen Tag in Meetings zu verbringen. Ja, manchmal ist es viel und das darf es sein. Es ist ja auch Vorbereitung für unseren späteren Beruf. 

Warum studieren Sie Medizin?

Jan Niclas Keil: Wir haben beide schon sehr früh entschieden, Ärzte zu werden. Ich habe keinen Umweg über BWL gemacht, sondern über die Krankenpflege und habe gemerkt, dass ich das beruflich machen möchte. Für mich ist die Arbeit mit Menschen wichtig, die wir auch mit unserer App in den Fokus rücken möchten. Den Beruf macht vor allem das Feedback der Patientinnen und Patienten aus, was die widrigen Bedingungen wett macht, denen man im Studium und im Beruf gegenübersteht. 

Lukas Fieberg: In der siebten oder achten Klasse musste ich ein Schülerpraktikum machen. Schon da wollte ich unbedingt ins Krankenhaus. Danach war für mich klar, Medizin wird’s. Ich bin ein sehr praktischer Mensch, ich muss mit meinen Händen arbeiten. Früher habe ich viel auf der Baustelle gearbeitet. Nun kann ich das in der Chirurgie auf einem akademischen Level ausleben und damit Menschen helfen. 

Weitere Informationen zur App und Kontaktdaten gibt es im Internet unter www.skilled-education.de oder auf Instagram: @skilled.education