„Mut zum Besseren“ lautet der Slogan der aktuellen MB-Kammerwahlkampagne. Was genau verstehen Sie darunter?
Mit einem Slogan versucht man in der Regel, mehrere wichtige Aspekte auf den Punkt zu bringen. Wir möchten zum einen deutlich machen, was wir als MB in den letzten Jahren hier erreicht haben – und zum anderen aufzeigen, wo noch weitere Verbesserungen möglich sind.
Ein Beispiel ist die Einrichtung der ärztlichen Anlaufstelle gegen Diskriminierung: Es ist gut, dass wir – übrigens als erste Ärztekammer – diese Beratungsstelle eingerichtet haben. Gleichzeitig wäre es wichtig, dass sich noch mehr Kolleginnen und Kollegen trauen, sich an uns zu wenden – wissend, dass daraus auch Konsequenzen folgen.
Und dann gibt es natürlich Herausforderungen wie die Krankenhausreform mit ihren Auswirkungen auf die Ärztinnen und Ärzte hier in Hamburg, insbesondere in der Weiterbildung. Wir starten dabei von einem sehr ungewissen Ausgangspunkt und müssen diesen Prozess gemeinsam mit dem Kollegium in die Zukunft begleiten. Entscheidend ist, dass die Transformation der Krankenhäuser so gelingt, dass unsere Kolleginnen und Kollegen nicht unter die Räder kommen und gleichzeitig eine gute Patientenversorgung in Hamburg gewährleistet bleibt.
Um solche Veränderungen mitzugestalten und voranzutreiben, braucht es Mut, weil wir dafür unsere Komfortzone verlassen müssen – sowohl individuell als auch gemeinschaftlich.
Das Gesundheitssystem in Deutschland steckt in der Krise und soll nun grundlegend reformiert werden. Worauf muss sich die Ärzteschaft in den kommenden Jahren einstellen?
Dass Reformen notwendig sind, ist unstrittig. Gegenstand unserer Kritik ist vielmehr, wie diese Reformen aussehen sollen und welche Ziele sie verfolgen. Als Hamburgerinnen und Hamburger haben wir unsere Forderungen diesbezüglich auf dem letzten Deutschen Ärztetag eingebracht.
Beim GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz wird beispielsweise von Reform gesprochen, tatsächlich geht es aber vor allem um eine finanzielle Konsolidierung. Das wäre grundsätzlich legitim – wenn es auch transparent so benannt würde. Was im Zuge dieses Reformvorhabens jedoch kaum thematisiert wird, sind Fragen wie: Was bedeutet das für die Versorgung der Bevölkerung? Was dürfen die Menschen von einem Gesundheitswesen der Zukunft erwarten? Diese fehlende Transparenz versuchen wir als Marburger Bund Hamburg seit Jahren immer wieder zu thematisieren.
Die Krankenhausreform stellt teilweise eine Ausnahme dar, da sie auch strukturelle Veränderungen angeht. Allerdings lässt sich eine solche Reform nicht isoliert betrachten. Denn eine Neuordnung des stationären Bereichs hat unmittelbare Auswirkungen auf die ambulante Versorgung. Diese Zusammenhänge werden bislang nicht ausreichend mitgedacht. Als Ärztinnen und Ärzte betrachten wir das Gesundheitssystem oft stärker im Gesamtzusammenhang als die Politik.
Kann die ärztliche Selbstverwaltung angesichts der zahlreichen Spar- und Reformvorhaben der Bundesregierung überhaupt noch aktiv gestalten?
Tatsächlich ist der Gestaltungsspielraum der Selbstverwaltung in den letzten Jahren kleiner geworden, und an manchen Stellen haben wir durchaus den Eindruck, dass uns die Hände gebunden sind. Dennoch sehe ich auch in vielen Bereichen weiterhin Handlungsspielräume. Wichtig ist, dass wir angesichts großer Herausforderungen die Erfolge der letzten Jahre nicht aus dem Blick verlieren und uns weiterhin dafür einsetzen, die demokratischen Strukturen der Selbstverwaltung zu stärken und auch die Auseinandersetzung mit der Politik nicht scheuen.
Das durch öffentliche Mittel finanzierte System wird gleichzeitig auch zur Erwirtschaftung von Renditen genutzt. Wie will der Marburger Bund der zunehmenden Kommerzialisierung – sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich – entgegenwirken?
Ein zentrales Problem ist, dass politische Entscheidungen – etwa mit der Einführung der DRGs und zunehmenden marktwirtschaftlichen Elementen – lange Zeit nicht ausreichend erklärt wurden. Die DRGs sind eigentlich ein reines Kostenerstattungssystem. Gleichzeitig sieht das duale Finanzierungssystem vor, dass Investitionen z.B. in die Infrastruktur von den Bundesländern getragen werden. In der Praxis funktioniert dieses System jedoch nicht, da die Länder ihrer Investitionsverantwortung nicht nachkommen. Krankenhäuser geraten dadurch unter Druck, notwendige Investitionen aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Dabei ist entscheidend: Krankenhäuser erwirtschaften im eigentlichen Sinne keine Gewinne, sondern erhalten Kostenerstattungen. Dass aus diesem System dennoch Gewinne abgeschöpft werden sollen, widerspricht seiner ursprünglichen Logik.
Unsere Aufgabe sehen wir darin, hier noch stärker aufzuklären, diese Entwicklungen öffentlich zu thematisieren und Transparenz einzufordern: Was geschieht mit den öffentlichen Geldern? Wofür werden sie verwendet? Und wem werden sie vorenthalten?
Durch den Druck ärztlicher Institutionen hat der Gesetzgeber inzwischen immerhin erkannt, dass beispielsweise bei den Betreibern von MVZ mehr Transparenz geschaffen werden muss. Das löst jedoch nicht das Grundproblem. Die bestehenden Strukturen führen dazu, dass selbst für den Erhalt der eigenen Infrastruktur Mittel erwirtschaftet werden müssen, die eigentlich für die Versorgung vorgesehen sind.
Welche Weichenstellungen sind aus Ihrer Sicht entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Ärzteschaft?
Wir müssen uns intensiv mit der Frage beschäftigen, was ärztliche Aufgaben in Zukunft beinhalten. Dazu gehört auch der Mut, Tätigkeiten zu hinterfragen und gegebenenfalls neu zu verteilen – etwa an andere Gesundheitsberufe. Zugleich verändert technologische Entwicklung, insbesondere Künstliche Intelligenz, unser Berufsbild. KI wird Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen, aber der kompetente Umgang damit wird für ihre Zukunft entscheidend sein. Insgesamt stehen wir vor einem deutlichen Wandel unseres Berufs. Eine zentrale Herausforderung wird sein, diesen aktiv und ehrlich zu gestalten.
Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft unsere eigenen Strukturen: Wir müssen unsere Gremien effizienter und zielorientierter machen, Prozesse vereinfachen und Bürokratie reduzieren. Gerade im Bereich der Weiterbildung wird das eine große Aufgabe sein.
Warum sollte man wählen – und warum sollte man sein Kreuz bei der MB-Liste setzen?
Wahlen sind das wichtigste Instrument, um mitzubestimmen, wer Entscheidungen trifft. Wer nicht wählt, entzieht der Selbstverwaltung ihre Legitimation. Die Alternative wäre eine stärkere Fremdsteuerung. Wenn wir die Zukunft unseres Berufs und des Gesundheitswesens selbst gestalten wollen, müssen wir dieses Recht auch aktiv nutzen.
Für den Marburger Bund sprechen aus meiner Sicht zwei zentrale Punkte: Erstens setzen wir auf breite Beteiligung. Wir haben aktiv dazu eingeladen, diesen Prozess mitzugestalten, und unsere Inhalte transparent innerhalb der Mitgliedschaft diskutiert. Kaum eine andere Liste steht so intensiv im Austausch mit ihrer Wählerschaft wie wir. Zweitens: Wir haben in den vergangenen Legislaturperioden gezeigt, dass Zusammenarbeit für uns mehr ist als ein Schlagwort. Die Kooperation mit anderen ärztlichen und relevanten Institutionen ist ein Markenzeichen des MB Hamburg. Sie ermöglicht es uns, Herausforderungen respektvoll und auf Augenhöhe gemeinsam anzugehen.
Vielen Dank für das Gespräch.
