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  • Informationssuche für angehende Ärzte vereinfachen

    Netzwerk Junge Ärzte: „Red Flags“ für die Weiterbildung im ambulanten Bereich
    01.Juli 2022
    Dr. Vanessa Zink ist im siebten Jahr ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin. Da sie sich für diese Fachrichtung entschieden hat, führte für sie kein Weg an der Weiterbildung im ambulanten Bereich vorbei. „Und tatsächlich ist die Weiterbildung dort für mich viel angenehmer als in der Klinik. Die Arbeitszeiten und -bedingungen sind deutlich besser“, ist ihre Erfahrung. „Ich mache keine Dienste und habe die Wochenenden frei.“ Dafür ist das Gehalt geringer, da die Aufschläge für die Dienste wegfallen. „Ich würde es aber jederzeit wieder so machen“, ist Zink überzeugt. Seit November 2020 arbeitet sie in einer Praxis in Dreieich, im Oktober steht ihre Facharztprüfung an. Sie ist aktives Mitglied im Marburger Bund seit Ende ihres Studiums und 2018 hat eine Kollegin sie mit zum Netzwerk Junge Ärztinnen und Ärzte genommen. Nun hat Vanessa Zink im Auftrag des Netzwerks „Red Flags“ für die Weiterbildung im ambulanten Bereich erstellt. Angehenden Kolleginnen und Kollegen will das Netzwerk so den Einstieg in die Weiterbildung erleichtern – gerade im ambulanten Bereich – und auf mögliche Stolpersteine hinweisen.
    Dr. Vanessa Zink

    Was war der Anlass für das Netzwerk, die „Red Flags“ für die Weiterbildung im ambulanten Bereich zu erstellen?

    Wir haben versucht, eine allgemeine Broschüre für die Weiterbildung für Berufsanfänger zu erstellen. Dabei wollten wir nicht nur die Klinikärzte mit einschließen, sondern auch die Kollegen im ambulanten Bereich. Ich habe das Gefühl, das kommt ein wenig zu kurz. Ich bin derzeit auch das einzige Mitglied im Netzwerk, das im ambulanten Bereich arbeitet. Aber der Marburger Bund vertritt ja alle – angestellte Ärzte sowohl in der Klinik als auch im ambulanten Bereich.

    Warum kam die Idee im Netzwerk für die „Red Flags“ auf?

    Die meisten Mitglieder des Netzwerks haben sich vor ihrer Weiterbildung die Informationen dazu selbst zusammen gesucht und haben Bekannte und Freunde befragt. Aber wenn man über kein großes Netzwerk zu diesem Thema verfügt, ist man auf sich allein gestellt. Diese Informationssuche wollen wir unseren Nachfolgern vereinfachen. Und wir müssen mehr junge Ärzte für unser Netzwerk anlocken, wenn wir nachhaltig Einfluss nehmen wollen. Die älteren MB-Mitglieder haben einfach einen Fokus auf andere Themen als wir jüngeren.

    Was sind Stolpersteine in der Weiterbildung im ambulanten Bereich?

    Der größte Stolperstein ist die Frage, wie weit die Weiterbildungsermächtigung des Weiterbilders geht. Man muss sich darauf verlassen, dass der neue Chef die entsprechende und notwendige Ermächtigung hat. Ein weiterer Stolperstein kann das Zwischenmenschliche sein, da man meistens in einem sehr kleinen Team arbeitet. Da muss die Chemie stimmen. In der Klinik hat man fünf bis zehn Kollegen je nach Größe der Abteilung und mehrere Oberärzte, da kann man sich im Zweifelsfall auch mal aus dem Weg gehen. In einer Einzelpraxis hat man nur einen Vorgesetzten und in einer Gemeinschaftspraxis vielleicht noch zwei oder drei Kollegen. Da muss man einen größeren Augenmerk darauf legen, dass es auch auf der persönlichen Ebene passt. Ich habe außerdem die Erfahrung gemacht, dass es in der Weiterbildung zur Allgemeinmedizin wichtig ist, dass man darauf achtet, richtig bezahlt zu werden. Viele Ärzte in der Weiterbildung erhalten nur die Förderung von der KV, haben aber Anrecht auf das gesamte Grundgehalt. Dafür muss der Weiterbilder die Förderung aufstocken.  

    Was sind die Vorteile einer Weiterbildung im ambulanten Bereich? Und was sind die Nachteile?

    Ein großer Vorteil sind die geregelten Arbeitszeiten – ohne Dienste und Wochenendarbeit. Die Work-Life-Balance ist deutlich besser. Dafür erhält man ein etwas geringeres Gehalt als in der Klinik. Man muss sich entscheiden, ob einem die Freizeit wichtiger ist oder das Monetäre. In einer Praxis profitiert man von einem Eins-zu-eins-Teaching, wenn man einen guten Weiterbilder hat. Das kann aber auch ein Nachteil sein, wenn einem der Weiterbilder nichts beibringt. Dann muss man sich selbst alles beibringen, aber das ist in der Klinik das Gleiche. Eventuell ist man in der Praxis in der Diagnostik reduziert, weil alles langsamer geht - das muss einem bewusst sein. Man erhält nicht innerhalb von drei Stunden Laborergebnisse. Was man an Diagnostik im Angebot hat, ist das, was man häufig auch selbst machen muss. Aber dafür kann man es auch selbst machen. Wenn einem viel am Adrenalin liegt, sollte man auch eher in der Klinik arbeiten. Richtige Notfälle sind in der Praxis sehr selten und meistens übernimmt die Weiterversorgung ein Krankenhaus. 

    Welche Erfahrungen haben Sie selbst in der Weiterbildung im ambulanten Bereich gemacht?

    Mir gefällt es in der Praxis sehr gut. Die Arbeitsbelastung ist anders, weil ich mehr auf psycho-sozialer Ebene arbeite. Viele meiner Patienten brauchen eher gesundheitsfördernde, präventive Maßnahmen als tatsächlich kurative Maßnahmen. Ein großer Teil meiner ärztlichen Aufgaben im hausärztlichen Bereich ist, dass ich Patienten anleite zu einer gesünderen Ernährung, mehr Sport und mehr psychischer Balance. Das hat sich durch Corona verstärkt, gerade die psychische Belastung der Patienten und der Suchtmittelkonsum. Was mir fehlt, ist die Action im Arbeitsalltag, deshalb bin ich auch als Notärztin tätig und kann das damit so ein bisschen ausgleichen. Ich habe aber auch viele Kollegen, die glücklich damit sind, überlebenswichtige Entscheidungen nicht mehr in kürzester Zeit treffen zu müssen.

    Welchen Tipp würden Sie anderen geben, die in die Weiterbildung im ambulanten Bereich starten wollen?

    Man sollte sich auf jeden Fall mehrere Praxen anschauen und auch Probe arbeiten, mindestens einen Tag lang hospitieren, damit man sehen kann, ob man in diese Praxis hineinpasst. Schließlich dauert die Weiterbildung je nach Fachrichtung ein bis zwei Jahre. Wenn das nicht passt, kann die Zeit schlimmer sein als Bereitschafts- und Nachtdienste sowie 50-Stunden-Wochen im Krankenhaus. Man darf als Arzt in der Weiterbildung Forderungen stellen. Man darf sagen, ich verdiene das Gehalt, das mir laut Tarifvertrag zusteht. Und man hat gerade auch im hausärztlichen Bereich Verhandlungsspielraum die Arbeitszeit betreffend, wenn man beispielsweise in Teilzeit arbeiten möchte. Am besten lässt man sich im Voraus beim Marburger Bund beraten. Die Juristen dort können einem viele wichtige Tipps und Tricks geben.

    Wie haben Sie Ihre Praxis für die Weiterbildung gefunden?

    Über die Internetseite der KV Hessen. Dort gibt es eine Vermittlungsbörse, in der man ambulante Stellen als Facharzt oder Arzt in der Weiterbildung finden kann. Per Chiffre-Nummer kann man die Kontaktdaten der Praxis bei der KV erfragen. Kein sehr aktuelles Verfahren, aber ich habe darüber alle Praxen gefunden, in denen ich mich vorgestellt habe. Ich habe mich für meine Praxis entschieden, weil meine Chefin auch Kinder behandelt. Und das möchte ich nicht missen müssen. Außerdem legt meine Chefin einen Schwerpunkt auf naturheilkundliche Verfahren und ich finde evidenzbasierte naturheilkundliche Medizin wichtig. Gerade bei Erkältungsinfekten, wo ich schulmedizinisch nicht viel machen kann, kann ich mit Phytotherapie gut arbeiten. Bei psychischen Problemen wie Ängsten oder Schlafstörungen muss ich nicht mit Benzodiazepinen oder Z-Substanzen behandeln, sondern kann pflanzliche Mittel verschreiben, die oft auch helfen ohne Abhängigkeitsrisiko. Diese Ergänzung zur Schulmedizin ist mir wichtig. Außerdem sind wir mit nur fünf Mitarbeitern ein kleines familiäres Team und auch deshalb habe ich die Praxis gewählt.

     

    Die Red Flags sind online unter www.marburger-bund.de/hessen/themen/netzwerk-junge-aerztinnen-und-aerzte zu finden.