Es braucht Awareness und Entstigmatisierung

Pressemitteilung
Symposium zur mentalen Gesundheit im ärztlichen Berufsalltag stößt auf großes Interesse
27.März 2026
Rund 50 Ärztinnen und Ärzte haben am 26. März 2026 am Symposium „Mentale Gesundheit im ärztlichen Berufsalltag – Herausforderungen, Prävention und Perspektiven“ im Diakonissenhaus in Frankfurt teilgenommen. Die Veranstaltung des Marburger Bundes Hessen machte deutlich, wie groß der Handlungsbedarf beim Thema psychische Belastungen im ärztlichen Beruf und wie wichtig ein offener und strukturierter Umgang damit sind.
Rund 50 Ärztinnen und Ärzte nahmen an dem Symposium im Diakonissenhaus Frankfurt teil. (Foto: MB Hessen)
Rund 50 Ärztinnen und Ärzte nahmen an dem Symposium im Diakonissenhaus Frankfurt teil. (Foto: MB Hessen)

Initiiert wurde das Symposium vom Netzwerk Junge Ärztinnen und Ärzte im Marburger Bund Hessen. Ziel war es, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse vorzustellen, konkrete Ansätze zur Prävention und Bewältigung psychischer Belastungen zu diskutieren und den Austausch unter Kolleginnen und Kollegen zu fördern. Am Rande des Symposium konnten sich die Teilnehmenden über das Angebot des Frankfurter Netzwerks für Suizidprävention (www.frans-hilft.de) informieren, das gezielte Aufklärung, schnelle Hilfevermittlung und eine enge interdisziplinäre Vernetzung zur Verhinderung von suizidalem Verhalten anbietet. Inga Beig und Victoria Dichter wiesen hierzu auch auf die Veranstaltungsreihe „Trialog Suizidalität“ für Betroffene, Angehörige und Fachleute, z.B. im Mai 2026 im Gesundheitsamt Frankfurt hin.

Bereits in der Einführung stellte Moderatorin Dr. Julia Riemenschneider vom Netzwerk Junge Ärztinnen und Ärzte eine zentrale Frage in den Raum: „Wer hilft eigentlich uns?“ Die Ärzteschaft sei darauf ausgerichtet, anderen zu helfen, gerate dabei aber selbst häufig aus dem Blick. Genau hier setzte das Symposium an: Es soll ein Auftakt sein, um das Thema aus der Tabuzone zu holen, für mehr Bewusstsein zu sorgen und langfristig Strukturen zu verbessern.

Dr. Christian Schwark, Vorsitzender des Marburger Bundes Hessen und Vizepräsident der Landesärztekammer Hessen, betonte in seiner Begrüßung die Bedeutung funktionierender Teams: Ärztliche Arbeit sei keine Einzelleistung. Gerade im Umgang mit psychischen Belastungen komme es auf verlässliche Strukturen und ein tragfähiges Miteinander an.

Nina Walter, Ärztliche Geschäftsführerin der Landesärztekammer Hessen, betonte, dass Unterstützung vor allem vor Ort ansetzen müsse. (Foto: Reus/LÄKH)

Einen eindrücklichen Einblick in die aktuelle Situation lieferte die Landesärztekammer Hessen mit Ergebnissen einer umfangreichen Befragung zum Thema Mentale Gesundheit unter mehr als 3.400 Ärztinnen und Ärzten. Demnach berichten rund ein Drittel der Beschäftigten im Gesundheitswesen über Symptome von Depression oder Angststörungen, mehr als zehn Prozent hatten in den vergangenen Wochen Suizidgedanken. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass vorhandene Unterstützungsangebote in Kliniken häufig nicht greifen, etwa weil sie zeitlich nicht wahrgenommen werden können, stigmatisiert sind oder an den tatsächlichen Bedürfnissen vorbeigehen. Belastend wirken vor allem strukturelle Faktoren wie hohe Arbeitsdichte, zunehmende Bürokratie, unzureichende Wertschätzung sowie Defizite in der Fehlerkultur. Zudem werden belastende Ereignisse im Team häufig nicht oder nur selten aufgearbeitet. Referentin Nina Walter, Ärztliche Geschäftsführerin der Landesärztekammer Hessen, betonte daher, dass Unterstützung vor allem vor Ort ansetzen müsse. Niedrigschwellige, in den Arbeitsalltag integrierte Angebote seien entscheidend, um Hemmschwellen abzubauen.

Ein Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf dem sogenannten Second-Victim-Phänomen, das Prof. Dr. Reinhard Strametz vorstellte.  (Foto: Reus/LÄKH)

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem sogenannten Second-Victim-Phänomen, das Prof. Dr. Reinhard Strametz vorstellte. Der Begriff beschreibt medizinische Fachkräfte, die nach kritischen Ereignissen – etwa Komplikationen, Behandlungsfehlern oder sogenannten „Beinahe-Schäden“ – selbst mental belastet sind. Studien zeigen: Ein Großteil der Beschäftigten im Gesundheitswesen sind im Laufe ihres Berufslebens betroffen; oft ohne ausreichende Unterstützung, was sich auch mit der Ergebnissen der Befragung der Ärztekammer deckt. „Es sei nicht die Frage, ob man betroffen ist, sondern nur wann und wie oft“, verdeutlichte Strametz.  Die Folgen sind gravierend: Viele Betroffene erholen sich nicht vollständig; ein Teil verlässt infolgedessen den Beruf. 

Strametz machte deutlich, dass mentale Belastung bei kritischen Ereignissen eine natürliche menschliche Reaktion sei. Ohne einen offenen Austausch oder gezielte Hilfsangebote drohen schwerwiegende Folgen wie gesteigerte Ängste, der Verlust des Selbstvertrauens oder Traumatisierungen. Diese Belastung wird oft durch eine vorherrschende Fehler- oder Sanktionskultur verschärft, die Betroffene zusätzlich isoliert. „Second Victims brauchen Hilfe, keine Bestrafung“, so seine zentrale Botschaft. Entscheidend sei insbesondere die Stärkung von Resilienz sowie einer funktionierenden Unterstützungskultur im Team.

Dr. Andreas Schießl stellte unter anderem den Verein PSU-Akut e.V. und das die Möglichkeiten kollegialer Unterstützung (Peer Support) vor.  (Foto: Reus/LÄKH)

Wie solche Unterstützung konkret gestaltet werden kann, zeigte Dr. Andreas Schießl am Beispiel des Vereins PSU-Akut e.V. Dessen Ansatz basiert auf strukturierter psychosozialer Prävention und insbesondere auf kollegialer Unterstützung (Peer Support). Betroffene wünschen sich häufig Gesprächspartner auf Augenhöhe, die die spezifischen Belastungen des Berufsalltags nachvollziehen können. Entsprechend setzen moderne Unterstützungsmodelle auf niedrigschwellige, vertrauliche Angebote,  sowohl innerhalb der eigenen Einrichtung als auch extern. Ziel sei es, Belastungen frühzeitig aufzufangen, Orientierung für weitere Hilfen zu geben und längerfristige gesundheitliche Folgen zu vermeiden. Voraussetzung dafür ist, dass entsprechende Strukturen systematisch mit und durch die Ärztinnen und Ärzte einer Einrichtung gemeinsam eingefordert, aufgebaut und im Arbeitsalltag verankert werden, so Schießl.

In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass neben dem Aufbau von Unterstützungsangeboten vor allem strukturelle Veränderungen erforderlich sind.  Wenig Sensibilisierung für das Thema mentale Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten - auch unter Kollegen -, mangelnde Zeit im Arztalltag und die Befürchtung fehlender Unterstützung durch Geschäftsführungen und Vorgesetzte wurden als zentrale Hürden identifiziert. 

Lösungsansätze wie regelmäßige Fall-Nachbesprechungen, fest installierte „Peers“ oder die Praxis einiger Kliniken, bei denen nach belastenden Ereignissen der Saal stoppt und ein anderes Team übernimmt, wollten die Teilnehmer mit in ihren Berufsalltag nehmen, um entsprechende Strukturen anzugehen. 

Die Teilnehmenden sprachen sich für klare politische Rahmenbedingungen sowie die Freistellung und Kostenübernahme durch die Betriebe für professionelle Peer-to-Peer-Schulungen und dem zur Verfügung stellen von Präventionsgeldern durch Krankenkassen aus. Einigkeit bestand darin, dass mentale Gesundheit kein Randthema sein darf, sondern als integraler Bestandteil einer funktionierenden Gesundheitsversorgung begriffen werden muss.

Das Symposium setzte damit ein klares Signal: Mentale Gesundheit im ärztlichen Berufsalltag braucht mehr Aufmerksamkeit, mehr Offenheit und konkrete Maßnahmen, sowohl auf individueller als auch auf struktureller Ebene. 

(cb)