Herr Gerstmann, was hat letztlich den Ausschlag gegeben, dass aus Ihrem lang gehegten Antarktis-Traum ein 13-monatiger Einsatz wurde?
Es war weniger ein romantischer Traum. Vielmehr die Frage, ob die Qualifikation Chirurg noch mehr beinhaltet als „nur“ zu operieren. Nach meiner Facharztprüfung 2009 habe ich beinahe in jedem Jahr die Stellenausschreibung „Ärztin/Arzt (Chirurgie) zur Leitung der Überwinterung an der Neumayer-Station III“ registriert und einzelne Berichte von Kolleg*innen verfolgt. Dann bekam ich zu Weihnachten 2024 das Buch „Polarschimmer“ der Kollegin Aurelia Hölzer geschenkt. Sie schildert chronologisch ihre Überwinterung 2022. Das Buch war bis Neujahr durchgelesen. Die Stelle war noch ausgeschrieben. Nachdem meine Familie nichts Grundlegendes einzuwenden hatte, habe ich die Bewerbung losgeschickt.
Auf der Station Neumayer III sind Sie der einzige Arzt des achtköpfigen Überwinterungsteams und müssen medizinisch deutlich breiter aufgestellt sein als im Klinikalltag. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet – und was hat sich dabei als besonders hilfreich erwiesen?
Es sind nicht nur die sieben potenziellen Patient*innen im Winter. Im antarktischen Sommer sind bis zu 60 Personen für einige Wochen bis zu mehreren Monaten an der Station, um Forschungsprojekte zu betreiben und Bau- und Wartungsarbeiten durchzuführen. Hinzu kommen die Besatzungen der Versorgungs- und Forschungsflugzeuge. In der viermonatigen Vorbereitungszeit habe ich je ein mehrwöchiges Praktikum in einer kooperierenden Zahnarztpraxis und in der Anästhesie des Klinikums Bremerhaven Reinkenheide absolviert. Dabei wurde ich auch von Kolleg*innen aus meinem Team begleitet, die dort Grundkenntnisse erworben haben. Für die Tätigkeit in der Antarktis sind ein breites medizinisches Wissen und langjährige klinische Erfahrung auch außerhalb eines speziellen Fachgebiets sicher vorteilhaft. Ich habe das Glück, in meinem bisherigen Berufsleben immer in enger interprofessioneller und interdisziplinärer Zusammenarbeit tätig gewesen zu sein. So ist es mir hier von großem Vorteil, nicht nur Röntgenaufträge geschrieben zu haben, sondern auch die Durchführung der Aufnahme zu kennen. Auch der Laborbetrieb und die Lagerlogistik im OP sind mir nicht unbekannt. Bei Behandlungen in den Fachgebieten Augenheilkunde, HNO oder Gynäkologie aufmerksam zugeschaut zu haben, hat sich ebenfalls schon bewährt. Das Spektrum der Verletzungen und Erkrankungen hier in der Antarktis ist breit.
Im antarktischen Winter ist medizinische Hilfe von außen monatelang nicht erreichbar, eine Evakuierung nicht möglich. Welche Bedeutung hat unter diesen Bedingungen die Prävention – und wie verändert das die ärztliche Verantwortung?
Aus meiner Sicht ist das Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen Expeditionsteilnehmenden der entscheidende Faktor zur Vermeidung von Verletzungen und zur frühzeitigen Erkennung von Erkrankungen. Alle Antarktis-Reisenden werden betriebsärztlich voruntersucht. Überwinternde werden besonders ausführlich untersucht, sodass möglichst keine unklaren Befunde mitgenommen werden oder chronische Erkrankungen dekompensieren. Gleichwohl wird im Rahmen der Vorbereitung und auch an der Station selbst wiederholt auf die Eigenverantwortung und auch die Verantwortung für die Mitreisenden hingewiesen. Wir leben und arbeiten hier in einer extremen und auch gefährlichen Umgebung. Es werden viele körperlich anstrengende und auch risikobehaftete Tätigkeiten ausgeführt. So ist allen sehr bewusst, dass die medizinischen Ressourcen letztlich sehr begrenzt sind, auch wenn die Ausstattung der Apotheke und des Bordhospitals umfassend sind. Die ärztliche Verantwortung liegt somit darin, dieses Bewusstsein wach zu halten. Bisher hat das auch sehr gut geklappt. Wir sind von schweren Unfällen und Erkrankungen verschont geblieben.
Sie sind zugleich Arzt und Stationsleiter. Wie erleben Sie diese Doppelrolle im Alltag?
Als Arzt bin ich Haus- und Facharzt, Apotheker, Lagerlogistiker und Betreiber des Bordhospitals. Als Stationsleiter vor allem Organisator des allgemeinen Betriebs, verantwortlich unter anderem für die Kommunikation mit der Außenwelt und Bindeglied der unterschiedlichen Interessen. Ich übernehme die Endverantwortung für die Überwinterung, auch ohne in Technik, Wissenschaft und Küche eigene Kenntnisse zu haben oder disziplinarische Maßnahmen ergreifen zu können. Das verlangt viel Vertrauen. Eine ärztliche Tätigkeit - besonders in der Chirurgie - ist gar nicht so weit davon entfernt. Da wir den gesamten Alltag gemeinsam erleben, ist es unmöglich, die eigenen Rollen nach Feierabend ganz abzulegen. Das kann durchaus herausfordernd sein.
Dreizehn Monate mit denselben sieben Menschen zu leben und zu arbeiten, ist eine besondere soziale Situation. Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend, damit ein Team unter diesen Bedingungen funktioniert?
Ganz entscheidend ist Kommunikation. Ich nenne die Situation gerne „Familie auf Zeit“. Die eigenen Familienmitglieder kann man sich nicht selbst aussuchen. Familienleben verlangt oft viel Toleranz und Geduld. Neben dem individuellen Verantwortungsbewusstsein der Teammitglieder für den eigenen Arbeitsbereich und die Gruppe ist eine gehörige Portion Vertrauen unabdingbar. Der persönliche Freiraum ist begrenzt, Ausweichmöglichkeiten sind beschränkt. Aktives und aufmerksames Beobachten und Zuhören sind notwendig. Übertriebene Aufmerksamkeit ist aber auch nicht ratsam. Eine gewisse Tages- und Wochenstruktur mit gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten und auch definierten Zeiten für Planung und Reflexion kann dabei unterstützen. Wichtig ist auch, Informationen zuverlässig weiterzugeben. Dafür sollte man alle Kanäle bespielen können, um jedes Teammitglied auf Stand zu halten Und es hilft durchaus, gemeinsam zu feiern. Manchmal braucht es dafür gar keinen besonderen Anlass.
Polarnacht, extreme Kälte und monatelange Isolation: Was ist im Alltag schwieriger, als Sie es sich vor der Abreise vorgestellt hatten – und was leichter?
Es ist alles anders. Nicht zwingend schwieriger oder leichter. Ich erlebe es als sehr wertvoll, die Freiheit zu haben, den eigenen Arbeitsalltag selbst gestalten zu können. Es gibt wenige verbindliche Termine. Zwar sind die Ressourcen begrenzt, jedoch gibt es auch keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Druck. Uns ist bewusst, dass nicht unendlich viel Treibstoff und Lebensmittel vorrätig sind. Da wird man ganz von selbst sparsam. Auch wenn unser Koch mit den Vorräten an Trocken- und Tiefkühlprodukten köstliche Mahlzeiten zubereitet, steigt doch die Lust auf frische Milch, Eier, Obst und Gemüse. Trotz guter Internetverbindung sind wir in seltsamer Weise abgekoppelt vom Weltgeschehen. Beim Blick in die sozialen Medien oder Nachrichtenportale wird manchem mulmig. Überwiegend würde ich vieles, was im Alltag, in der Politik und im Gesundheitswesen geschieht, aus antarktischer Perspektive als reichlich absurd bezeichnen.
Gab es einen besonderen Moment, in dem Sie dachten: Genau dafür hat es sich gelohnt, hierherzukommen?
Alle Eindrücke aus der polaren Umwelt sind stark. Die Natur wirkt wesentlich mächtiger als in Mitteleuropa, auch wenn dort Wetterextreme zunehmen. Ich hatte nicht erwartet, dass Eis und Schnee das Licht stundenlanger Sonnenauf- und -untergänge so farbenfroh reflektieren. Das Geschnatter der Pinguinkolonie ist erheblich lauter als erwartet. Die Auswirkungen von Wind und Schneetreiben sind immer unmittelbar zu spüren. Bei strahlendem Sonnenschein und -40 °C verbrachten wir einen langen Messtag auf dem Meereis und bestaunten eine eindrucksvolle Höhle in einem riesigen Eisberg, als direkt vor uns eine Weddellrobbe unter dem Eis schnaufend atmete. Das bleibt sicher unvergessen.
Was wird Ihnen nach Ihrer Rückkehr vermutlich am meisten fehlen – und worauf freuen Sie sich im „normalen“ Leben besonders?
Zunächst einmal freue ich mich sehr auf meine Familie. Und auch wenn ich heilfroh bin, dass mein ärztliches Können hier bisher wenig gefordert war, freue ich mich wirklich, wieder im Team chirurgisch tätig sein zu dürfen. Ganz sicher wird mir die völlige Abwesenheit der (gesundheits-)politischen Herausforderungen und Zwänge fehlen.
Wenn Sie in Ihren (Klinik-)Alltag zurückkehren: Was nehmen Sie aus diesen 13 Monaten für sich als Arzt und als Mensch mit?
Der Aufenthalt in der Antarktis und insbesondere die Zeit der Überwinterung haben mir deutlich gemacht, wie gut das Leben in der Heimat funktioniert. Wenn über Schwierigkeiten im Alltag, politische Entwicklungen und Mängel im gesellschaftlichen Zusammenleben geklagt wird, dann geschieht das aus meiner Sicht auf sehr hohem Niveau und meist, ohne dabei die eigene Verantwortung überhaupt wahrgenommen zu haben. Anstatt alles und jeden zu bewerten, erscheint es mir heute noch wichtiger, zunächst mal vor der eigenen Türe zu kehren.
Wenn Sie Kolleginnen und Kollegen mit Fernweh einen Rat geben könnten: Was braucht es aus Ihrer Sicht für eine Überwinterung in der Antarktis?
Neben den Hard- und Softskills, die ich bereits genannt habe, empfehle ich vor allem Offenheit und Neugier, Flexibilität im Denken und Handeln. Man muss über den Tellerrand hinausschauen wollen. Die Antarktis ist nicht der Ort, um sich selbst zu finden oder andere zu bekehren. Hier bestimmt die Natur und nicht der Mensch.
Herr Gerstmann, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin eine gute Zeit auf Neumayer III!
Die Fragen stellte Anna Dierking, MB Niedersachsen.
