Herr Dr. Yilmaz, der Tag des Gesundheitsamtes 2026 steht unter dem Motto „Vielfalt für Gesundheit“. Was bedeutet dieses Leitmotiv für den Öffentlichen Gesundheitsdienst – und was verbinden Sie persönlich damit?
Der ÖGD ist für alle da! Er ist die „dritte“ Säule im Gesundheitswesen und die einzige, die bevölkerungsmedizinisch ausgerichtet ist. Welche unverzichtbare Bedeutung dies hat, hat man gerade in der Corona-Pandemie gesehen. Seine Aufgabe ist, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern und zu schützen.
Dies bedeutet, dass der ÖGD die Lebensrealitäten aller Bevölkerungsgruppen anerkennen und die Gesundheitschancen für alle Menschen verbessern soll und möchte.
Für mich bedeutet dies unter anderem, dass wir passgenaue Angebote brauchen und niemanden gesundheitlich zurücklassen wollen.
Der ÖGD arbeitet mit sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Wie gelingt es den Gesundheitsämtern, dieser gesellschaftlichen Vielfalt im Alltag gerecht zu werden?
Wir sollten inklusiv, kultursensibel und zielgruppengerecht arbeiten. Dies umfasst beispielsweise einfache Sprache, mehrsprachige Informationen und den Einsatz von Dolmetscherinnen und Dolmetschern. Die Mitarbeitenden sind in interkultureller Kompetenz zu schulen, um mit unterschiedlichen sozialen Gruppen und Kulturen erfolgreich interagieren zu können. Hier ist der ÖGD auf einem guten Weg und entwickelt sich immer weiter.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen, wenn es um gesundheitliche Chancengerechtigkeit und den Abbau von Barrieren geht?
Die größten Herausforderungen sind soziale Unterschiede wie Armut, Bildung oder Familien mit Alleinerziehenden. Ebenso wichtig sind Sprach- und Kulturbarrieren, bürokratische Hürden und begrenzte Ressourcen. Es geht darum, diese Barrieren abzubauen, gemeinsam und mit intelligenten Lösungen.
Vielfalt betrifft auch die Teams innerhalb der Gesundheitsämter. Welche Bedeutung hat die interdisziplinäre Zusammenarbeit für die Qualität der Arbeit?
Im ÖGD gilt das Gleiche wie im Teamsport: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit und eine vielfältige Teamzusammensetzung haben eine große Bedeutung für das Ergebnis. Sie verbessern die Qualität der Arbeit, weil zum Beispiel verschiedene Fachkenntnisse und Perspektiven zusammenkommen. Probleme können so ganzheitlicher betrachtet werden und Angebote besser an die Bedürfnisse von einzelnen Bevölkerungsgruppen angepasst werden.
Angesichts von Fachkräftemangel und steigenden Anforderungen: Welche politischen oder finanziellen Rahmenbedingungen braucht der ÖGD, um seine Aufgaben langfristig verlässlich erfüllen zu können? Welche Bedeutung hat dabei der Pakt für den ÖGD – und wie sollte es aus Ihrer Sicht nach seinem geplanten Auslaufen Ende 2026 weitergehen?
Der ÖGD benötigt weiterhin politische Unterstützung, denn auch in Nicht-Krisenzeiten leistet er einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesundheit der Bevölkerung, beispielsweise in der Krankheitsüberwachung, in der Gesundheitsförderung oder im Trinkwasserschutz. Zudem sind neue Aufgaben hinzugekommen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Klimawandel und der Vorbereitung auf verschiedenste Krisenlagen. Schließlich braucht er, wie alle essentiellen Bereiche, eine ausreichende finanzielle Grundlage sowie gute Arbeitsbedingungen. Dazu gehören eine wettbewerbsgerechte Bezahlung und gute Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Letztlich ist auch eine moderne Infrastruktur erforderlich, insbesondere auch mit dem Einsatz von zeitgemäßen IT- und EDV-Strukturen. Vor diesem Hintergrund ist das geplante Auslaufen des Paktes für den ÖGD kritisch zu sehen. Der Pakt und die bereitgestellten finanziellen Hilfen haben zu einem dringend erforderlichen Personalaufwuchs – gerade auch in Gesundheitsämtern – sowie zur Modernisierung von Arbeitsweisen und Strukturen beigetragen. Ohne eine nachhaltige Finanzierung droht nun, dass dies wieder verloren geht. Notwendig wäre daher die Fortführung des Paktes für den ÖGD.
Mit Blick auf die kommenden Jahre: Wie sollte ein moderner, vielfältiger ÖGD idealerweise aufgestellt sein?
Ein moderner, vielfältiger ÖGD sollte ausreichend finanziell und strukturell ausgestattet sein. Die Mitarbeitenden sollten interdisziplinär qualifiziert sein und die Vielfalt der Bevölkerung in sich abbilden. Er sollte eng mit anderen Institutionen zusammenarbeiten sowie eine starke Verbindung zur akademischen Lehre und Forschung haben, um Gesundheitsschutz und -förderung erfolgreich für die Bevölkerung wahrnehmen zu können. Dies hat uns die vergangene Corona-Pandemie gelehrt. Ziel ist und bleibt, die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten und zu erhöhen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Greta Becker, Pressereferentin, Marburger Bund Niedersachsen.
