Mit welchen Themen hat sich der Ausschuss „Digitalisierung und Strategien im Gesundheitswesen“ der Ärztekammer Hamburg hauptsächlich beschäftigt – und was konnten Sie erreichen?
Wir haben uns vor allem mit der Frage beschäftigt, wie Digitalisierung im Versorgungsalltag tatsächlich ankommt. Also nicht nur: Welche Technik gibt es? Sondern: Hilft sie den Praxen, Kliniken, MFA und Patientinnen und Patienten wirklich – oder erzeugt sie am Ende nur zusätzliche Arbeit?
Ein Schwerpunkt war die Telematikinfrastruktur, insbesondere die ePA, KIM und das eRezept. Hier war für uns wichtig, die Erfahrungen aus der Modellregion Hamburg aufzunehmen und daraus praktische Anforderungen abzuleiten. Ein weiterer Schwerpunkt waren Fortbildungen. Das war aus meiner Sicht auch ein konkreter Erfolg: Unsere Veranstaltungen zur Digitalisierung, etwa zur ePA oder zu KI-Anwendungen in der Medizin, waren sehr gut besucht – teilweise mit über 100 Teilnehmenden. Das zeigt, wie groß der Bedarf nach Orientierung und praxisnaher Einordnung in der Ärzteschaft ist.
Außerdem haben wir uns mit dem MFA-Mangel beschäftigt. Digitalisierung funktioniert nur, wenn die Menschen, die sie im Alltag umsetzen, mitgedacht werden. Deshalb ging es auch um Wertschätzung, bessere Rahmenbedingungen, Fortbildungsmöglichkeiten und darum, Praxisteams nicht zusätzlich zu belasten.
Insgesamt würde ich sagen: Wir haben Digitalisierung nicht als Selbstzweck betrachtet, sondern immer aus der Perspektive der Versorgung und der ärztlichen Praxis.
Wie verläuft die Einführung der ePA in Hamburg? Ist sie eine Erleichterung für Ärztinnen und Ärzte?
Hamburg hatte durch die Modellregion eine besondere Rolle, weil hier früh praktische Erfahrungen mit der ePA gesammelt werden konnten. Das ist grundsätzlich ein Vorteil, weil Probleme nicht nur theoretisch diskutiert werden, sondern im Alltag sichtbar werden und angegangen werden können.
Ich selbst arbeite nicht täglich in einer Praxis mit der ePA, deshalb würde ich hier vorsichtig antworten. Mein Eindruck aus den Rückmeldungen im Ausschuss ist: Das Potenzial ist groß, aber die Entlastung ist noch nicht automatisch da. Die ePA kann dann eine echte Erleichterung werden, wenn relevante Informationen schnell auffindbar, gut strukturiert und ohne zusätzlichen Aufwand nutzbar sind.
Wenn sie dagegen vor allem bedeutet, dass Ärztinnen, Ärzte oder MFA zusätzliche Dokumente hochladen, erklären oder suchen müssen, dann wird sie zunächst eher als Mehrarbeit empfunden. Die ePA ist sicherlich ein richtiger und notwendiger Schritt – aber sie wird erst dann zur Entlastung, wenn sie wirklich praxistauglich in die Abläufe integriert ist.
Warum gestaltet sich der Digitalisierungsprozess so mühsam? Welche Rolle spielt die ärztliche Selbstverwaltung?
Meiner Meinung nach ist Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen nicht deshalb so mühsam, weil niemand sie will. Sie ist mühsam, weil sehr viele Strukturen und Zuständigkeiten ineinandergreifen: Datenschutz, unterschiedliche Software-Systeme, ambulanter und stationärer Sektor, Kassen, KVen, Politik und Hersteller. Dadurch werden selbst gute Ideen in der Umsetzung oft kompliziert.
Viele Ärztinnen und Ärzte wollen digitale Lösungen nutzen – wenn sie funktionieren und den Alltag erleichtern. Frust entsteht dann, wenn Anwendungen nicht gut ineinandergreifen, wenn Insellösungen entstehen oder wenn digitale Prozesse am Ende mehr Bürokratie statt weniger bedeuten.
Die ärztliche Selbstverwaltung hat hier eine wichtige Aufgabe. Sie sollte Digitalisierung nicht blockieren, sondern kritisch und konstruktiv begleiten. Wir müssen frühzeitig eingebunden werden – nicht erst dann, wenn fertige Systeme in die Versorgung ausgerollt werden. Die entscheidende Frage muss immer sein: Verbessert das die Versorgung, und ist es im Alltag wirklich nutzbar?
Was sollte in Sachen Digitalisierung in den kommenden Jahren dringend angegangen und umgesetzt werden?
Aus meiner Sicht müssen wir in den kommenden Jahren vor allem die Vernetzung und Interoperabilität verbessern. Das beginnt schon zwischen Krankenhäusern, aber natürlich auch zwischen Klinik und Praxis, Apotheke, Pflege und Notfallversorgung. Für die Behandlung ist entscheidend, dass relevante Informationen dort verfügbar sind, wo sie gerade gebraucht werden – also etwa Vorbefunde, Entlassbriefe, Medikationspläne, Laborwerte oder Bildgebung.
Im Moment erleben viele Kolleginnen und Kollegen noch, dass Informationen fehlen, verspätet kommen oder mühsam zusammengesucht werden müssen. Genau da muss Digitalisierung ansetzen: Sie sollte nicht zusätzliche Arbeit erzeugen, sondern Behandlung sicherer und Abläufe einfacher machen.
Bei KI sehe ich großes Potenzial, zum Beispiel bei Dokumentation, Arztbriefen oder der Strukturierung von Informationen. Das kann den ärztlichen Alltag spürbar entlasten und effizienter gestalten. Gleichzeitig muss der Einsatz medizinisch sinnvoll, transparent und verantwortbar bleiben.
Wie wird sich der Arztberuf verändern – und welche Kompetenzen werden künftig entscheidend sein?
Ich finde, wir leben gerade in einer sehr spannenden Zeit für die Medizin. Der Arztberuf wird sich durch Digitalisierung und KI aus meiner Sicht deutlich verändern – nicht in seinem Kern, aber im Anforderungsprofil und im notwendigen Skillset.
Ich sehe darin vor allem eine große Chance. Wenn digitale Anwendungen gut gemacht sind, können sie Versorgung verbessern und Ärztinnen und Ärzte im Alltag entlasten – zum Beispiel bei Dokumentation, Bürokratie, Recherche oder der Strukturierung von Informationen. Im besten Fall gewinnen wir dadurch wieder mehr Zeit für das, was Medizin eigentlich ausmacht: das Gespräch, die Untersuchung, die ärztliche Einschätzung und die Beziehung zu den Patientinnen und Patienten.
Gleichzeitig wird die Fähigkeit, digitale Informationen einzuordnen, immer wichtiger. Ärztinnen und Ärzte müssen beurteilen können, ob ein digitales Ergebnis plausibel ist, welche Daten dahinterstehen, wo die Grenzen eines Systems liegen und wann man einem Vorschlag gerade nicht folgen sollte. Diese Bewertungskompetenz wird aus meiner Sicht eine zentrale ärztliche Fähigkeit.
Viele Patientinnen und Patienten kommen heute schon mit Informationen aus dem Internet oder aus KI-Anwendungen in die Sprechstunde. Unsere Aufgabe wird dann nicht nur sein, noch mehr Informationen zu liefern, sondern Orientierung zu geben: Was ist relevant? Was ist verlässlich? Und was bedeutet das für den konkreten Menschen vor uns?
Für mich bleibt deshalb die ärztliche Kernkompetenz die Verbindung aus medizinischem Wissen, kritischer Einordnung, Kommunikation und persönlicher Verantwortung. Digitale Werkzeuge können uns dabei sehr helfen. Aber die ärztliche Entscheidung und die Verantwortung für die Behandlung bleiben beim Menschen.
Zur Person: Dr. Christoph Hillen ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Mitgründer der Plattform Reesi UG. Er ist Mitglied der Delegiertenversammlung und Vorsitzender des Ausschusses „Digitalisierung und Strategien im Gesundheitswesen“ der Ärztekammer Hamburg.
