Mitgestalten statt zuschauen

Ärztekammer Niedersachsen
20.August 2026
Hannover
Verantwortung übernehmen, unterschiedliche Perspektiven zusammenführen und die Interessen angestellter Ärztinnen und Ärzte in der ärztlichen Selbstverwaltung vertreten – mit diesem Anspruch engagieren sich Dr. Rosemarie Hanna und Christian Popoviciu in der zu Beginn des Jahres neu konstituierten Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen sowie gemeinsam als Vorsitzende der MB-Gruppe. Im Interview berichten sie über ihre Motivation, bisherige Eindrücke und die Themen, die sie in den kommenden Jahren bewegen werden.
Gemeinsam für den MB in der Kammer: Omar-Christian Popoviciu und Dr. Rosemarie Hanna (Fotos: MB Niedersachsen/Helge Krückeberg)
Gemeinsam für den MB in der Kammer: Omar-Christian Popoviciu und Dr. Rosemarie Hanna (Fotos: MB Niedersachsen/Helge Krückeberg)

Mit der Kammerwahl 2025 wurden Sie erstmals als Delegierte in die Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen gewählt. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, Verantwortung in der ärztlichen Selbstverwaltung zu übernehmen?

Popoviciu: Ich bin in einer Arztpraxis aufgewachsen. Schon als Kind habe ich erlebt, dass Menschen oft nicht nur medizinische Hilfe suchen, sondern jemanden brauchen, der zuhört, Verantwortung übernimmt und sich kümmert. Dieses Verständnis begleitet mich bis heute. Für mich endet ärztliche Verantwortung nicht an der Tür des Behandlungszimmers, sondern schließt auch die Mitgestaltung der Rahmenbedingungen ein, unter denen wir Medizin ausüben. Deshalb möchte ich die Perspektive aus Klinik, MVZ, meiner langjährigen Tätigkeit im Sozialpsychiatrischen Dienst und dem Personalrat aktiv in die Kammer einbringen und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an guten Rahmenbedingungen für unseren Beruf arbeiten.

Dr. Hanna: Für mich war es wichtig, nicht nur Entwicklungen im Gesundheitswesen zu beobachten, sondern sie aktiv mitzugestalten. Die ärztliche Selbstverwaltung ist ein besonderes Privileg unseres Berufsstandes: Sie ermöglicht es uns, unsere fachlichen Erfahrungen unmittelbar einzubringen und an der Zukunft unseres Berufes mitzuwirken. Dieses Privileg bringt aus meiner Sicht auch Verantwortung mit sich. Mir ist außerdem wichtig zu zeigen, dass Engagement etwas bewirken kann. Gerade jungen Kolleginnen und Kollegen möchte ich vermitteln, dass Veränderungen nur dann möglich sind, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und sich konstruktiv einzubringen.

 

Welche Themen aus dem ärztlichen Alltag beschäftigen Sie besonders? Welche Erfahrungen oder Perspektiven möchten Sie in Ihre neue Funktion einbringen?

Dr. Hanna: Mich beschäftigen vor allem der zunehmende Personal- und Fachkräftemangel sowie die stetig wachsende Bürokratie und die daraus resultierende steigende Belastung der Beschäftigten. Ärztinnen und Ärzte verbringen immer mehr Zeit mit Dokumentation und Verwaltung – zulasten der Versorgung von Patientinnen und Patienten und der Weiterbildung des ärztlichen Nachwuchses. Politische Entscheidungen dürfen nicht am Klinikalltag vorbeigehen. Genau diese Erfahrungen aus der täglichen Versorgung möchte ich in die Kammerarbeit einbringen.

Popoviciu: Mich beschäftigt vor allem die Frage, wie wir den Menschen trotz zunehmender Bürokratie, Digitalisierung und wirtschaftlicher Zwänge im Mittelpunkt behalten können. In der Neurologie, im Sozialpsychiatrischen Dienst und in der Notaufnahme begegnen mir täglich Menschen in sehr verletzlichen Lebenssituationen. Gute Medizin beginnt für mich damit, den Menschen hinter der Diagnose wahrzunehmen.

 

Sie haben inzwischen erste Sitzungen der Kammerversammlung erlebt. Wie sind Ihre bisherigen Eindrücke?

Popoviciu: Ich war beeindruckt von der Vielzahl engagierter Kolleginnen und Kollegen, die bereit sind, Zeit und Energie für die Selbstverwaltung einzusetzen. Gleichzeitig habe ich gespürt, wie wichtig es ist, neue Perspektiven einzubringen und jüngere Kolleginnen und Kollegen stärker mitzunehmen. Die Kammer lebt davon, dass Erfahrung und neue Ideen gemeinsam wirken.

Dr. Hanna: Ich wusste im Vorfeld nicht genau, was mich in der Kammerversammlung erwarten würde. Umso positiver war ich überrascht, wie engagiert und konstruktiv dort diskutiert und gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird. Besonders positiv finde ich den generationenübergreifenden Austausch. Erfahrene und jüngere Ärztinnen und Ärzte bringen unterschiedliche Perspektiven ein – und genau dieses Miteinander halte ich angesichts der aktuellen Herausforderungen für besonders wichtig.

 

Sie beide übernehmen Verantwortung als Vorsitzende der MB-Gruppe. Was möchten Sie gemeinsam als MB-Gruppe erreichen?

Dr. Hanna: Als Marburger Bund möchten wir dazu beitragen, unterschiedliche Perspektiven innerhalb der Ärzteschaft zusammenzuführen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, betreffen den gesamten Berufsstand. Umso wichtiger ist es, Interessen zu bündeln und den Austausch über Fachrichtungen und Generationen hinweg zu fördern. Dabei profitieren wir von den Erfahrungen vieler engagierter Kolleginnen und Kollegen – von denen, die sich weiterhin aktiv einbringen, ebenso wie von denen, die die Arbeit des Marburger Bundes in der Kammerversammlung teils über viele Jahre mitgestaltet haben und ihr Wissen auch heute noch mit uns teilen. Dafür sind wir sehr dankbar.

Popoviciu: Wir möchten Brücken bauen zwischen den unterschiedlichen Generationen, Fachrichtungen und Tätigkeitsbereichen unseres Berufsstandes. Dabei geht es nicht nur um berufspolitische Themen, sondern auch um die Frage, wie wir die Freude am Arztberuf erhalten und gute Bedingungen für die nächste Generation schaffen können. Gemeinsam erreichen wir mehr als jeder für sich allein.

 

Sie engagieren sich beide zusätzlich in unterschiedlichen Ausschüssen, „Qualität und Management“ bzw. „Krankenhausangelegenheiten“. Welche Themen stehen in Ihrem Ausschuss aktuell besonders im Fokus? Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Popoviciu: Qualität entsteht für mich nicht allein durch Vorgaben und Kennzahlen, sondern vor allem durch Kultur. Deshalb beschäftigen mich Themen wie die Patientensicherheit, eine konstruktive Fehlerkultur und eine respektvolle Zusammenarbeit besonders. Gerade im Gesundheitswesen entstehen durch Hierarchien und Abhängigkeiten Situationen, in denen Macht missbraucht werden kann. Mir ist wichtig, Strukturen zu fördern, in denen Respekt, Fairness und ein Sicherheitsgefühl für alle Beteiligten selbstverständlich sind und Menschen ohne Angst vor Nachteilen ihre Stimme erheben können. Deshalb engagiere ich mich auch im Arbeitskreis „Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch im medizinischen Kontext“. Ein offener Umgang mit solchen Themen, über die im Gesundheitswesen häufig noch zu wenig gesprochen wird, ist aus meiner Sicht ein wichtiger Bestandteil einer guten Qualitätskultur. Menschen können nur dann ihr Bestes geben, wenn sie sich sicher, respektiert und wertgeschätzt fühlen.

Dr. Hanna: Ich erlebe im Klinikalltag jeden Tag, wie eng gesundheitspolitische Entscheidungen und die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten miteinander verknüpft sind. Im Ausschuss beschäftigen uns derzeit insbesondere die Krankenhausreform sowie die Diskussionen um das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Viele Kolleginnen und Kollegen haben den Eindruck, dass die Herausforderungen des Klinikalltags politisch noch nicht ausreichend berücksichtigt werden. Ein zentrales Problem ist aus meiner Sicht die Krankenhausfinanzierung. Besonders besorgniserregend ist, dass mögliche Krankenhausschließungen auch die Facharztausbildung vieler Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gefährden können. Ausbildungsgänge könnten unterbrochen, teilweise sogar Arbeitgeber- oder Wohnortwechsel erforderlich werden. Die Folgen für den ärztlichen Nachwuchs werden in der politischen Debatte häufig unterschätzt.

 

Berufspolitisches Engagement ist ein zusätzliches Ehrenamt neben dem ärztlichen Alltag. Zudem sind Sie beide auch Eltern. Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Klinik, Familie und Ehrenamt?

Dr. Hanna: Ein solches Engagement gelingt nur mit guter Organisation und einem verlässlichen Umfeld. Ich bin sehr dankbar für verständnisvolle Kolleginnen und Kollegen und vor allem für meine Familie, die mich dabei unterstützt und mir den Rücken freihält. Natürlich funktioniert nicht immer alles perfekt. Aber mit guter Kommunikation, einer langfristigen Planung und gegenseitiger Unterstützung lässt sich vieles gut miteinander vereinbaren.

Popoviciu: Meine Familie ist mein Fundament. Sie erinnert mich daran, warum ich all diese Aufgaben überhaupt übernehme. Natürlich ist die Balance nicht immer einfach, aber ich empfinde es als großes Privileg, in unterschiedlichen Bereichen Menschen unterstützen und etwas Positives bewirken zu können.

 

Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Erwartungen haben Sie an die ärztliche Selbstverwaltung?

Popoviciu: Ich wünsche mir eine Selbstverwaltung, die zuhört, verbindet und Mut zur Weiterentwicklung hat. Die Herausforderungen im Gesundheitswesen verändern sich ständig. Deshalb müssen auch wir bereit sein, neue Wege zu gehen, ohne dabei unsere Werte aus den Augen zu verlieren.

Dr. Hanna: Zu Beginn meines Engagements hatte ich die Vorstellung, dass Veränderungen schneller umgesetzt werden könnten. Inzwischen weiß ich, dass politische Prozesse Zeit brauchen. Gerade deshalb wünsche ich mir eine starke ärztliche Selbstverwaltung, die ihre Erfahrungen selbstbewusst in politische Entscheidungen einbringt. Gute Gesundheitspolitik entsteht nicht ohne die Perspektive derjenigen, die täglich Patientinnen und Patienten versorgen.

 

Was möchten Sie Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben, die sich berufspolitisch engagieren möchten?

Dr. Hanna: Mein wichtigster Rat lautet: lieber früher als später anfangen. Berufspolitisches Engagement braucht Zeit, um Erfahrungen zu sammeln und Netzwerke aufzubauen. Dabei muss niemand sofort ein großes Amt übernehmen – jede und jeder kann im eigenen Rahmen etwas bewegen. Der Marburger Bund bietet dafür eine starke Gemeinschaft und vielfältige Unterstützung. Gemeinsam lässt sich mehr bewegen, als viele zunächst glauben.

Popoviciu: Warten Sie nicht darauf, irgendwann perfekt vorbereitet zu sein. Jede Stimme, jede Erfahrung und jede Perspektive kann einen Unterschied machen. Oft beginnt Veränderung mit einem einzelnen Menschen, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich die einfache Frage zu stellen, wie er anderen helfen kann. Das gilt für die Medizin genauso wie für die Selbstverwaltung.

 

Das Interview führte Anna Dierking, MB Niedersachsen.

Zu den Personen

Dr. Rosemarie Hanna und Christian Popoviciu vertreten den Marburger Bund in der Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen und engagieren sich gemeinsam als Vorsitzende der Gruppe Marburger Bund in der Kammer.

Dr. Rosemarie Hanna ist kooptiertes Mitglied des Landesvorstands des MB Niedersachsen. Sie arbeitet als Oberärztin am Diakovere Friederikenstift Hannover und ist Fachärztin für Innere Medizin und Nephrologie mit der Zusatzweiterbildung Palliativmedizin. In der Ende 2025 gewählten Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen ist sie erstmals vertreten und übernimmt dort das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden des Ausschusses für Krankenhausangelegenheiten.

Omar-Christian Popoviciu wurde Ende 2025 neu als Delegierter des Marburger Bundes in die Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen gewählt. Der Facharzt für Neurologie im Klinikum Wolfsburg und im MVZ am Klinikum Wolfsburg engagiert sich als stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses Qualität und Management sowie im Arbeitskreis „Sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch im medizinischen Kontext".